Berlin  Kinderärztepräsident: Ein Smartphone für 9-Jährige ist definitiv zu früh!

Tobias Schmidt
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Von Tobias Schmidt
| 29.07.2023 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Wenn Kinder vor dem Tablet kleben, „stehen mir die Haare zu Berge“, sagt Kinderärztepräsident Thomas Fischbach. Foto: Imago Images
Wenn Kinder vor dem Tablet kleben, „stehen mir die Haare zu Berge“, sagt Kinderärztepräsident Thomas Fischbach. Foto: Imago Images
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Die Zunahme seelischer Leiden bei Jugendlichen alarmiert Deutschlands Kinder- und Jugendärzte. Ihr Präsident Thomas Fischbach sieht eine der Ursachen im Dauerkonsum „schädlicher“ sozialer Netzwerke wie TikTok und ruft alle Eltern auf, Kindern bei der Mediennutzung konsequent Grenzen zu setzen.

Auf TikTok, Instagram und YouTube „tummeln sich sogenannte Influencer, die zahllose ungefestigte junge Menschen negativ beeinflussen“, beklagt Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), im Interview.

Unbegrenzter Medienkonsum sei eine Ursache psychischer Erkrankungen, die unter Jugendlichen stark zugenommen haben. Wenn er beobachte, wie selbst Kleinkinder vor Tablets kleben, „stehen mir die Haare zu Berge“, sagt der erfahrene Kinderarzt aus Solingen und drängt Eltern, ihren Kindern frühestens ab zwölf Jahren ein Smartphone zu geben.

Beunruhigt ist der Kinder- und Jugendärztepräsident auch über die von Gesundheitsminister Karl Lauterbach geplante Cannabis-Legalisierung: Der Schutz der Jugendlichen vor einem gefährlichen Drogenkonsum werde völlig vernachlässigt.

Frage: Herr Dr. Fischbach, was haben Sie gegen die von Gesundheitsminister Karl Lauterbach geplante Cannabis-Legalisierung?

Antwort: Unsere Sorge ist, dass Karl Lauterbach die Risiken unterschätzt. Wir haben grundsätzlich nichts dagegen, Cannabis aus der Schmuddelecke zu holen. Jugendliche, die konsumieren, sollten ohnehin nicht bestraft werden, sondern ihnen sollte mit geeigneten Frühinterventionsprogrammen geholfen werden, das ist schon ein richtiger Ansatz. Aber wir sehen den Jugendschutz in Gefahr, allen anderslautenden Beteuerungen zum Trotz.

Frage: Warum?

Antwort: Weil viele drängende Fragen unbeantwortet sind. Wie soll verhindert werden, dass Minderjährige an den Stoff kommen, den sich Erwachsene legal im Anbau-Club abholen? Das funktioniert auch beim Alkohol nicht. Wenn dann in einem zweiten Schritt auch noch die kommerziellen Geschäfte kommen, müssen wir befürchten, dass viele Über-18-Jährige ihre Drogen an Jugendliche verkaufen, um so ihre Sucht zu finanzieren. Dass der Jugendschutz zentrales Element des Gesetzes sei, erscheint uns angesichts eines deutlich ausgeweiteten Marktes und der Normalisierung von Cannabiskonsum in aller Öffentlichkeit wie eine Alibi-Aussage. Der Gefahr, dass junge Menschen, deren Gehirne noch nicht ausgereift sind, durch Cannabis-Konsum Gesundheitsschäden erleiden, wird nicht hinreichend begegnet.

Frage: Der Minister hat seine Hausaufgaben nicht gemacht?

Antwort: Herr Lauterbach muss konkret beantworten, wie er die jungen Menschen schützen will. Das steht noch aus. Das Ministerium räumt selbst ein, dass Jugendliche durch die Legalisierung meinen könnten, dass der Konsum ungefährlich ist. Dem will man durch Hinweise auf der Webseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung begegnen und vielleicht eine Kampagne starten. Das ist eindeutig zu wenig.

Frage: Auch ohne Cannabis-Legalisierung hat die Zahl der Jugendlichen – vor allem der Mädchen – mit Depressionen und Essstörungen stark zugenommen. Laut Statistischem Bundesamt sind zehn Prozent psychisch krank. Haben Sie Erklärungen?

Antwort: Vorab: Diese sehr bedenkliche und inakzeptable Entwicklung hat schon vor Corona begonnen, das lag nicht alles an der Lockdown-Politik. Die Probleme treten oft mit Beginn der Pubertät auf, in der sich die Persönlichkeit festigt, die Hirnentwicklung einen Sprung macht. Das ist ein labiles Alter, in dem die Gefahr, aus der eigenen Mitte abzurutschen, höher ist. Man kann die Zunahme der Auffälligkeiten und Erkrankungen auch auf gesellschaftliche Veränderungen zurückführen, die den Jugendlichen nicht guttun. Es gibt kein breit akzeptiertes Wertegerüst mehr und damit immer weniger Planken, an denen sich Heranwachsende festhalten können. 

Frage: Der Preis der Freiheit?

Antwort: Individualismus und Beliebigkeit können extrem belastend sein. Die mediale Aufsplitterung und die vermeintlichen Sozial-Netzwerke machen es umso schwerer, eine eigene Mitte zu finden und die eigene Persönlichkeit zu festigen.

Frage: TikTok und Co. sind schädlich?

Antwort: Ja natürlich, das ist längst erwiesen. Auf TikTok, Instagram oder YouTube wird teils ein Schlankheitswahn zelebriert, nach dem die Teenager streben sollen, und wer nicht mitmacht, ist raus. Da tummeln sich sogenannte Influencer, die zahllose ungefestigte junge Menschen negativ beeinflussen. Früher war sicher nicht alles besser. Aber die Lebensbedingungen für Heranwachsende sind viel komplizierter geworden, und viele macht das psychisch krank, das sehen wir in unseren Praxen ganz deutlich.

Frage: Was können Eltern tun?

Antwort: Die Kinder nicht in die Glasglocke stecken und von allem fernhalten, aber dem Medien- und Internetkonsum klare Grenzen setzen! Wenn ich beobachte, dass schon Kleinkinder Tablets in die Hand bekommen und ohne ihre Spiele und Comicserien nicht essen wollen, stehen mir die Haare zu Berge. Ein Smartphone schon für Neunjährige ist definitiv zu früh! Da ist die Gefahr der Verführung zu groß, allen technischen Kontrollmöglichkeiten zum Trotz. Vor einem Alter von zwölf Jahren sollten Kinder kein internetfähiges Handy haben. Auch mit Tastenhandys kann man jederzeit erreichbar sein. Die Eltern dürfen sich nicht aus Bequemlichkeit davor drücken, Grenzen zu setzen. Ein wenig Standhaftigkeit sind Eltern ihren Kindern schuldig. Die reale Welt wird für eine gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen immer wichtiger bleiben als die virtuelle.

Frage: Ist auch die Politik gefragt?

Antwort: Kinder mit Eltern in schwierigen Lebenslagen haben es selbst schwerer, zu starken Erwachsenen heranzureifen. Wer zu viele eigene Probleme hat, kann sich oft nicht ausreichend kümmern. Die Politik stößt da an Grenzen. Aber sie kann dafür sorgen, dass keine Familie in einem so reichen Land wie Deutschland in echte materielle Armut abrutscht. So viel sollte uns unser Nachwuchs wert sein. Das Gezerre um die Kindergrundsicherung ist für mich daher verstörend. Das Anliegen von Familienministerin Lisa Paus für eine echte Kindergrundsicherung muss nach der Sommerpause umgesetzt werden. Wenn wir nicht mehr für unsere Kinder tun, fällt uns das als Gesellschaft bald heftig auf die Füße.

Frage: Dauern die Corona-Schäden noch fort?

Antwort: Die Isolation in der Corona-Pandemie hat das alles noch verschlimmert, weil die jungen Menschen auf sich selbst zurückgeworfen waren und ihre Freundinnen und Freunde nicht treffen konnten, allenfalls online. Dass es so schlecht steht um die seelische Gesundheit unserer Jugend ist hart, weil sie die Zukunft sind. Ich war selbst Mitglied der interministeriellen Arbeitsgruppe zum Umgang mit den Corona-Folgen bei Jugendlichen. Es wurden klare Aufträge formuliert, etwa der, Brennpunktschulen mit mehr Mental Health Coaches auszustatten. Aber auch dafür gibt es nicht genug Mittel, jedenfalls nur ein Viertel dessen, was die Niederländer dafür aufbringen. Dass sich der Staat einen schlanken Fuß macht, wenn es um die Finanzierung und konkrete Umsetzung solcher Programme geht, ist aus Sicht der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte ein großer Fehler.

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