Tote Kälber und Fohlen Nabu sieht sich zu Unrecht an den Pranger gestellt
Der Nabu Niedersachsen wehrt sich gegen Vorwürfe des Landkreises Leer und kündigt Klagen an. Eine schnelle Beendigung der Weideprojekte in Nüttermoor würde ein „Massaker“ an den Tieren bedeuten.
Leer - Der Naturschutzbund (Nabu) Niedersachsen sieht sich wegen dreier toter Heck-Kälber und zwei toter Konik-Fohlen in Weideprojekten zu Unrecht an den Pranger gestellt und vom Landkreis Leer mit unangebrachten Auflagen und kaum bis gar nicht erfüllbaren Fristen konfrontiert. Das sagt der Nabu-Landesvorsitzende Dr. Holger Buschmann während einer Pressekonferenz am Mittwoch. Die Tiere leben ganzjährig weitgehend wild auf den Flächen in Nüttermoor, werden aber von Tierbetreuern beobachtet und im Zweifel versorgt.
Was und warum
Darum geht es: Der Streit zwischen Landkreis Leer und Nabu wegen toter Kälber und Fohlen bei Beweidungsprojekten des Nabu spitzt sich soweit zu, dass er wohl vor Gericht landen wird. Der Nabu fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt und vom Landkreis drangsaliert.
Vor allem interessant für: Tierfreunde, Freunde und Gegner des Nabu
Deshalb berichten wir: Der Nabu Niedersachsen hatte zur Pressekonferenz geladen. Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de
Buschmann kündigt Klagen und Regressforderungen gegen den Landkreis an und widersprach der Darstellung des Landkreises, die Tiere seien unterernährt und stark von Parasiten befallen. Die Herden seien in einem guten Zustand. Buschmann räumte aber auch Fehler des Nabu ein, die allerdings das Wohl der Tiere nicht beeinträchtigt hätten.
Was ist passiert?
Im Mai sollte bei Heckrindern Blut entnommen werden, schildert Buschmann. Dazu waren die Tiere am Tag zuvor am Versorgungsplatz des Geländes festgesetzt worden. Nachdem es nachts heftig geregnet hatte und der Boden glitschig geworden sei, habe das Veterinäramt des Landkreises entschieden, die Tiere wieder auf die Weide zu entlassen. Dabei sei wohl ein Kalb übertrampelt worden, sagt Buschmann. Es sei nach Absprache mit dem Tierarzt an einem trockenen Platz auf Heu gelegt worden, in der Hoffnung, es werde sich über Nacht erholen und von der Mutter in die Herde zurückgeholt werden. Das passierte aber nicht, also wurde es am nächsten Tag eingeschläfert. Zu diesem Zeitpunkt habe es an dem gleichen Platz gelegen, wo es am Abend zuvor abgelegt wurde, behauptet Buschmann.
Trotzdem tauchte ein Video auf, dass das Kalb röchelnd im Matsch liegend zeigte. „Das ist unfassbar und für mich total erschütternd“, sagt Holger Buschmann. Zum einen, weil man davon ausgehen müsse, dass das Tier für das Video umgelagert wurde. Zum anderen, weil der Filmer dem offensichtlich leidenden Tier nicht geholfen habe.
In der Folge habe man bei drei Absetzern, also Rindern, die gerade von der Milch der Mutter abgesetzt wurden, struppiges Fell festgestellt, das darauf hinweist, dass es ihnen nicht gut gehe. Eines davon sei heute quietschfidel und gesund, zwei von ihnen seien gestorben, eines mit einer Verletzung am Bein. Der Landkreis hatte unter anderem einen Mineralstoffmangel festgestellt, der bei einer solchen Weidehaltung nicht ungewöhnlich sei, so Buschmanns Aussage. Den Tieren würden Leck-Eimer mit Mineralstoffen angeboten. Da die Absetzer in der Hierarchie ganz hinten stünden, trauten sie sich oft nicht an die Eimer heran.
Der Landkreis hatte außerdem einen schlechten Ernährungszustand der Tiere und einen starken Befall mit Parasiten festgestellt. Beidem widerspricht Buschmann, der betont, er habe sich die Herde selber vor Ort angeschaut. Buschmann ist Biologe.
Man habe deshalb Fachleute hinzugezogen, um ein Gegengutachten erstellen zu lassen. Da habe es aber offenbar ein Missverständnis gegeben. Sie hätten zwar ihre – wie Buschmann sagt positive – Einschätzung gegeben, aber kein Gutachten erstellt. Öffentlich äußern wollten sie sich jetzt nicht mehr. Der Nabu-Landesvorsitzende kündigte aber an, die Einschätzung vor Gericht einfordern zu wollen.
Unabhängig von den toten Kälbern waren auf der Nachbarweide zwei Konik-Fohlen gestorben. Sie seien in ein Matschfeld geraten in einem Gebiet, in dem sie sich noch nie aufgehalten hätten, so Holger Buschmanns Erklärung. Er geht davon aus, dass überfliegende Drohnen sie dorthin getrieben hätten.
Forderungen des Landkreises
Der Landkreis hatte zunächst eine ganze Reihe von Vorgaben erlassen und dem Nabu dafür kurze Fristen gesetzt. In den meisten Fällen viel zu kurz, wie Buschmann behauptet. Sie betrafen zum Beispiel die Herrichtung des Versorgungsplatzes, die zukünftigen Untersuchungen der Tiere, die Erreichbarkeit von Verantwortlichen für die Weideprojekte, oder die Umzäunung der Weiden. Zudem seien viele der Anordnungen nicht sachgemäß, teilweise unsinnig. Es sei der Eindruck entstanden: „Hier will man uns was Böses.“ Als Beispiele nennt Holger Buschmann die Forderung einer regelmäßigen Hufpflege, am besten alle sechs bis acht Wochen. Dafür müssten die Pferde aber jeweils in Vollnarkose gelegt werden. Der seit anderthalb Jahren angesammelte Mist sollte innerhalb weniger Tage abtransportiert werden. Weil ihn das Veterinäramt wegen der fehlenden Blutuntersuchung – trotz keines einzigen Verdachtsfalls – als risikobehaftetes Material eingestuft habe, habe es zunächst keine Abnehmer für den Mist gegeben. Letztlich habe die Entsorgung mehr als 100.000 Euro gekostet.
Fehler des Nabu
Holger Buschmann räumt ein, dass es die Landschaftspflege und Naturerlebnis GmbH Ostfriesland (LUNO), eine 100-prozentige Nabu-Tochter, im vergangenen Jahr versäumt hatte, bei den Tieren die jährliche Blutproben-Entnahme durchzuführen. Auch sei der angefallene Mist an der Versorgungsfläche nicht abgeschoben worden. Zudem hätten auf den Weiden deutlich mehr Tiere gelebt, als das vom Nabu eigentlich gewollt worden sei. Warum das so gewesen sei, habe man noch nicht aufklären können, so Buschmann. Der zuständige Geschäftsführer der LUNO sei erkrankt und habe noch nicht befragt werden können.
Dass es überhaupt zu den Versäumnissen gekommen sei, habe der Nabu erst im April erfahren und dann sofort eine Fristverlängerung für die Blutabnahme beantragt, behauptet Buschmann. Die sei vom Veterinäramt des Landkreises verweigert worden. Beim dann anberaumten Blutabnahme-Termin sei es zu dem oben beschriebenen Vorfall mit dem übertrampelten Kalb gekommen.
Wie geht es weiter?
Buschmann betont, dass man schon vor geraumer Zeit entschieden habe, die Heck-Rinder-Herde aufzulösen. Das gleiche werde man mit der Pferde-Herde tun. Aber das gehe auf keinen Fall in der vom Landkreis gesetzten Frist von jetzt noch zwei Monaten. Das würde bedeuten, dass man „ein Massaker“ unter den Tieren anrichten müsse. „Das werden wir auf keinen Fall machen, das muss der Landkreis dann selber tun. Dann kriegt der die Bilder in der Presse.“ Eine tierwohl-gerechte Auflösung der Herden brauche zwei bis drei Jahre, sagt Buschmann.
Man werde alles Erdenkliche tun, um diese Zeit auch zu bekommen. Man habe gegen einige Forderungen des Landkreises schon Klage eingereicht und werde das auch gegen die Anordnung tun, die Herden bis Ende September aufzulösen. Da solche Klagen aber keine aufschiebende Wirkung hätten, werde man sich um eine einstweilige Verfügung bemühen. Die Redaktion hat den Landkreis um eine Stellungnahme gebeten, die der „gegebenenfalls“ für Donnerstag ankündigte.
Protest am Rande
Die Pressekonferenz des Nabu hatten drei ansässige Landwirte genutzt, um gegen eine Ungleichbehandlung von Nabu und den landwirtschaftlichen Betrieben zu protestieren. Einer von ihnen ist Biolandwirt, die anderen beiden betreiben konventionelle Landwirtschaft. Ihre Namen wollten sie nicht nennen, weil sie befürchten, anschließend besonders streng vom Landkreis kontrolliert zu werden.
Ihr Vorwurf: Bei ihnen werde akribisch auf die Einhaltung aller Standards und Vorschriften geachtet. Beim Nabu dagegen würden unhaltbare Zustände über Jahre geduldet. Zutritt zur Pressekonferenz bekamen sie nicht.
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