Osnabrück Mallorca und der Sauftourismus: Medien haben Teilschuld an Trinkexzessen
Am Ballermann auf Mallorca fließt der Alkohol meist in Strömen – und so vergessen viele deutsche Touristen schnell ihr gutes Benehmen. Aber ist die Situation wirklich so schlimm, wie in den Medien oft dargestellt? Das sagen unsere Experten.
In unserem Expertentalk „Mallorca und der Sauftourismus: Benehmen sich Deutsche im Urlaub wirklich so schlimm?“ hat unser Moderator Michael Clasen mit renommierten Experten von der beliebten Urlaubsinsel darüber gesprochen, wie sich die Deutschen auf Mallorca benehmen.
„Von einer Übertreibung würde ich nicht reden“, schätzt Ciro Krauthausen, Chefredakteur der deutschsprachigen „Mallorca Zeitung“, die Lage ein. „Nur fokussiert sich die Berichterstattung deutscher Medien jeden Sommer stark auf die Insel, weil so viele Landsleute hier sind. Und dann will natürlich jeder etwas darüber schreiben.“
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Jeder „schlimme Fall“, wie etwa die mutmaßliche Gruppenvergewaltigung einer 18-Jährigen durch fünf junge Männer, passiere jedoch in ähnlicher Form leider auch in Deutschland, werde jedoch nicht so stark medial verbreitet wie Ereignisse auf Mallorca.
Laut Rolf Seelige-Steinhoff, der auf Mallorca das Hotel Bahia del Sol in Santa Ponça betreibt, habe sich das Urlaubsverhalten vieler Deutscher in den vergangenen Jahren gewandelt. Hätten früher insbesondere englische und irische Touristen der „Trinklust gefrönt“, treffe dies inzwischen aber auch auf die Deutschen zu. In Relation zu der allgemein hohen Urlauberanzahl, – Seelige-Steinhoff spricht von mehreren Millionen im Jahr – sei die Anzahl der Exzesse jedoch eher gering.
Früher hätten Touristen mit der Polizei bei alkoholbedingten Vergehen noch diskutieren können, das sei inzwischen nicht mehr der Fall, so Seelige-Steinhoff. „Inzwischen greifen die hart durch.“ Die neue mitte-rechts Regierung wolle konsequenter gegen überzogenen Sauftourismus vorgehen.
Dem stimmt Ciro Krauthausen zu: „Die Polizei gibt sich viel Mühe, die Kontrolle in den Partygebieten aufrecht zu erhalten.“ Inzwischen seien viele Verbote erlassen worden, unter anderem von Hütchenspielereien, Massagen am Strand oder dem Mitbringen von Handtüchern mit „anzüglichen Bildern“.
Einen Grund für den großen Ansturm von Sauftouristen sieht Ciro Krauthausen in der deutschen Gesellschaft und den Medien: „Das Bild von Mallorca als Partyinsel wird ja schon ziemlich zelebriert. Viele Touristen setzen die Exzesse und Pöbeleien, die sie im Fernsehen sehen, in der Praxis um.“ Man müsse sich nur mal anschauen, „was für Lieder dort gespielt werden und wie der Alkoholkonsum verherrlicht wird.“ Das nehme man in Deutschland relativ kritiklos hin.
Doch inzwischen hinterließen die Auswüchse des Massentourismus auch in eher abgelegenen Orten ihre Spuren, erklärt Krauthausen. „Es sind einfach sehr, sehr viele Urlauber auf dieser kleinen Insel unterwegs. Viele weichen dann auf unbekanntere Ecken aus und hinterlassen dort etwa Müll – verständlich, dass die Anwohner wütend werden.“ Vor allem das „perfekte Foto für Instagram“ locke viele Touristen an Orte, die eigentlich nicht auf den Tourismus ausgerichtet sind.
Man müsse laut Krauthausen einen Weg finden, den Massentourismus in geordnete Bahnen zu lenken. Denn die Insel sei auf ihn angewiesen. Hotelier Seelige-Steinhoff findet jedoch, dass sich in den vergangenen Jahren bereits viel auf der Insel getan habe. „Es ist deutlich weniger Müll als früher. Es ist sehr viel gemacht worden, aber die Politik muss konsequent bleiben, damit es sich nicht ins Negative verkehrt.“
Gespaltener Meinung sind Krauthausen und Seelige-Steinhoff in der Frage, ob sich die typische deutsche Mittelstandsfamilie auch zukünftig einen Urlaub auf Mallorca leisten kann. „Ich habe den Eindruck, die Preise haben stark angezogen, die oberen Zehntausend betrifft dies aber nicht“, so Krauthausen.
Dem hält Seelige-Steinhoff entgegen, dass es weiterhin Billigpreisangebote gebe – doch die Nachfrage danach nicht mehr so hoch sei. Doch auch der Hotelier muss zugeben, dass es inzwischen schon „utopisch“ sei, für 2000 Euro mit einer vierköpfigen Familie zwei Wochen Urlaub in einem guten Hotel zu machen.
In einem Punkt sind sich beide jedoch einig: Mallorca wird trotz aller Skandale weiterhin die Lieblingsinsel der Deutschen bleiben.