Ambulant statt im Krankenhaus Ostfriesen skeptisch wegen OPs beim Facharzt
Kassenarzt-Chef Gassen hat vorgeschlagen, mehr Operationen in Facharztpraxen durchzuführen. Ostfriesen reagierten eher verhalten – gerade im Hinblick auf die Terminvergabe.
Ostfriesland - Vertreter von Fachärzten und Kliniken aus Ostfriesland haben verhalten auf die Idee des Bundesvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung, Andreas Gassen, reagiert. Er drängte in einem Interview mit der „Bild“-Zeitung auf mehr Möglichkeiten für Eingriffe auch in Praxen ohne extra Klinik-Übernachtung. Nötig sei „eine Kehrtwende“, sagte er. „Es gibt unverändert viel zu viele stationäre Behandlungen in Deutschland.“ Von insgesamt rund 16 Millionen Klinikbehandlungen im Jahr könnten bis zu vier Millionen ambulant erbracht werden, also auch von niedergelassenen Ärzten.
Was und warum
Darum geht es: Der Vorschlag häufiger in Facharztpraxen zu operieren, stößt auf wenig Begeisterung. Gerade bei Terminen für Patienten könnte es zu Engpässen kommen.
Vor allem interessant für: Menschen, die auf Facharzttermine warten Deshalb berichten wir: Der Vorschlag von Kassenarzt-Chef Gassen wird derzeit diskutiert. Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de
„Grundsätzlich ist es richtig, dass die moderne Medizin mehr Ambulantisierung ermöglicht und die Strukturen und Prozesse entsprechend angepasst werden können“, teilt auf Nachfrage dieser Zeitung die Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden mit. Damit die Sicherheit der Patienten gewahrt bleibe, sollten aber insbesondere bei komplexeren ambulanten Eingriffen alle notwendigen medizinischen Voraussetzungen gewährleistet sein. „Die Kliniken der Trägergesellschaft bieten diese mit ihren Ambulatorien und dem geplanten ambulanten OP-Zentrum“, so Sprecherin Annika Weigelt weiter.
Bereits jetzt ambulante OP
Die gesetzlichen Krankenkassen halten eine stärkere Verlagerung von Operationen in den ambulanten Bereich generell für sinnvoll, wie der Spitzenverband erklärte. Allerdings gebe es da natürlich Grenzen – sind besondere Nachsorge oder Ausstattung für Komplikationen nötig, müsse eine OP im Krankenhaus gemacht werden. Vorteil von Operationen in ambulanten Einrichtungen sind nicht zuletzt geringere Kosten, weil dort nicht die umfassende Klinik-Infrastruktur zu finanzieren ist. In Krankenhäusern sei für 2021 von 6,4 Millionen vollstationären Fällen mit OP auszugehen, erläuterte der Kassenverband. Ambulante OPs gab es demnach 1,55 Millionen in Kliniken und 5,8 Millionen in Praxen.
Gassen nannte als Beispiele für mehr ambulante OPs Leistenbruch- und Gelenk-Operationen. Sie könnten künftig so laufen, dass Patienten morgens kommen und nach der Operation nachmittags nach Hause gebracht werden. Vorteil für Patientinnen und Patienten sei auch: „Sie könnten unmittelbar nach den Eingriffen zurück in ihre gewohnte Umgebung, unter anderem auch Infektionen durch gefährliche Krankenhauskeime würden damit reduziert.“ Generell können Praxisärzte bestimmte Eingriffe auch in Krankenhäusern oder in kleineren OP-Zentren machen.
Nachsorge muss gesichert sein
Im Klinikum Leer sieht man den Vorstoß des Kassenarzt-Chefs eher skeptisch: „Die OP-Infrastruktur mit Nachsorgemöglichkeiten und zeitliche Verfügbarkeit im niedergelassenen Facharztbereich steht nur sehr eingeschränkt zur Verfügung. Auch besteht hier oft nicht der Wunsch nach einer operativen Tätigkeit, denn der Facharzt ist dann nicht nur für die OP eingebunden, sondern auch mit der dann zwingend notwendigen Verfügbarkeit im Rahmen der Nachsorge bei auftretenden Komplikationen.“ Zielführender sei es, wenn Fachärzte mit dem Wunsch und der fachlichen Expertise zur operativen Tätigkeit, eine Kooperation zur gemeinsamen Nutzung der Klinikinfrastruktur für ambulante Operationen eingingen, um so die größtmögliche Sicherheit für die Patienten zu gewährleisten.
Die Kompetenz der Ärzte sei in Ostfriesland da, sagt Dieter Krott von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Aurich. „Ambulante Operationen finden ja jetzt schon statt“, sagt er. Der Geschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung räumt aber auch ein: Die Vorbereitung von Operationen, die Durchführungen und auch die Nachsorge kosten Zeit.
Genügend Fachärzte da
Und Zeit haben die Fachärzte in Ostfriesland nicht unbedingt. In der Regel warten Patienten monatelang auf einen Termin bei den Fachleuten. Dass es mehr Fachärzte in Ostfriesland werden, ist derzeit kein Thema. Die Kassensitze sind nach der sogenannten Bedarfsplanung so gut wie gefüllt. Nur im Bereich Aurich/Emden fehlt derzeit ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, sagt Krott. „Der Bedarfsplan richtet sich allerdings nicht nach Inanspruchnahme, sondern nach den Einwohnern“, sagt Krott.
Die Deutsche Stiftung Patientenschutz mahnte mit Blick auf oft überlastete Praxen: „Die Kassenärztliche Bundesvereinigung sollte zunächst dafür sorgen, dass ihre Mitglieder erreichbar sind. Zurzeit ist das landauf, landab nicht der Fall.“ Wenn Patienten am Telefon durchkämen, erwarteten sie Warteschleifen.
Mit Material von DPA