Verschlossene Türen Darum schließen Geschäfte im Kreis Leer über Mittag
Mancher Kunde wird davon überrascht, dass das Geschäft seiner Wahl plötzlich zu Zeiten geschlossen hat, zu denen bisher die Türen offen waren. Mit solchen Einschränkungen wird man wohl leben müssen.
Ostfriesland - „Das es das noch gibt!“, entfuhr es jüngst einer Dame, die sich gerne ein Kleid bei Jeans Fritz in der Leeraner Fußgängerzone anschauen wollte. An der Tür des Ladens hing ein Schild, das den Kunden mitteilte, dass man sich gerade in der Mittagspause befinde, aber gerne später wieder für die Besucher da sein werde.
Was und warum
Darum geht es: Der Fachkräftemangel zwingt vor allem kleine Geschäfte, manchmal sogar Ketten, zu Einschnitten.
Vor allem interessant für: alle, die auch außerhalb des Internets einkaufen
Deshalb berichten wir: Uns ist aufgefallen, dass viele Geschäfte ihre Öffnungszeiten reduzieren oder während der Mittagspause schließen. Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de
Dass das bei Modeketten eigentlich scheinbar ausgestorbene Mittagspause plötzlich wieder Einzug hält, verblüffte die verhinderte Kundin offenbar sehr. Im Falle von Jeans Fritz in Leer sei das aber ein absoluter Einzelfall gewesen, versichert Chefin Nahan Atan. An dem Tag hätten tatsächlich Mitarbeiter gefehlt, aber nur ausnahmsweise. Generell habe sie kein Problem, ausreichend Personal zu finden.
Einzelhändler zu Einschnitten gezwungen
Für Sabine Gatz, Leiterin des Fachbereichs Handel bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi Niedersachsen/Bremen ist das allerdings mittlerweile ein relativ verbreitetes Phänomen: „Das begegnet uns überall in Niedersachsen“, sagt sie. Vor allem der Personalmangel zwinge die Einzelhändler, Einschnitte zu machen. Das könnten Mittagspausen sein oder verkürzte Öffnungszeiten. Ab und an würden ganze Filialen ganz oder zeitweilig geschlossen.
Ein Beispiel dafür ist die Bäckerei Mußwessels, die in Weener die Filiale in der Poststraße „aufgrund von Urlaubszeit und aus personellen Gründen“ vorübergehend geschlossen hat, wie ein Zettel an der Eingangstür mitteilt. Die Geschäftsführung der Bäckerei mit Sitz in Rhede war am Dienstag nicht zu erreichen.
Zwei Millionen Stellen unbesetzt
Deutschlandweit seien rund zwei Millionen Stellen im Handel nicht besetzt, unterstützt Wiebke Eilts, bei der IHK Emden/Papenburg Referentin für Tourismus, Handel und Dienstleistung zuständig, die Beobachtungen von Gatz. Bei einer Umfrage hätten jüngst 44 Prozent der Unternehmen geantwortet, dass sie Stellen langfristig nicht besetzen können. Es seien aber noch andere Faktoren, die dem Einzelhandel das Leben schwer machten, sagt Gatz: Zum einen gewinne der Online-Handel immer mehr an Bedeutung, zum anderen seien die Kunden derzeit beim Konsum eher vorsichtig.
So unangenehm die Situation für die Geschäftsleute und auch für die Kunden ist, für diejenigen, die einen Arbeitsplatz suchen, ist sie positiv. Im Kampf um die besten Mitarbeiter böten viele Händler mehr Geld als vorher und lockten mit Vergünstigungen wie freien Samstagen. Viele verzichteten auf Qualifikationen und bildeten die Arbeitskräfte dann selber fort, berichten Gatz und Eilts.
Wird sich die aktuelle Entwicklung wieder zurückdrehen lassen? Die Expertinnen von IHK und Verdi sind da wenig optimistisch, auch wenn sie sich nicht festlegen wollen. „Die demografische Entwicklung weist nicht darauf hin, dass die Zahl der Fachkräfte sich in absehbarer Zeit nennenswert erhöhen wird“, sagt Eilts. Und Gatz glaubt, dass der Online-Handel ein immer stärker werdender Konkurrent für den stationären Handel bleiben wird.