Osnabrück André Lindhorst erinnert sich an den Start der Kunsthalle Osnabrück vor 30 Jahren
„Liebt die Kunsthalle“: Sein Fazit klingt wie ein Appell. André Lindhorst hat die Kunsthalle von 1993 bis 2013 geleitet. Ein Rückblick auf bewegte Jahre – und einen sauren von Weizsäcker.
Er hat mit seinen Mitarbeitern eine 600 Kilogramm schwere Bronzeplastik von Markus Lüpertz in die Senkrechte gewuchtet und für eine Installation fünf Lastwagen voll Yton-Steinen abgeladen – „im strömenden Regen“, wie André Lindhorst heute lachend erzählt. Er hat die Kunsthalle von 1993 bis 2013 geleitet und seine Arbeit nicht immer nur mit weißen Handschuhen an den Händen erledigt. Ausstellungen kuratieren – das war für André Lindhorst niemals nur Kopfarbeit.
Markus Lüpertz, Günter Uecker, Max Uhlig: Lindhorst hat sie gezeigt, die großen Namen. Auch Jörg Immendorff hatte schon zugesagt, bevor er 2007 starb. Daneben die Arte Regionale, mit der er das regionale Kunstgeschehen abbildete, die Art Box und jede Menge Kunst im öffentlichen Raum – Lindhorst hat Betrieb gemacht in der Kunsthalle, die zu seiner Zeit noch nach dem Gebäude hieß, in dem sie bis heute beheimatet ist: Dominikanerkirche.
André Lindhorst lebt seit seiner Pensionierung in Kleinmachnow bei Berlin. Die Berliner Galerie Köppe Contemporary führt ihn als Teil ihres Teams – als Kurator und Autor. „Ateliers besuchen, Künstler treffen, Texte schreiben: Ich bin wieder in dem Kreislauf, in dem ich schon einmal war“, berichtet Lindhorst und klingt dabei nach jemandem, der von seiner Profession auch mit inzwischen 75 Jahren einfach nicht lassen kann. Die Jahre in Osnabrück, die scheinen für einen wie ihn inzwischen weit weg zu sein.
„Ich habe erst einmal einiges rauswerfen müssen“, erinnert sich der Kurator an seine Anfänge in Osnabrück. Er kam aus der Kreisarchäologie und avancierte zum Leiter der gerade eingerichteten Kunsthalle. Ob Krippenschau oder eine Ausstellung mit Kanarienvögeln: Lindhorst schnitt sehr alte Zöpfe ab, räumte sich regelrecht den Weg zu etwas frei, was vor 30 Jahren nur selten in Osnabrück zu sehen war: zeitgenössische Kunst.
Das Pensum Lindhorsts macht noch heute nachdenklich. Wie viele Ausstellungen waren es pro Jahr in der Kunsthalle und der Stadtgalerie? Zehn? Oder nicht eher mehr? Von Selbstausbeutung will er trotzdem nichts wissen. „Ich habe mir den Druck ja selbst gemacht und das sportlich genommen“, erzählt er im Telefongespräch. Eines würde er heute dennoch anders machen: „Ich würde heute mehr an die Politik herangehen“.
Nicht nur der Etat, auch das Team hatte seine Kapazitätsgrenzen. André Lindhorst sieht auch das im Rückblick positiv. Er habe immer lieber mit einem kleinen Team gearbeitet. „Das ist viel besser zu begeistern“, sagt er heute. Das passt zu ihm. André Lindhorst, das war immer ein Mann der Praxis, kein Taktiker der Administration.
Der Erfolg gab ihm durchaus recht. 25.000 Besucher seien pro Jahr in die Kunsthalle gekommen, berichtet er, „in Spitzenzeiten auch schon einmal 40.000“. Lindhorst griff auch gern zu populären, ja plakativen Themen. Ob Mythos Coca-Cola oder die Street Art – dieser Kurator liebt Kunst als Körperkontakt. Das ging nicht immer ohne Konflikte ab. Als er Street Art zeigte, sei auch schon einmal die Polizei in der Kunsthalle aufgetaucht und habe nach Sprayern gesucht, die Gebäude nach Meinung der Ordnungshüter verschandelt hätten, erzählt Lindhorst heute mit einem Lachen.
Den Gegenwind gab es aber auch im politischen Raum. „SPD und Grüne haben die Kunsthalle unterstützt – und die Wirtschaft“, blickt Lindhorst zurück und nennt Firmen wie Rasch, Schoeller und Karmann. Der Leiter der Kunsthalle verstand sich darauf, Unterstützung für sein Haus zu organisieren und wenn er für eine Vermietung auch einmal die Kunst kurzfristig beiseite räumen musste. „Aber dann waren auch noch einmal 10.000 Euro da“, sagt Lindhorst. Nicht jeder Künstler sah das ähnlich hemdsärmelig. Der Bildhauer Andreas von Weizsäcker, Sohn des Alt-Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, beschwerte sich seinerzeit bitter darüber, dass seine empfindlichen Exponate für ein Firmenevent aus der Kunsthalle geräumt worden waren.
André Lindhorst zog mit einem Abschied von der Kunsthalle 2013 einen klaren Schlussstrich. Und er tat gut daran. Nachfolgerin Julia Draganovic ließ die Wandpaneele, an die Lindhorst die Bilder seiner Ausstellungen gehängt hatte, entfernen und leitete damit eine programmatische Kehrtwende ein. Das Netzwerk, das er aufgebaut habe, sei nicht weiter genutzt worden, sagt Lindhorst heute nachdenklich. Für Draganovic hat er hingegen ein großes Lob parat: „Eine starke Frau mit starken Projekten“.
Die Agenda, die Lindhorst als unerledigt zurücklassen musste, ist heute noch offen. Ein überdachter Innenhof, eine neue Skulpturenaufstellung, vor allem aber ein Glaskubus als neuer, das Publikum ansprechender Eingang zur Bierstraße – darüber ist weiter nachzudenken. André Lindhorsts Fazit klingt wie eine Mahnung: „Liebt diese Kunsthalle“.