Lesbische Seniorin Sie wird ihr Geheimnis mit ins Grab nehmen
Queere Menschen, die jetzt in Pflegeheimen leben, haben oftmals ein Leben voller Ausgrenzung hinter sich. Wir haben mit einer Betroffenen aus Ostfriesland gesprochen – die noch immer Angst hat.
Ostfriesland - Dass Hildegard Janssen mit der Redaktion telefoniert, ist der Überzeugungskraft einer engen Vertrauten zu verdanken – und der Versicherung, dass wir auf keinen Fall ihren echten Namen und ihren Wohnort preisgeben. Denn die Frau, die zwischen 70 und 80 Jahre alt ist und in einem ostfriesischen Pflegeheim lebt, ist eine Lesbe – ohne dass die Menschen, die sie jeden Tag umgeben, etwas davon wissen. „Und bis ich sterbe, werden sie das auch nicht erfahren“, sagt sie mit fester Stimme.
Hildegard Janssen will sich lieber bis an ihr Lebensende verstecken, als dass die anderen Pflegeheim-Bewohner etwas über einen wichtigen Teil ihres Lebens erfahren. „Jetzt kommt es auch nicht mehr darauf an“, sagt die Frau und seufzt dabei leise. Seit Jahrzehnten verstecke sie sich, die paar Jahre seien da auch noch drin.
„Da bleibt man lieber still“
Hildegard Janssen stammt aus einer Generation, in der es verpönt war und als abnormal galt, als Frau eine Frau zu lieben oder als Mann einen Mann – Letzteres stand bis 1994 in Deutschland sogar noch unter Strafe. „Es gab aber natürlich auch damals eine Szene“, sagt die Seniorin. Sie selbst sei jedoch fast nie zu Feiern von Schwulen und Lesben gegangen, habe einen überwiegend heterosexuellen Freundeskreis gehabt. „Die Gefahr, dass irgendwer was sagt, war zu groß“, erklärt sie.
War das nicht belastend, sich immer zurückzunehmen? Nie über die eigenen Gefühle sprechen zu können? „So war das damals eben.“ Sie habe sich schon als Jugendliche für Frauen interessiert und nicht für Männer – „aber wem hätte ich das schon sagen sollen?“ Ihre Eltern hätten über Schwule und Lesben gehetzt, Bekannte ebenso. „Da bleibt man lieber still.“
„Sonst bin ich geliefert“
Ihre große Liebe habe sie trotzdem gefunden, sagt die Ostfriesin. Wo und wie genau, das will sie uns nicht verraten. „Das ist unser Geheimnis“, sagt sie und lacht zum ersten Mal während unseres Gesprächs. Ein Foto der Frau, die für alle anderen ihre beste Freundin, ihre Mitbewohnerin gewesen sei, stehe in ihrem Zimmer. Der Bitte, das Bild zu beschreiben, kommt Hildegard Janssen nicht nach: „Wenn Sie das in die Zeitung schreiben, erkennt der Pfleger das vielleicht.“
Die Seniorin blockt immer wieder ab, nicht unfreundlich, aber bestimmt. Wie die Deiche die Region vor dem Wasser schützen, schützt Hildegard Janssen ihr größtes Geheimnis. „Nur ganz wenige wissen Bescheid“, sagt sie. Und sie alle hätten schwören müssen, niemandem etwas zu verraten. „Sonst bin ich geliefert.“
Wovor hat sie Angst?
Aber wovor genau hat sie Angst? „Ich habe hier nicht viele Freunde, aber ich will nicht schief angeguckt werden“, sagt sie. Auf ihre „letzten Tage“ könne sie keine Beschimpfungen mehr gebrauchen. Sie wolle nur ihre Ruhe haben, an das Leben mit ihrer Frau zurückdenken und irgendwann, wenn es Zeit ist, zu ihr zurückkehren.
Glaubt sie an ein Leben nach dem Tod? Daran, dass sie wirklich zu ihrer Geliebten zurückkehren wird? „Wer kann das schon wissen?“, fragt sie. Und in die Stille hinein sagt sie: „Genau. Niemand.“ Nach dem Tod ihrer Frau habe sie sehr getrauert. „Natürlich mehr als die anderen Freunde, ist ja logisch.“ Doch in der Öffentlichkeit habe sie sich, so gut es eben ging, zurückgehalten. Auch hier sei die Angst, entdeckt zu werden, zu groß gewesen. „Wir waren ja nur Mitbewohnerinnen.“
Die Angst, im Alter ausgegrenzt zu werden
Die Auricherin Melly Doden setzt sich seit Jahren für die Rechte queerer Menschen ein. Auf ihre Initiative hin wurde 2014 in Aurich erstmals der Christopher Street Day gefeiert. Melly Doden ist im Grunde das Gegenteil von Hildegard Janssen: Sie hat sich 1997 geoutet, lebt offen lesbisch und hat kürzlich ihre Frau kirchlich geheiratet.
Jemand, der offener mit seiner Homosexualität umgeht, ist in Ostfriesland also schwer zu finden – und trotzdem hat Melly Doden Verständnis für die Seniorin aus dem Pflegeheim. „Ob ich mich outen würde, wenn ich heutzutage fast 80 wäre? Ich weiß es wirklich nicht“, sagt sie im Gespräch mit der Redaktion. Menschen wie Janssen hätten jahrzehntelange Diskriminierung hinter sich. Es sei kaum verwunderlich, dass sie sich verschließen und Angst davor hätten, auch noch im Alter ausgegrenzt zu werden.
CSD-Organisatorin ist zuversichtlich
Melly Doden fällt zu dem Thema der Film „Women Love Women“ („Frauen lieben Frauen“) ein: Er zeigt das Leben dreier lesbischer Paare – eines in den 60ern, eines in den 70ern und eines im Jahr 2000. Das Paar aus den 60ern, Edith und Abby, lebt schon lange heimlich zusammen. Eine der Frauen kommt ums Leben – und die Hinterbliebene wird nicht als Verwandte anerkannt. Schließlich kann sie die wahre Beziehung der Frauen nicht offenbaren.
„Im Grunde ist das dieselbe Geschichte wie die in dem ostfriesischen Pflegeheim“, sagt Melly Doden. Sie ist jedoch zuversichtlich, dass solche Biografien in den kommenden Jahren immer seltener werden. „Es hat sich in den letzten Jahren einiges getan“, sagt sie. Die heutigen Generationen könnten daher auch auf weniger Diskriminierungen in der eigenen Pflegebedürftigkeit hoffen.
„Lebenserfahrung von Ablehnung“
Daran, dass sich etwas ändert, arbeitet etwa die Schwulenberatung Berlin. Bundesweit vergibt sie das Siegel „Lebensort Vielfalt“ an stationäre Pflegeeinrichtungen, ambulante Pflegedienste, Tagespflegestätten, Hospize und Krankenhäuser, die Voraussetzungen dafür schaffen, um sexuelle und geschlechtliche Minderheiten zu inkludieren.
Zuletzt ist ein Haus in Schleswig-Holstein ausgezeichnet worden, in Ostfriesland findet sich noch keines auf der Liste. Bei der Awo gab es das dreijährige Projekt „Queer im Alter“ – das ebenfalls kein Haus in Ostfriesland listet. Für Melly Doden ist das schade, denn: „Gerade im pflegerischen Bereich finden sich viele Schwule und Lesben.“ Die seien ideale Ansprechpartner für Menschen wie Hildegard Janssen. „Ich denke, dass da ein Vertrauensverhältnis möglich ist.“
„Prägende Lebenserfahrung von Ablehnung“
„Prägende Lebenserfahrungen von Ausgrenzung und Ablehnung haben nicht selten großes Misstrauen gegenüber Institutionen zur Folge, die nicht explizit den Schutz und die Akzeptanz von Community-Angeboten bieten“, schreibt die Awo auf der „Queer im Alter“-Webseite. Seien queere Senioren etwa auf ein Pflegeheim angewiesen, zögen sie sich dort zunehmend zurück oder blieben gar unsichtbar.
Es sei daher „wenig verwunderlich“, dass viele Mitarbeitende von Pflege- und Betreuungseinrichtungen glauben, keine queeren Bewohner zu kennen – und folglich auch keine besonderen Angebote bereithalten. Da setzt der „Lebensort Vielfalt“ an: Das Siegel gibt es erst, wenn das Personal Fortbildungen absolviert hat und auch nach außen kommuniziert wird: „Hier werdet ihr akzeptiert, hier seid ihr sicher.“