Osnabrück  Bestsellerautor Dennis Gastmann aus Osnabrück: Die Hölle auf Reisen ist gut für mich

Joachim Schmitz
|
Von Joachim Schmitz
| 27.07.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 17 Minuten
Auf einem Schiffsfriedhof fernab der Heimat: Der aus Osnabrück stammende Autor Dennis Gastmann. Foto: Dennis Gastmann
Auf einem Schiffsfriedhof fernab der Heimat: Der aus Osnabrück stammende Autor Dennis Gastmann. Foto: Dennis Gastmann
Artikel teilen:

Ein halbes Jahr ist Dennis Gastmanns erster Roman „Dalee“ auf dem Markt – und schon wieder ein Bestseller. Wie seine fünf vorherigen Bücher auch. Warum ihm der entsprechende Aufkleber auf dem Buch suspekt ist, warum er fünf Jahre gebraucht hat, um „Dalee“ zu schreiben, und viele andere spannende Geschichten aus seinem Abenteurerleben erzählt er im Interview.

Reisebücher der anderen Art haben den aus Osnabrück stammenden Fernsehjournalisten Dennis Gastmann zu einem populären Bestellerautor gemacht. Nun hat er fünf Jahre investiert, um mit „Dalee” seinen ersten Roman zu schreiben. Warum es so lange gedauert hat, wie er darin seine Liebe zu Elefanten und einen Verlust verarbeitet und was er als Vielflieger Greta Thunberg erwidern würde, erzählt der 45-Jährige bei Kaffee und Kuchen:

Frage: Herr Gastmann, in Ihrem Wikipedia-Eintrag gibt es den ebenso schlichten wie vielsagenden Satz „Dennis Gastmann lebt in Hamburg und arbeitet in der ganzen Welt”. Fühlen Sie sich davon zutreffend beschrieben?

Antwort: Nun ja, Hamburg ist das Tor zur Welt, heißt es. Aber eben auch nur das Tor. Die Stadt ist mein Basislager und ich schätze sie für das Fernweh, das durch ihre Gassen weht. Aber ich liebe es noch mehr, von dort aus in die Welt zu ziehen.

Frage: Sie sind „Mit 80.000 Fragen um die Welt“ gezogen und bekannt geworden. Einer Dokuserie, in der Sie als Reisereporter den Fragen des Fernsehpublikums auf die Spur gingen: „Wie schön ist Panama?“, „Wer berührt die Unberührbaren?“ oder „Ist Cuba libre?“. Haben Sie mal zusammengerechnet, auf wie viele Flugkilometer Sie dabei gekommen sind?   

Antwort: Meine CO2-Bilanz muss verheerend sein. Das war natürlich kein ökologisches Glanzstück. Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass ich alle Bonusmeilen, die ich über die Jahre gesammelt hatte, für den Schutz eines bedrohten Tieres aus dem Regenwald gespendet habe. Der Name fällt mir zwar nicht mehr ein, aber ich hoffe, es geht ihm gut. 

Frage: Stellen Sie sich vor, ich wäre nicht Joachim Schmitz, sondern Greta Thunberg oder Luisa Neubauer und würde Ihnen wünschen, in der Hölle zu schmoren. Was wäre Ihre Antwort?

Antwort: (lacht) Ich würde vielmals um Vergebung bitten und erwähnen, dass es mir auf keiner meiner Reisen um Banalitäten ging. Ich habe nie sinnentleert über Traumstrände oder Sonnenuntergänge berichtet, sondern von Missständen und schreienden Ungerechtigkeiten erzählt. Panama ist ein schönes und reiches Land, aber hin und wieder auch hässlich, weil der Wohlstand dort nicht jeden Menschen erreicht. Als „unberührbar“ werden die Dalit diskriminiert, Frauen, Männer und Kinder aus den untersten und häufig ärmsten indischen Gesellschaftsschichten, die als kastenlos und unrein gelten. Früher mussten sie die Aborte der oberen Kasten mit den Händen reinigen und mancherorts ist es immer noch so.  Für die Frage „Wie rettet man den Regenwald?“ bin ich seinerzeit auf den Rio Negro hinausgefahren und konnte dokumentieren, wie Flächen systematisch gerodet und verbrannt wurden, die eigentlich geschützt waren.

Frage: Dann nehmen wir das in der Hölle schmoren mal zurück. Aber apropos Hölle: Von welcher Ihrer vielen Reisen würden Sie sagen, dass sie die Hölle war?

Antwort: Die Hölle ist gut. Wenn ich unterwegs die Hölle erlebe, habe ich am Ende etwas zu erzählen und zu schreiben. Wenn alles bestens läuft, angenehmer Flug, leckeres Essen, sonnige Tage – ja, was soll ich denn dann erzählen? Aber es stimmt: Manche meiner Reisen trugen teuflische Züge.

Frage: Zum Beispiel?

Antwort: Taifun in Taiwan. Es ist der Running Gag meines Reiselebens. Jedes Mal, wenn ich taiwanischen Boden berühre, und sei es nur für einen Zwischenstopp, wird die Insel von einem entsetzlichen Wirbelsturm getroffen. Der erste Taifun unterspülte ein Hotel und stürzte es ins Meer. Der zweite hielt mich tagelang im Terminal des internationalen Flughafens gefangen. Seine Ausläufer erlebte ich damals im Inselstaat Palau, dem schönsten Tauchgebiet der Welt laut Jacques Cousteau. Es regnete und regnete Tag für Tag, und erst am letzten konnte ich mit Haien tauchen in dieser größten Haischutzzone der Welt. Tja, und dann gab es noch den falschen Taxifahrer in Buenos Aires. Er trug ein auffällig großes Taxischild um den Hals und lockte meinen Kamerakollegen und mich in ein verschrammtes silbernes Auto. Der Zwei-Meter-Hüne und sein Kumpel saßen vorne, fuhren los und fragten, was denn unsere Videoausrüstung wert sei und ob wir schon Geld getauscht hätten. Bis es allmählich klickte und sich der Bullshit-Detektor meldete.

Frage: Was haben Sie gemacht?

Antwort: Mein Kollege riss die Tür auf, stürzte sich an einer Schranke aus dem Wagen und schrie, er lasse sich nicht ausrauben und wolle sofort seine Sachen zurück. Ich sprang auch auf die Straße. Plötzlich war Militärpolizei da und half uns aus dem Schlamassel. Sonst hätten uns die beiden wohl bestenfalls ausgeraubt.

Frage: Wenn jemand in der ganzen Welt arbeitet – wie und wo macht er dann Urlaub?

Antwort: Ich leide wohl an einem seltenen Syndrom. Nennen wir es Abenteuerüberdruss. Im Urlaub will ich wenig erleben. Oder gar nichts. Einmal bin ich auf eine thailändische Insel gereist, habe eine Hütte gemietet und nur aufs Meer hinausgeschaut. Die Leute fragten mich, ob ich nicht einen Ausflug machen möchte, ein Kajak mieten oder vielleicht klettern gehen. Aber ich wollte nur in die Wellen sehen und mir ab und zu ein gebrauchtes Buch aus dem Dorfladen holen.

Frage: Ihre eigenen Bücher waren allesamt sogenannte „Spiegel“-Bestseller. Ist „Dalee“ auch wieder einer?

Antwort: Ja, zu meinem Glück. Ich weiß jedoch nicht, ob dieses Bestseller-Geraune tatsächlich ein geeignetes Qualitätskriterium ist. Manchmal fürchte ich, der rote Bestseller-Aufkleber schreckt das Lesepublikum eher ab. 

Frage: „Dalee“ ist nach fünf Reisebüchern Ihr erster Roman. Ist der Roman so etwas wie die Königsklasse der Literatur? 

Antwort: Ich denke schon. Als ich meinem Verleger erzählte, dass ich einen Roman schreiben wollte, antwortete er nur: „Und wovon möchtest Du leben?“ Ich verstand damals nicht, was er mir zu sagen versuchte und verriet ihm stattdessen meine Grundidee: Ein Junge, ein Elefant, eine Reise über das Meer. Danach legte ich ihm meine Pläne dar: Ich würde für die Buchrecherche nach Indien fliegen, mir ein paar Städte ansehen und später auf die Andamaneninseln im Golf von Bengalen reisen, wo der Roman spielt. Darüber hinaus müsste ich mich noch etwas einlesen, Interviews mit Elefantenexperten führen und am Ende alles zu Papier bringen.„Insgesamt werde ich etwa sechs Monate brauchen“, meinte ich. Da schmunzelte mein Verleger und sagte: „Wir schreiben mal ein Jahr in den Vertrag. Und wenn Du nur ein halbes brauchst, freut sich der ganze Verlag.“ Heute, fünf Jahre später, weiß ich, was es heißt, einen Roman zu schreiben.

Frage: Woran lag es?

Antwort: Ich hatte all meine Bücher aus der Ich-Perspektive geschrieben. Aber diesmal ist das Ich des Erzählers nicht Ich, sondern ein Junge aus einer anderen Kultur, einer anderen Zeitepoche, mit einem anderen Weltbild, einem anderen Bildungshintergrund, einer anderen Sprache und an einem völlig anderen Ort. Das Schreiben war beinahe wie Method Acting. Du musst sehr viel über deine Figur wissen, dann hineinschlüpfen und dich fragen: Was würde sie als nächstes denken, tun und fühlen?

Frage: Das Buch handelt von dem Sohn eines Mahuts, also eines indischen Elefantenführers, und einem alternden Elefanten. Gemeinsam reisen sie Ende der 40er Jahre zusammen mit vielen anderen Menschen und Tieren von Kalkutta auf die Andamaneninseln, die zu Indien gehören. Auf so eine Geschichte muss man erst mal kommen, wenn man in Hamburg wohnt.

Antwort: Aber sie ist wahr, dieses Abenteuer hat sich wirklich zugetragen. Damals gab es keine Elefanten auf den Andamanen, sie kommen in der Natur der Inseln nicht vor. Solange, bis sich ein Dampfer den Ganges hinunterschob und aufs Meer hinausfuhr – voller Bauern, Fischer, Jäger, Holzfäller, Halunken und einfacher Handlanger mit ihren Familien. Im Bauch des Schiffs reisten die Mahuts und ihre Elefanten. Sie alle sollten die Inseln besiedeln und das „Gold der Andamanen“ bergen, das wertvolle Tropenholz, das dort angeblich höher wächst als irgendwo anders auf der Welt. 

Frage: Aber warum war es ausgerechnet diese Geschichte, die Sie zum Aufhänger Ihres ersten Romans genommen haben?

Antwort: Elefantenliebe. Als junger Reporter erreichte mich einmal die Frage: „Wie macht man einen Führerschein für einen Elefanten?“. Die Suche nach der Antwort führte mich nach Ayutthaya, in die alte thailändische Königshauptstadt. In dieser Zeit bin ich unglaublich gehetzt gereist – drei Tage Panama, drei Tage brasilianischer Regenwald, drei Tage in den bolivianischen Höhen, bumm, bumm, bumm. Ich habe die Welt gesehen, aber nur schlaglichtartig, in Splittern. 

Frage: Und dann kam Ayutthaya.

Antwort: Dort unterhält das Königshaus einen Kral, in dem verletzte, misshandelte und gerettete Elefanten gepflegt werden. An diesem Ort hatte ich urplötzlich Zeit und nur eine einzige Aufgabe: Kümmere Dich um deine Elefantendame. Sie hieß Gatin und war eine hochbetagte Seniorin, die es genoss, von mir geschrubbt, gefüttert und gepflegt zu werden. Mit dem Sonnenaufgang habe ich ihren Stall ausgemistet, um später, wenn es heiß wurde, im kühlenden Fluss mit ihr zu schwimmen. Damals ließ ich mich von ihrem Nacken ins Wasser fallen, und sie hob mich wieder hinauf. Das war ein großartiges Spiel. Elefanten können erstaunlich albern sein, sie kichern geradezu, sind kitzelig und werden bisweilen unheimlich traurig. Sie sind sehr einfühlsam, sensibel und verletzlich.

Frage: War das die Geburtsstunde von „Dalee“?

Antwort: Ich glaube schon. Diese Erfahrung und ein Foto, das ich zehn Jahre später in einem Bildband entdeckte. Es zeigte einen Elefanten, der im Blau der Andamanensee schwamm und seinen Rüssel wie einen Schnorchel über Wasser hielt. Früher gab es weder Brücken noch Fähren auf den Andamaneninseln. Also brachte man den Elefanten das Schwimmen im Ozean bei und reiste auf ihren Rücken von Insel zu Insel. Elefanten sind hervorragende Schwimmer, doch sie scheuen für gewöhnlich das Salz und das Tosen und Donnern der Brandung. Ich fand diese Szenerie so fantastisch, poetisch und surreal, dass ich darüber schreiben musste. 

Frage: Viele Menschen mögen Elefanten, weil sie einige ziemlich menschliche Eigenschaften haben. Haben Elefanten auch etwas, das Menschen nicht haben?

Antwort: Ich finde, sie sind uns sehr ähnlich. Sie denken, sie fühlen und lernen. Elefanten haben ihre eigene Kultur, ihre eigene Sprache. Sie sprechen mit den Füßen, können sich durch Vibrationen über Kilometer hinweg verständigen. Sie sind kreativ, launisch, lustig, manchmal völlig verrückt. Gleichzeitig können sie brutal sein, unberechenbar und auch zerstörerisch. Die Mahuts, die ihr ganzes Leben unter Elefanten verbringen, sagten mir: Jedes Tier hat seinen eigenen Charakter. Es sind Artisten und Tollpatsche, filigrane Künstler und ehrliche Arbeiter, Philosophen und manchmal auch regelrechte Idioten. Genau wie wir Menschen. Bevor Du Dich einem Elefanten näherst, hieß es, studiere ihn ganz genau. Selbst, selbst wenn er Dein bester Freund zu sein scheint.

Frage: Warum?

Antwort: Elefanten haben hin und wieder eine dunkle Seite. Sieh ihn an, sagten mir die Mahuts: Stellt er die Ohren auf oder wedeln sie lässig im Wind? Greift der Elefant nach Sand? Will er sich den Sand über den Rücken werfen oder Dir entgegenschleudern? Wächst ihm vielleicht das fünfte Bein? Ist er kurz davor, auf Dich zuzurennen? Dann sei auf der Hut, mein Freund, denn Elefanten sind auf den ersten Metern schneller als jeder Olympiasieger. Du kannst einen Elefanten nicht zähmen, erklärten mir die Leute. Was immer Du tust, er bleibt ein wildes Tier. Das ist es vielleicht, was sie von uns Menschen unterscheidet.

Frage: Obwohl Elefanten immer nachgesagt wird, dass sie nichts vergessen, wird Dalee im Buch ja von dieser Vergesslichkeit eingeholt. Gibt es tatsächlich so etwas wie eine Elefantendemenz?

Antwort: Von Haustieren ist Demenz bekannt. Ich selbst habe einen senilen Hund erlebt, der immer wieder vergaß, dass er gefressen hatte. Er fraß ein zweites und drittes Mal und gab danach alles wieder her. Demenz bei Elefanten ist noch nicht erforscht, aber durchaus vorstellbar. Elefanten sind denkende Wesen, und wer denkt, vergisst auch.

Frage: Sie haben in diesem Zusammenhang mehrfach von einer großen Metapher gesprochen.

Antwort: Natürlich ist der Elefant ein Sinnbild. Als ich mit meinem Roman begann, habe ich einen geliebten Menschen verloren, der allmählich vergesslich wurde und sich vor meinen Augen buchstäblich aufzulösen schien. Alle Erinnerungen verwischten. Am Anfang war es das Telefon, das im Kühlschrank lag. Kleinigkeiten, die erst mal komisch wirkten, aber mit der Zeit wurde aus der Komödie eine Tragödie. Man kann „Dalee“ als Abenteuerroman lesen – oder als Parabel über das Leben. 

Frage: Ich finde in Büchern oft die Danksagungen sehr interessant. Sie bedanken sich an erster Stelle bei einem Brian Batstone. Wer ist dieser Mensch und warum war er so wichtig für Ihr Buch?

Antwort: Brian Batstone ist ein „Elefantenmann“, wie die Leute sagen. Er war Tierpfleger im Kölner Zoo, hat sich dort jahrzehntelang um die Elefanten gekümmert und betreut heute das „Elephant Transit Home“ in Sri Lanka, der Heimat seiner Mutter. Dort umsorgt er etwa Namal, einen dreibeinigen Elefanten, der mit dem Fuß in eine Schlinge geraten ist. Sein Bein musste amputiert werden, und er braucht immer neue Prothesen, um laufen zu können. Brian hat sein Leben mit den Tieren verbracht, manche bis zum Tod begleitet und mir in stundenlangen Gesprächen bis ins Detail alles über Elefanten erzählt. 

Frage: Zum Beispiel?

Antwort: Von ihm lernte ich, dass es Linksrüssler und Rechtsrüssler gibt, so wie wir Linkshänder und Rechtshänder sind. Wenn Elefanten etwas vom Boden aufnehmen, drehen sie den Rüssel konsequent linksherum oder eben rechtsherum. Brian hat mir auch verraten, wie es ist, sich zu Elefanten zu legen und bei ihnen zu schlafen. Am Anfang denkst Du, die zerquetschen mich doch, sagte er. Sie sind unruhige Schläfer, stehen auf, legen sich wieder hin, ändern ihre Position. Doch dabei achten sie behutsam darauf, dass Dir nichts geschieht. Manche drehen sogar die Blätter der Bäume so, dass Dir nicht das Mondlicht ins Gesicht scheint. Das grenzt schon an Kitsch, aber Brian Batstone hat mir immer extrem geholfen, wenn ich nicht weiter wusste. Am Ende hat er das Buch noch einmal komplett gelesen und Kleinigkeiten korrigiert – zum Beispiel die korrekte Anzahl der Zehennägel von Elefanten. 

Frage: Sie danken auch Shakuntala Banerjee, die Leute wie ich nur als stellvertretende Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios kennen. Was hat sie mit diesem Buch zu tun?

Antwort: Wir kennen uns aus einem Journalisten-Workshop. Shakuntala hat gute Verbindungen nach Kolkata, und als ich dorthin reiste, um der Geschichte der verschifften Elefanten nachzugehen, öffnete sie mir eine Tür. Sie machte mich mit einem populären indischen Sarod-Spieler bekannt, der mich mit großer Freundlichkeit, einem unwiderstehlichen Lächeln und geradezu kindlicher Freude durch die Stadt führte. Nicht wenige sagen, Kolkata sei ein „Hell Hole“, ein Höllenloch, aber der Musiker begrüßte mich mit den Worten „Welcome to the city of joy“. Danach hatte ich überhaupt keine Berührungsängste mehr. 

Frage: Wenn

Frage: Zurzeit setzt man sich schnell dem Vorwurf der kulturellen Aneignung aus.

Antwort: Das hat ja auch seine Berechtigung. Trotzdem wollte ich diese Geschichte unbedingt aus indischer Perspektive schreiben und fand sie nur so erzählenswert. Deswegen musste ich mir genügend Kenntnis erarbeiten, viele Gespräche führen und ausgiebig das Land bereisen.

Frage: Hat Ihnen denn schon jemand den Vorwurf der kulturellen Aneignung gemacht?

Antwort: Nicht ein einziges Mal, das ist auch das größte Kompliment. Ich habe mich selbst immer wieder daraufhin geprüft und mir die Frage gestellt: Darf ich das? Meine Antwort war: Ja, aber dann muss ich es auch gut machen. Mein Verleger sagte sogar: Natürlich darfst Du das, denn sonst ist Literatur gar nicht mehr möglich.

Frage: Sie haben fünf Jahre an „Dalee“ gearbeitet – wovon haben Sie denn in dieser Zeit gelebt?

Antwort: Wenn ich mein Honorar auf den Stundenlohn herunterrechne, lande ich deutlich unter Mindestlohn. Irgendwann wurde das Ganze einfach zu einer Art Mission, meiner eigenen Heldenreise, der großen Aufgabe, die ich unbedingt bewältigen wollte. Als ich den Roman entworfen habe, war ich gerade 40 geworden und wollte noch mal etwas Verrücktes wagen. Es wurde verrückt – so verrückt, dass ich mir oft genug die Frage stellte, ob ich nicht besser damit aufhören sollte.

Frage: Aber wovon haben Sie denn gelebt in diesen fünf Jahren? Von Reserven?

Antwort: Auch. Der Verlag zahlt einen Vorschuss und bei Veröffentlichung den zweiten Teil des Ganzen. Ich lebe nicht auf großem Fuß. Obwohl ich in Hamburg wohne, hatte ich nie eine besonders teure Wohnung. Der einzige Luxus, den ich mir im Leben gegönnt habe, waren immer meine Reisen.

Frage: Wie geht’s weiter? Wird es einen zweiten Roman geben?

Antwort: Das weiß ich noch nicht. Meine Frau sagt ganz deutlich: Auf gar keinen Fall (lacht). Als ich mit dem Roman fertig war, nannte sie es ein Wunder. 

Frage: Und Sie?

Antwort: Ich habe viele Ideen, mich aber noch nicht entschieden. Möglicherweise, weil ich noch immer zu tief in der Geschichte von Dalee und Bellini stecke. Das ist vielleicht der größte Unterschied zum Sachbuch: Ich habe Figuren erschaffen und lebe mit diesen Figuren bis heute. Ich mag sie nicht loslassen und fühlte mich auf eine Weise tottraurig, als ich nach fünf Jahren mit ihnen fertig war. 

Frage: Warum?

Antwort: Es war so schön mit ihnen. Gerade in dunkelsten Zeiten, wenn die Welt um mich herum zusammenzubrechen schien. Dann konnte ich mich an meinen Schreibtisch zurückziehen, literarisch an einen paradiesischen Ort reisen und dort auf dem Rücken eines Elefanten über den Indischen Ozean reiten. Das vermisse ich.

Frage: Die Tagträume des Dennis Gastmann im Corona-Loch?

Antwort: Das stimmt tatsächlich. Wenn ich schreibe, kaue ich Streichhölzer, habe Kopfhörer auf den Ohren, zünde Räucherstäbchen an und höre Musik, meistens immer wieder dasselbe Stück. Ruhige Musik, Klaviertöne, sphärische Klänge. Ich brauche dann eine Weile und darf auch nicht gestört werden, bis ich ganz in der Geschichte bin. Und wenn ich drin bin, lebe ich auch darin. Es ist ein guter Schreibtag, wenn ich tief eintauche in die Szenerie und mich darin bewege. Ich rede dann ganz viel mit mir selbst und lese mir den Text immer wieder laut vor – meine Nachbarn müssen mich hassen (lacht).

Frage: Ihre Schulaufsätze haben Sie früher immer mit dem Satz abgeschlossen „Und dann wurde es doch noch ein schöner Tag“.

Antwort: (lacht) Das war der kluge Rat meiner Mutter, die sinngemäß sagte: Deine Leser brauchen ein gutes Ende, dann verzeihen sie Dir auch all den Mist, den Du vorher geschrieben hast. Und wenn’s gar nichts taugt, dann schreibst Du am Ende „Und es wurde doch noch ein schöner Tag“. Gib ihnen wenigstens ein bisschen Hoffnung. Lass sie träumen. Damals war ich vielleicht sieben oder acht und schrieb kleine Aufsätze darüber, wie wir mit der Schulklasse einen Teich anlegten und es schwierig wurde, manchmal auch ein bisschen eklig mit dem Schmodder und all den Kaulquappen. Aber es wurde doch noch ein schöner Tag.

Frage: So schön ist der letzte Tag in „Dalee“ ja nicht.

Antwort: Nun ja, ursprünglich hatte ich ein ganz anderes Ende, ein furchtbares, finsteres, quälend langes Finale. Jetzt ist es eher ein offenes geworden, eines, das tröstet.

Frage: Gefällt es Ihrer Mutter?

Antwort: Ich denke schon. Es mag pathetisch klingen, aber ich höre immer wieder, dass Leute weinen, wenn sie das Buch zu Ende gelesen haben. Sie bedanken sich dann bei mir für die Tränen, es seien keine schlimmen, sondern schöne, befreiende Tränen gewesen. Dieses Loslassen, das Abschiednehmen, das Verlieren eines geliebten Gefährten habe ich ja nicht exklusiv, das erleben viele Menschen. Gleiches muss auch Bellini lernen. Er wird groß und geht auf seine erste Reise, während der Elefant möglicherweise sein letztes Abenteuer erlebt. Und die beiden müssen lernen, voneinander zu lassen. Das Leben ist eine Brücke, hat mir jemand in Indien erzählt. Gehe über sie hinweg, aber baue kein Haus darauf.

Ähnliche Artikel