Berlin Wegen Hitze: Kassenärztechef fordert Klimatisierung von Altenheimen
Die Hitze erfordert mehr Schutz vor allem für ältere Menschen, fordert Kassenärztechef Andreas Gassen im Interview mit unserer Redaktion. Einer seiner Vorschläge: Altenheime klimatisieren.
Den Hitzeschutzschild, den Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) plant, findet der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) nur begrenzt sinnvoll. Runtergekühlte Turnhallen etwa hörten sich gut an, aber nur, wenn die Hitze-bedrohten Menschen auch wirklich dorthin gebracht werden, so Andreas Gassen.
Sein wichtigster Rat an Hitzetagen wie diesen: „Trinken, trinken, trinken, aber keinen Alkohol!“
Frage: Herr Dr. Gassen, das nächste Hitze-Wochenende ist angebrochen. Gesundheitsminister Karl Lauterbach arbeitet an einem Hitzeschutzschild. Kommt der nicht zu spät?
Antwort: Abgestimmte Pläne zum Hitzeschutz machen definitiv Sinn. Aber dafür braucht es mehr Abstimmung mit den Fachgesellschaften. Nicht jede Maßnahme hilft. Und ehrlich gesagt, kommt die Häufung von Hitzephasen nicht überraschend, es ist schon viel Zeit vergeudet worden.
Frage: Was gehört unbedingt in den Hitzeschild?
Antwort: Die Haus- und Fachärzte können stärker und gezielt gerade ältere Menschen beraten, das ist aber zeitintensiv und muss daher gesondert vergütet werden. Dafür braucht es Lösungen. Hilfreich wäre sicherlich die Klimatisierung von Altenheimen, denn dort leben nur besonders gefährdete Menschen. Schutzräume für die Öffentlichkeit halte ich für schwer umsetzbar. Runtergekühlte Turnhallen wären ja nur sinnvoll, wenn man die von Hitze bedrohten Menschen einsammelt und dorthin bringt und versorgt. Manches, was in der Theorie gut klingt, ist in der Praxis schwer bis gar nicht umsetzbar. Eine regelrechte Bausünde sind die oft zubetonierten und damit oberflächenversiegelten Innenstädte. Das müsste man wo möglich korrigieren und zum Beispiel mehr Bäume pflanzen, die Schatten spenden.
Frage: Was ist mit Lüften daheim? Herr Lauterbach sagt: Fenster zu, damit es kühler bleibt. Wetterpapst Jörg Kachelmann sagt: Fenster auf, sonst vertrocknen oder ersticken die alten Menschen. Was sagen Sie?
Antwort: Beides sind Extrempositionen, die Wahrheit liegt in der Mitte. Ein Vorbild liefern unsere Nachbarn in südlichen Ländern: Die Fensterläden zu, aber die Fenster morgens auf: So wird es schattig, aber die Luft kann zirkulieren. Und in den Ländern sieht man in den Mittagsstunden niemanden im Straßenbau. Es braucht sicher keine landesweite Siesta. Aber Hitzepausen an extrem heißen Tagen sind nicht abwegig.
Frage: Was hilft noch?
Antwort: Trinken, trinken, trinken, aber möglichst kein allzu kühles Wasser. Alkohol ist bei hohen Temperaturen keine gute Idee!
Frage: Müssen wir uns – so schlimm das klingt – an tausende Hitzetote jedes Jahr gewöhnen?
Antwort: Hitze ist für alte und kranke Menschen schon immer ein Killer gewesen. Selbst im ersten Corona-Jahr gab es die höchste monatliche Übersterblichkeit im August, als deutlich mehr Menschen an Hitze als an Corona gestorben sind. Aber wir sollten die Lage nicht überdramatisieren. Denn wie gesagt: Es gibt Wege, gut durch Hitzephasen zu kommen.
Frage: Zur Krankenhausreform: Nach der Grundsatzeinigung fürchten viele Menschen in ländlichen Regionen, ihre Klinik mache bald dicht. Die Sorgen sind nicht ganz unberechtigt, oder?
Antwort: Zunächst: Jeder, der sich auskennt, weiß, dass wir in Deutschland historisch bedingt viel zu viele Krankenhäuser haben. Wir müssen Kliniken schließen, das ist unausweichlich. Es gibt Häuser, die kaum Personal haben und keine optimale Qualität bieten. Deshalb brauchen wir eine Konzentration der Krankenhauslandschaft, damit wir das knappe Personal dort optimal einsetzen. Ob 350 Kliniken dichtmachen müssen, wie manche behaupten, bleibt abzuwarten. Selbst dann hätten wir im aber europäischen Vergleich immer noch die mit Abstand meisten Krankenhäuser.
Frage: Was ist denn von der Einigung zwischen Bund und Ländern zu halten?
Antwort: Es entsteht schon der Eindruck, dass Kliniken, die gut gewirtschaftet und gearbeitet haben, fast benachteiligt werden, und die Schlusslichter bekommen eine Gnadenfrist. Häuser, die jetzt schon in Schieflage sind und kaum noch Patienten versorgen, werden nicht überleben, und das ist auch richtig so. Wichtig wäre aber ein geplantes koordiniertes Vorgehen, damit nicht Kliniken untergehen, die wir eigentlich, wenn vielleicht auch nicht als Krankenhaus, so doch als Standort gebrauchen können.
Frage: Zu den Zielen gehörte, überflüssige Eingriffe zu reduzieren und mehr ambulant zu behandeln: Nach dem Eingriff gleich wieder nach Hause. Wird das umgesetzt?
Antwort: Leider nein. Dabei haben wir in Deutschland im internationalen Vergleich mit die meisten Betten pro 100.000 Menschen, aber stehen ganz weit hinten bei der Zahl der Pflegekräfte je Bett. Und wir machen im internationalen Vergleich absurd viele Eingriffe stationär, weil es für die Krankenhäuser, die das tun, finanziell interessant ist. Und das muss ganz schnell umgestellt werden, was auch im Sinne der Patienten ist. Denken Sie nur an das Problem der Krankenhauskeime. Deswegen ist es höchst ärgerlich und absolut unverständlich , dass die Krankenkassen bei der Ambulantisierung mauern.
Frage: Warum?
Antwort: Noch immer werden viel zu viele Behandlungen stationär erbracht und Versichertengelder verschleudert. Gleichzeitig sind unsere wichtigen Hochleistungskrankenhäuser und Unikliniken nicht ausreichend finanziert und mit Personal ausgestattet. Häusern, die keine relevanten Patientenzahlen mehr versorgen, Vorhaltekosten zu erstatten für Betten, die niemand braucht, ist nicht die Lösung. Auch da muss also bei den Reformplänen erheblich nachgebessert werden.
Frage: Also ist noch gar nicht viel erreicht?
Antwort: Was Karl Lauterbach jetzt mit den Ländern vereinbart hat, oder eher was die Länder durchgesetzt haben, erscheint allenfalls als ein erster Aufschlag. Es war dem Minister offenkundig wichtig, das Thema medial erst einmal abzuräumen. Die eigentliche Arbeit steht noch aus. Wenn die Ambulantisierung nicht gestärkt wird, und das ist ohne Einbindung der Praxen unmöglich, und wenn die Auswahl der richtigen Kliniken nicht klug und strategisch koordiniert wird, dann wird diese Reform scheitern.
Frage: Wie muss konkret nachgebessert werden?
Antwort: Es braucht die Stärkung von großen und wichtigen Kliniken. Kleine Häuser mit 40, 50 oder 100 Betten und geringer Auslastung sollten geschlossen oder da, wo es sinnvoll ist, in Gesundheitszentren umgewandelt werden. Das wird oft Regionen treffen, in denen auch die Niedergelassenen nicht in großer Zahl vorhanden sind. An solchen Standorten kann durch Kooperation mit Praxen die Versorgung der Region gestärkt werden, zum Beispiel ein Operationssaal vorgehalten werden oder auch einige wenige Betten für den Bedarfsfall. Und dort können Praxen angesiedelt werden, die nicht jeden Tag von früh bis spät besetzt sind, wo aber an festgelegten Tagen Hausärzte und Fachärzte, die es in der Region sonst nicht mehr gibt, Patienten versorgen. Kleinkrankenhausstrukturen mit hohen Verwaltungskosten, schlechter Personalausstattung und stark limitiertem medizinischen Leistungsspektrum braucht man aber nicht.
Frage: Das klingt nach einer Rosskur...
Antwort: So eine Strukturreform würde die Versorgung und die Arbeitszufriedenheit verbessern und käme allen, insbesondere auch den Menschen in der Region, zugute. Denn so, wie es ist, ist die Arbeitsbelastung vielerorts dramatisch und die Unzufriedenheit des ärztlichen und pflegerischen Personals hoch.