Osnabrück Die Kunst und ihr Skandal: Wie frei wird die Documenta noch sein dürfen?
Alles fein bei der Documenta! Wer die Resultate der Besucherbefragung liest, könnte diesen Eindruck gewinnen. Dabei lastet der Skandal um antisemitische Bilder weiter schwer auf der Weltkunstschau.
Einzigartig als Weltmarke der Kunst, gut angesehen bei jungen Besuchern, international angesteuert und nachhaltiger als jemals zuvor: Die Documenta steht blendend da – jedenfalls laut Besucherumfrage zur Documenta 15. Aber gab es in Kassel nicht einen Skandal um antisemitische Bilder? In einem Nebensatz steht: Das Thema wurde bei der Besucherumfrage nicht abgefragt. So lässt sich eine Bilanz auch schönreden.
Hinter den Kulissen wird gerade hart gekämpft. Von Kulturstaatsministerin Claudia Roth bis zum neuen Documenta-Geschäftsführer Andreas Hoffmann wissen alle Akteure: Der Schock, ausgerechnet auf der Documenta antisemitische Bilder ausgestellt zu sehen, hat ihrem Ruf schwer geschadet.
Wie lässt sich das künftig verhindern, ohne die Freiheit der Kunst einzuschränken? Das ist die knifflige Frage, auf die vor allem Andreas Hoffmann eine Antwort finden muss. Die Zeit drängt. Zur Jahreswende soll feststehen, wer das Programm der Documenta 2027 verantworten wird.
Warum ist das so wichtig? Weil die Documenta mehr ist als eine Ausstellung. Sie funktioniert als Schaufenster der freien Welt, als Gradmesser des Zeitgeistes, als Arena gelebter Demokratie. Damit das so bleiben kann, muss die Documenta anecken dürfen. Kunst ohne Biss – das braucht niemand. Aber wie frei wird die Kunstschau noch sein können?
Schön war das Leben, als man sich über die Kunst der Documenta einfach nur ärgern konnte. Die Honigpumpe von Joseph Beuys, die 1972 den süßen Stoff durch das Fridericianum zirkulieren ließ, oder der Ai Weiweis Türenturm, der 2007 im Sturm in der Karlsaue zusammenstürzte – das sorgte in Kassel für Debatten, nicht für Entsetzen.
Bei antisemitischen Zerrbildern hört jede Debatte auf. Die Documenta-Macher wissen das. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, hat gerade wieder Judenfeindlichkeit als Problem der Kultur angeprangert und neben Konzerten von Roger Waters die Documenta 14 von 2022 als trauriges Beispiel benannt.
Wer etwa einmal eine Petition der israelfeindlichen Organisation Boycott, Divestment and Sanctions, kurz BDS, unterzeichnet hat, wird bei der Documenta keine Chance mehr haben. Ich finde das gut, denn Kunst ist ein Raum der Freiheit und der offenen Kritik, aber kein Freibrief für bloßen Hass und Anfeindungen gegen Menschen.