Osnabrück  So lässig geht Korrektheit: Warum man im Polohemd immer perfekt aussieht

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 13.07.2023 14:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Sommerhit der Mode: Das Polohemd macht gute Laune. Foto: imago images/Westend61
Der Sommerhit der Mode: Das Polohemd macht gute Laune. Foto: imago images/Westend61
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Angenehm im Sitz, definiert in der Silhouette: Das Polohemd hat jeder im Schrank. Aber woran liegt es, dass man in diesem Hemd immer angezogen aussieht? Ein Essay über einen Klassiker der Mode.

Auf der ewigen Party der Mode ist das Poloshirt der perfekte Gast: immer dezent, nie laut, stets stilvoll, niemals gewöhnlich. Wer diesen Gast für einen bloßen Mitläufer hält, unterschätzt ihn, wer in ihm nur das Passepartout für alle Fälle wahrnimmt, hat nicht richtig hingeschaut. Das Poloshirt bringt das Kunststück fertig, allzeit anwesend zu sein, ohne seine unaufdringliche Frische zu verlieren. Dieses Kleidungsstück gibt sich wie ein guter Freund, der sich so taktvoll verhält, dass er lieber anderen zuhört, statt immer nur von sich zu erzählen.

Dabei hätte es genug gute Gründe dafür gegeben, sich von ihm ein für alle Mal abzuwenden. Wer sich zur Generation der Boomer zählt, erinnert sich noch peinlich genau. Das Poloshirt gehörte zu den Poppern wie Tennisschläger, Kaschmirpullover und das erdbeerfarbene Golf Cabrio. Nach den wilden Siebzigern markierten die Popper Anfang der achtziger Jahre die konservative Reaktion auf die Protestgeneration. Polohemd statt Latzhose: Der drastische Wechsel des Looks war mehr als eine Äußerlichkeit – wie immer in der Mode.

Vorbei die Zeiten, in denen das Polohemd das Standardutensil der Braven war – oder Ausstattungsstück der Angeber, die das Hemd aus flauschigem Baumwollpikee mit hochgestelltem Kragen trugen. Beim Polohemd bleibt der Kragen hübsch unten. Alles andere ist ein Fauxpas, damals wie heute.

Kurze Arme, Umlegekragen, kleine Leiste mit zwei, maximal drei Knöpfen: Der Steckbrief des Polos ist schnell geschrieben. Das Material gehört noch dazu: Baumwollpikee für das Hemd, Feinripp für Kragen und Ärmelbündchen. Das Polohemd trägt sich lässig wie ein T-Shirt, vollzieht mit seinem Kragen aber die Silhouette des Oberhemds nach. Seine Kernbotschaft: So lässig geht Korrektheit!

Das Polo steht als Zwitter zwischen Shirt und Hemd. Es ist ein Klassiker wie Jeans, Trenchcoat oder das kleine Schwarze. Vor allem aber ist das Polohemd der typische Migrant der Mode. Aus Indien nach Europa, aus dem Sport ins Büro, vom Zeichen des Maskulinen zum Utensil des Unisex: Wer genau hinsieht, erkennt im Polohemd einen Kreuzungspunkt der Kulturen.

Auch wenn dieses Kleidungsstück gern mit der Marke Polo Ralph Lauren identifiziert wird – wirklich original ist es nur mit dem Krokodil. Zu Beginn der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts hatte der französische Tennischampion René Lacoste genug vom Spiel in langärmeligen Hemden. Er suchte nach einer Alternative und wurde bei indischen Polo-Spielern fündig. Deren Dress adaptierte Lacoste, der 1925 und 1928 das Turnier von Wimbledon gewann, zu einem Hemd neuen Typs: leicht, luftig und doch mit definierter Silhouette.

Lacoste war das Krokodil. Sein Spitzname avancierte zum Markenemblem auf dem Polohemd. Ein Volltreffer, der bis heute wirkt und ein instruktives Beispiel dafür abgibt, wie Ausstattungsdetails einer Welt der Upper Class in den allgemeinen Gebrauch übergehen können. Wer in ein Polohemd schlüpft, fühlt sich sofort entspannt und sieht doch angezogen aus. Diese coole Performance macht dem Polo so schnell kein anderes Kleidungsstück nach.

Tennisstars wie Novad Djokovic tragen das Polohemd heute immer noch auf dem Center Court. Puristen beschränken sich deshalb auf das weiße Polohemd, auch wenn sie niemals einen Tennisschläger in die Hand nehmen. Ansonsten gilt für dieses Hemd: In der Einfarbigkeit liegt der Schlüssel der Vielfalt. Muster, Streifen, Farbenmix: Das alles gibt es, bildet aber nicht den guten Geschmack des Polos ab. Wer auf sich hält, stapelt in seinem Schrank die fein gefalteten Hemden in allen Farben des Regenbogens – wie die Bände der Edition Suhrkamp im Bücherregal.

Ob Schlammbeige oder Himmelblau, Mintgrün oder Nachtschwarz – das Polohemd lebt von der eindeutigen und deshalb kräftigen Entscheidung für eine Farbe. Als Leuchtpunkt kann es ein ganzes Outfit dominieren oder mit einem milderen Ton den dezenten Mitspieler abgeben. So viel Anpassungsfähigkeit mag mancher für blanken Opportunismus halten. Andere erkennen darin die Kunst, vielfältige Verbindung herzustellen.

Das Polohemd führt jedenfalls musterhaft vor, dass die Perfektion auch in der Neutralität liegen kann. Denn dieses Hemd sieht zu Sneakern so gut wie zum Oxfordschuh aus. Ob Casual oder Business – das Polohemd geht mühelos jeden sozialen Klimawechsel mit, weil es die Merkmale unterschiedlicher Kleidungsstücke in sich vereint. Es gibt Style-Berater, die das Polohemd sogar bei einer Hochzeitsfeier richtig platziert sehen. Nun ja, wer es mag.

Wer zum Polohemd greift, riskiert jedoch selten einen Fehlgriff. Im Sommer gilt das ohnehin. Das Hemd aus dem hautfreundlichen Baumwollstoff ist in der warmen Jahreszeit in seinem Element. Das Polohemd macht gute Laune, weil es Menschen gut aussehen lässt, ohne sie einzuengen. Diesen Gast hat man wirklich auf jeder Party gern dabei, nicht nur derjenigen der Mode.

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