Kolumne „Artikel 1, GG“ Schwache brauchen mehr Fürsorge
In unserer Gesellschaft sind einige mehr auf Hilfe angewiesen als andere. Wie das funktioniert, erklärt unsere Kolumnistin am Beispiel ihres Huhns Gonül.
Gönüls genaues Alter weiß ich nicht. Doch seit fast acht Jahren gehört sie zur Familie, ist eine von acht Zwergfederfüßlern (inklusive Hahn Hüsmen), die bei uns im Garten ihr Zuhause haben. Gönül hatte ich eine Zeit lang auf Erdogan umgetauft, weil sie sehr viel Krach gemacht hat. Sie krakeelte den ganzen Tag. Davon ist fast nichts mehr übrig geblieben, denn das Huhn ist in die Jahre gekommen.
Zur Person
Canan Topçu (57) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.
Sie hat ihre eigene Stange, gerade mal fünf Zentimeter vom Boden entfernt. Hoch schafft sie es allein, nicht aber mehr runter. Denn Gönül ist erblindet, und das schon vor über einem Jahr. Seitdem bekommt sie eine Sonderbehandlung. Die beginnt damit, dass ich jeden Morgen ihr Rufen abwarte, um sie dann von ihrer Stange herunterzuholen. Danach trage ich sie in den Garten, wo sie ihr eigenes, mit einem Zaun abgetrenntes Reich hat. Den Tag mit den anderen im Gehege verbringen, das geht nicht – weil sie gepiesackt wird. Neulich habe ich es mal wieder versucht: Als ich nach einer Stunde nach ihr schaute, war ihr Kopf schon blutig von dem Picken der anderen.
Als ich im Mai vergangenen Jahres wegen einer längeren Abwesenheit die Hühner beim Züchter in Pension gab, sagte er mir: „Die Blinde wird es nicht mehr lange machen.“ Seitdem sind 15 Monate vergangen und die Blinde ist immer noch da. Weil sie offenbar noch Freude am Leben hat und weil ich mich um sie ganz besonders kümmere.
Kommende Woche fahre ich zum Wandern in das Allgäu, in dieser Zeit kommen Hahn und Hühner wieder beim Züchter in Pension. Nicht aber die Blinde. Denn der Züchter ist ein Verfechter von „Survival of the fittest“.
Ich hingegen könnte es nicht übers Herz bringen, Gönül ihrem Schicksal zu überlassen und sie den Attacken der anderen „Damen“ im Gehege auszusetzen. Schwache brauchen nun mal mehr Aufmerksamkeit und Fürsorge. Daher bleibt sie zu Hause und lebt Tag und Nacht im Hühnergehege, wird abwechselnd von Freunden versorgt.
Kontakt: kolumne@zgo.de