Neue Vereinbarung  So wollen die Ermittler Clans im Landkreis Leer kleinkriegen

Nikola Nording
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Von Nikola Nording
| 10.07.2023 18:52 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Polizei und Staatsanwaltschaft wollen entschiedener gegen Clan-Strukturen auch in Ostfriesland vorgehen. Foto: Roberto Pfeil/dpa
Polizei und Staatsanwaltschaft wollen entschiedener gegen Clan-Strukturen auch in Ostfriesland vorgehen. Foto: Roberto Pfeil/dpa
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Clans gibt es auch im Landkreis Leer. Die Polizeiinspektion und die Staatsanwaltschaft Osnabrück wollen ihnen nun entschlossen entgegenkriegen. Das Mittel der Wahl: die Härte des Rechtsstaats.

Landkreis Leer - 40 Menschen geraten aneinander, sie prügeln sich. Die Stimmung ist aufgeheizt, die Polizei greift am Neujahrsmorgen im Jahr 2022 ein. Mit mehreren Streifenwagen rücken die Beamten in die Straße „Am Kaak“ in Leer an. Mehrere Menschen werden verletzt, müssen ins Krankenhaus gebracht werden, auch ein Polizist wird angegriffen und verletzt. Die Polizei löst den Tumult irgendwann auf. Ein Vorfall, der es an die Oberfläche bringt: Auch in Ostfriesland gibt es verfeindete Clans. In diesem Fall waren zwei Familien aneinandergeraten.

Das berichtet Frida Sander, Leiterin des Einsatz- und Streifendienstes bei der Polizeiinspektion Leer/Emden, am Montagvormittag. Insgesamt gebe es eine „mittlere, einstellige Anzahl an Familien mit clanähnlichen Strukturen“ in ihrem Dienstgebiet. Auf eine konkrete Zahl will sie sich nicht festlegen.

Doch die Clan-Strukturen gebe es eben auch auf dem Land, betont Bernhard Südbeck, Leitender Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Osnabrück.

Was und warum

Darum geht es: Staatsanwaltschaft und Polizei wollen mit Kommunen enger zusammenarbeiten. So wollen sie den Clans das Leben schwer machen.

Vor allem interessant für: Menschen, die sich um ihre Sicherheit Gedanken machen

Deshalb berichten wir: Das Thema Clan-Kriminalität beschäftigt viele Menschen. Nun klärte die Polizei auf, wie es sich damit im Landkreis Leer verhält.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de

Was ist ein Clan?

Als Clan wird eine Gruppe von Personen bezeichnet, die durch eine gemeinsame ethnische Herkunft, überwiegend auch durch verwandtschaftliche Beziehungen, verbunden ist. Kriminelle Clanstrukturen seien gekennzeichnet durch die Begehung von Straftaten und Ordnungswidrigkeiten jeglicher Deliktsart und -Schwere. Im vergangenen Jahr wurden 3986 Straftaten in Niedersachsen der Clan-Kriminalität zugeordnet, 2021 waren es noch 2841, wie das Innenministerium und das Justizministerium kürzlich mitteilten. Innenministerin Daniela Behrens (SPD) begründete den Anstieg mit einer besseren Zuordnung der Taten zu Clans.

Welche Strategien haben die Ermittler jetzt?

Polizei und die Staatsanwaltschaft Osnabrück wollen nun entschlossen gegen diese Clans vorgehen. Deswegen tourt Südbeck seit Wochen durch das Einzugsgebiet der Oberstaatsanwaltschaft Osnabrück. Er will für das Thema sensibilisieren, auf die Problematiken aufmerksam machen und auch Licht ins Dunkle bringen. Netzwerken ist das Stichwort für die Staatsanwaltschaft. Dazu holt sie sich die Kommunen und Landkreise ins Boot. Wie bereits vor einigen Wochen in Wittmund und Aurich vereinbarte Südbeck am Montag auch mit Vertretern der Kommunen aus dem Kreis Leer und Landrat Matthias Groote eine Zusammenarbeit. Oberstaatsanwalt Südbeck spricht dabei von einer „Politik der 1000 Nadelstiche“. Meint: Die Clan-Mitglieder sollen mit der vollen Härte, mitunter auch Kleinlichkeit, des Rechtsstaats zermürbt werden. Ist der Zaun zu hoch oder der Gebäudeanbau nicht genehmigt? Anzeige. Gibt es Unregelmäßigkeiten bei Zahlung oder Abrechnung? Anzeige. Wird die Gastronomie nicht ordentlich betrieben? Anzeige. „Wir können nur ermitteln, wenn es einen Anfangsverdacht hat“, sagt Frida Sander von der Polizei ganz deutlich. Dabei können die Kommunen helfen.

Entschlossen gegen die Clan-Kriminalität: Vertreter der Kommunen, die sich nun mehr über Clan-Strukturen austauschen wollen. Foto: Nording
Entschlossen gegen die Clan-Kriminalität: Vertreter der Kommunen, die sich nun mehr über Clan-Strukturen austauschen wollen. Foto: Nording

Was sollen die Meldungen bringen?

Je mehr die Ermittlungsbehörden über die Verflechtungen und Hintergründe der Clan-Strukturen wüssten, desto besser könne man ihnen entgegentreten und Verfehlungen ahnden. Dazu arbeite man zum Beispiel auch im Ausland mit Ermittlern zusammen. Für Ostfriesland bedeutend sei vor allem der Austausch mit den Niederlanden. Von dort wisse man, dass die Geldautomatensprenger vor allem zwei Clan-Familien marokkanischer Herkunft seien, erklärt Südbeck. „Wir treffen uns regelmäßig mit den Kollegen aus den Niederlanden und tauschen uns darüber aus“, sagt er. Offenbar mit Erfolg, seit April sei die Zahl der Sprengungen spürbar zurück gegangen. „Wir hatten bis März 18 Festnahmen“, so Südbeck.

Können Bürger auch helfen?

Bei den Ermittlungen gegen Clans können laut Polizei auch die Bürgerinnen und Bürger mithelfen. Meldungen über ungewöhnliche Vorkommnisse seien willkommen. „Aus Angst nichts zu tun, ist auf jeden Fall nicht richtig“, sagt Sander. Staatsanwalt Südbeck räumt aber ein, dass die Clans eine Drohkulisse für Opfer aufbauten, die nicht zu unterschätzen sei. Das Provozieren von Eskalationen bei nichtigen Anlässen und das Ausnutzen der Bedrohungspotenziale sei typisch für Clans-Strukturen. Er nannte das Beispiel Auffahrunfall. Sei ein Clan-Mitglied einem anderen Autofahrer aufgefahren, würde das Opfer so sehr bearbeitet, dass es am Schluss eigene Fehler einräumt und eine Anzeige fallen lässt. Damit solle aber Schluss sein. „Wir fordern Respekt für den Rechtsstaat“, so Südbeck.

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