Osnabrück Elton John auf Abschiedstournee: Warum sind Millionen so gerührt?
Elton John geht auf Abschiedstournee, die Eagles auch: Rockmusik ist längst ein Mehr-Generationen-Haus. Das zeigen die Abschiedstourneen. Sie sind längst ein eigenes Format des Pop.
Der Rocket-Man fliegt seine letzte Runde, das Hotel California macht dicht – und Millionen Fans nehmen das Taschentuch zur Hand, um Tränen zu trocknen. Abschiedstourneen großer Rock-Stars sind längst zu einem eigenen Format avanciert.
Warum sind alle so gerührt? Weil ihnen mit dem Abgang bewunderter Stars wehmütig bewusstwird, was sie diesen Stars für ihr eigenes Leben verdanken. Und das ist oft mehr als nur der Genuss ihrer Musik.
Jetzt sind es Elton John und die Eagles, die ihre letzte Runde in der globalen Arena der Rockkonzerte ankündigen. Früher trennten sich Bands im Streit, heute finden sie sich wieder zum Revival oder zelebrieren Abschiede, die sich zu einer eigenen Phase ihrer Geschichte ausdehnen. Sag niemals nie: Manche Abschiedstournee findet kaum ein Ende.
Warum ist das Format der Abschiedstournee so aufschlussreich? Weil es zeigt, wie die einst aufrührerische Rockmusik erst etabliert und dann zu dem geworden ist, was sie eigentlich nie sein wollte: klassisch. Elton Johns Geschichte belegt das bestens. Seine bunten Outfits und schrägen Brillen waren vor Jahrzehnten ebenso eine Provokation wie sein offener Umgang mit seiner Homosexualität. Heute gehört das zum sozialen Mainstream.
Das ist übrigens gut so. Was heute Protest ist, markiert morgen einen neuen Standard. So funktioniert Kulturgeschichte. Dieses Leben ist schön, weil es bunt und vielfältig sein darf, Menschen die Freiheit gibt, genau das Leben leben zu wollen, das sie für sich gewählt haben.
Rockstars erweisen sich im Rückblick, ebenso wie viele andere Künstler von Malerstar Pablo Picasso bis Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux, als Schrittmacher einer Entwicklung, von der am Ende alle profitieren. Sie sind tatsächlich Avantgarde.
Das gilt bisweilen für Musikstile, viel mehr aber für Freiheiten, die noch nicht selbstverständlich sind. Elton John setzte einen Meilenstein für die Sichtbarkeit der queeren Kultur, die kürzlich verstorbene Tina Turner für die Rechte aller Frauen.
Die Abschiedstournee zeigt, wie sehr die Rockmusik zum Mehr-Generationen-Haus avanciert ist. Hier wohnen neben den Jungen auch die vielen Älteren, die ihre Lebensdekaden an den Hits ablesen, für die sie sich im Lauf der Jahre begeisterten.
Ob Turners „Simply the best“ oder Elton Johns „Crocodile Rock“ – richtigen Fans ist jeder dieser Songs der Soundtracks des Aufbruchs in das eigene Leben. Die Abschiedstournee erinnert noch einmal daran, wie alles war – damals, als das Leben jung und jede Erfahrung die erste war.