Besondere Fußballhistorie  Timmeler Vereinsgründer machte Dortmund-Helden zum Lehrer

| | 05.07.2023 15:44 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Knut Reinhardt gewann mit Borussia Dortmund nicht nur zweimal die Deutsche Meisterschaft, sondern im Jahr 1997 auch die Champions League. Foto: Imago
Knut Reinhardt gewann mit Borussia Dortmund nicht nur zweimal die Deutsche Meisterschaft, sondern im Jahr 1997 auch die Champions League. Foto: Imago
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Kürzlich waren die BVB-Altstars mit Knut Reinhardt in Timmel zu Gast. Dahinter versteckt sich auch die ungewöhnliche Freundschaft von SuS-Timmel-Gründer Thorsten Lange und dem Champions-League-Sieger.

Timmel/Dortmund - Als die Traditionsmannschaft von Borussia Dortmund vor einigen Tagen einen tollen Tag auf der Sportanlage von SuS Timmel erlebte, saß ein wichtiger Mann mit engen Verbindungen zu beiden Vereinen traurig in den eigenen vier Wänden. „Ich konnte aus gesundheitlichen Gründen leider nicht kommen. Dabei wäre ich so gerne dabei gewesen“, sagt der 80-jährige Thorsten Lange aus Dortmund. Als 24-jähriger Grundschullehrer hatte er 1967 mit zwei Weggefährten SuS Timmel gegründet und seine ihm so liebgewonnene Region Ostfriesland 1983 Richtung Dortmund verlassen, wo er auch eine innige Beziehung zur Borussia pflegt. Der heutige SuS-Vorsitzende Ludwig Meyer telefonierte am Rande des Spiels einer Ostfrieslandauswahl gegen die BVB-Traditionself mehrfach mit dem Gründungsvater in Dortmund und machte ihm aus der Ferne eine große Freude. Thorsten Lange wurde am Telefon zum Ehrenmitglied ernannt. „Das hat mich so gerührt, dass ich den Tränen nahe war“, erzählt Lange.

Knut Reinhardt (rechts) ist mit dem Timmeler Gründungsvater Thorsten Lange befreundet. Foto: Privat
Knut Reinhardt (rechts) ist mit dem Timmeler Gründungsvater Thorsten Lange befreundet. Foto: Privat

Als die BVB-Oldies von ihrem Wochenend-Trip nach Ostfriesland zurückgekehrt waren, wurde Lange noch ein weiteres persönliches Geschenk überreicht. Ein SuS-Timmel-Trikot mit dem Gründungsjahr 67 als Rückennummer übergab der früherer BVB-Held Knut Reinhardt in seinem Garten an seinen guten Freund. Der zweimalige Deutsche Meister (1995, 1996), Champions-League-Sieger (1997) und Uefa-Pokal-Gewinner (1988 mit Bayer Leverkusen) Reinhardt hat für einen Profifußballer nach der Karriere einen ungewöhnlichen Lebensweg eingeschlagen. Er wurde Grundschullehrer. Und das lag vor allem an Thorsten Lange. „Er überzeugte mich davon, Lehramt zu studieren. Im Nachhinein war es das Beste, was mir passieren konnte, denn ich habe einen Beruf gefunden, der mich ausfüllt“, erklärte der 55-Jährige am Rande des BVB-Spiels in Timmel.

Von Pommern nach Ostfriesland

Der Verteidiger ist im Jahr 1968 im nordrhein-westfälischen Hilden geboren. Zu dieser Zeit hatte der junge Grundschullehrer Thorsten Lange im fernen Timmel mit Franz Wachsmann und Klaus Ullmann gerade ein Jahr zuvor Spiel und Sport Timmel gegründet. Lange, geboren 1943, war mit seiner Familie in den Kriegswirren 1945 aus Pommern nach Hildesheim geflohen. Während seines Lehramtsstudiums Anfang der 60er Jahre in Hannover gab es eine Exkursion nach Ostfriesland. „Da hatte ich mich in die Region und Landschaft verliebt“, sagt der 80-Jährige. „Timmel war damals ein reines Bauerndorf, als ich als Lehrer kam.“

Knut Reinhardt übergab Thorsten Lange dieses Trikot-Geschenk von SuS Timmel in Dortmund. Foto: Privat
Knut Reinhardt übergab Thorsten Lange dieses Trikot-Geschenk von SuS Timmel in Dortmund. Foto: Privat

Zunächst bot SuS Timmel nur Tischtennissport an. „Wir durften im Konfirmantensaal zwei Tischtennisplatten platzieren.“ Doch seine große Leidenschaft war der Fußball, der ab 1968 angeboten wurde. Das erste Jahr musste noch in Weene gespielt werden, dann endlich in Timmel. Viele Jahre wirkte er bei SuS, obwohl er zwischenzeitlich auch in Sandhorst als Schuldirektor gelandet war. 1983 endete dann sein Ostfriesland-Abenteuer und er zog aus privaten Gründen nach Dortmund.

Auch mit Hitzfeld befreundet

Neben seiner Arbeit als Lehrer und in der Schulleitung engagierte er sich auch irgendwann für den Lokalradiosender in Dortmund. „Da war ich als Fußballer auch für Borussia Dortmund zuständig. Und so lernte ich Knut Reinhardt 1991 bei einem Interview kennen. Wir stellten dann fest, dass wir in fast direkter Nachbarschaft lebten.“ So entstand über die Jahre eine Freundschaft der beiden – ebenso zu Trainer Ottmar Hitzfeld, mit dem er noch öfters telefoniert.

Die Beziehung zu Reinhardt wurde so eng, dass Thorsten Lange bei der Hochzeit von Reinhardt mit seiner Frau Helena Trauzeuge wurde. Als dann das Karriereende von Reinhardt im Jahr 2000 – inzwischen beim 1. FC Nürnberg – näher rückte, stellte sich für ihn die Frage, wie es mit Anfang 30 nun beruflich weitergeht. „Ich habe Knut immer wieder gesagt, dass er für mich ein sehr guter Lehrer werden kann. Erst wollte er davon nichts hören. Aber dann sind wir irgendwann zur Uni und er hat sich für das Studium eingeschrieben.“

„Schüler und Eltern lieben ihn“

Während der Uni-Jahre habe es auch mal Phasen gegeben, in denen Reinhardt aufgebaut werden musste. „Ich habe ihm dann immer wieder Mut gemacht, weil ich an ihn geglaubt habe.“ Um zu schauen, ob der Lehrer-Posten auch tatsächlich etwas für den Verteidiger sei, hatten beide sogar in die Trickkiste gegriffen, wie Lange verrät. „Er hat mal mit gefärbten Haaren, damit ihn keiner erkennt, bei mir eine Unterrichtsstunde übernommen. Das war eine verrückte Geschichte.“

Die Mühen des Studiums und der Testballon sollten sich gelohnt haben, wie auch der frühere Champions-League-Sieger am Rande des Freundschaftsspieles in Timmel noch mal betonte. „Zunächst hatte ich tolle Jahre an einer Grundschule und seit vier Jahren unterrichte ich etwas ältere Schüler an der Realschule. Mein Beruf macht mich richtig glücklich.“ Und andersherum, das betont Thorsten Lange, sei die Zuneigung auch groß. „Ich weiß, dass die Kinder und Eltern ihn lieben für seine Art.“

Reinhardt widmet Lange Buchseiten

Reinhardt unterrichtete viele Jahre in einem Dortmunder Bezirk, in dem viele Kinder aus bildungsfernen Familien kamen. In einem Interview auf der BVB-Homepage sagte er im April 2020 dazu: „Ich habe große Aufgaben neben der Vermittlung des Lernstoffs: Papa-Ersatz, Erziehungsauftrag, Bildungsauftrag, Mülleimer für alles. Aber man kriegt so viel zurück von den Kindern, weil sie einem vertrauen.“

Die BVB-Traditionsmannschaft traf am 24. Juni in Timmel auf eine regionale Auswahl. Foto: Doden/Emden
Die BVB-Traditionsmannschaft traf am 24. Juni in Timmel auf eine regionale Auswahl. Foto: Doden/Emden

Den ungewöhnlichen Weg vom Fußballstar zum Grundschullehrer hat Knut Reinhardt auch zu Papier gebracht. 2017 erschien sein Buch „Wenn Fußball Schule macht: Mein Weg vom Fußballprofi zum Lehrer“. „Knut hat mir in dem Buch auch ein paar Seiten gewidmet, das hat mich sehr geehrt“, sagt Thorsten Lange. Er ist mit SuS Timmel und der Region noch eng verbunden, war als ehemaliger Gemeindepolitiker erst 2022 zu einer Feier in Großefehn.

Beim Spiel in Timmel überreichte SuS-Vorsitzender Ludwig Meyer (rechts) an die BVB-Altstars Knut Reinhardt (Mitte) und Günter Kutowski ein Trikot für Thorsten Lange, der nicht mit nach Timmel reisen konnte. Foto: Privat
Beim Spiel in Timmel überreichte SuS-Vorsitzender Ludwig Meyer (rechts) an die BVB-Altstars Knut Reinhardt (Mitte) und Günter Kutowski ein Trikot für Thorsten Lange, der nicht mit nach Timmel reisen konnte. Foto: Privat

Seinen Sportverein will er auch noch mal wieder besuchen. Möglicherweise sogar in einigen Jahren zusammen mit „Ziehsohn“ Knut Reinhardt. „Den Dortmundern hat das Wochenende in Timmel gut gefallen. Vielleicht kommen sie ja noch mal zu einem Spiel.“

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