Schwerin Zu schlechte Mathe-Prüfungen im Abitur: Schüler bekommen einen Punkt mehr
Die diesjährigen Prüfungsergebnisse in Mecklenburg-Vorpommern sind nicht akzeptabel. Das Bildungsministerium in Schwerin zieht jetzt die Konsequenzen.
Die Ergebnisse der schriftlichen Prüfungen zum Mathematik-Abitur lagen in diesem Jahr deutlich unter den Durchschnittswerten des Vorjahres. In Grundkursen mit WTR (wissenschaftlichem Taschenrechner) wurde eine durchschnittliche Punktzahl von 4,2 erreicht – ein Jahr zuvor lag der Durchschnitt bei 5,6. In Grundkursen CAS (mit Computeralgebrasystem) waren in diesem Jahr durchschnittlich 4,0 Punkte erreicht worden, 2022 waren es 4,9. Auch die Leistungskursprüfungen fielen deutlich schlechter aus: Im WTR-Kurs erreichten die Schüler durchschnittlich 6,6 Punkte (2022: 7,0), im CAS-Kurs 6,6 (7,7). Jeder fünfte Prüfling hat in diesem Jahr im Fach Mathematik für seine schriftliche Arbeit nicht einen einzigen Punkt erreicht.
Wer im Grundkurs von seinem Wahlrecht Gebrauch macht und sich mündlich prüfen ließ, schnitt übrigens meist deutlich besser ab: Hier lag der Durchschnitt aller bis zum 30. Juni abgelegten Prüfungen bei 6,9 Punkten.
Aus den „nicht akzeptablen“ Ergebnissen der schriftlichen Prüfungen zieht das Bildungsministerium jetzt die Konsequenzen. „Nach intensiven Beratungen mit der Vereinigung der Schulleiter an Gymnasien, dem Philologenverband, dem Landesschülerrat und dem Landeselternrat haben wir uns dazu entschlossen, die Noten im schriftlichen Mathematik-Abitur um einen Punkt anzuheben und den Abiturientinnen und Abiturienten einen Nachteilsausgleich zu gewähren“, erklärte Bildungsministerin Simone Oldenburg (Linke) am Montag in Schwerin.
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Parallel dazu sei analysiert worden, was zu den schlechten Ergebnissen geführt hatte. Fachkonferenzen hätten zurückgemeldet, dass Aufgabenstellungen zu großen Teilen zu komplex und der zeitliche Rahmen – trotz „Corona“-Zeitverlängerung um 30 Minuten – zu gering war. Der diesjährige Abiturjahrgang, so Oldenburg, habe aber auch ganz besonders unter coronabedingten Einschränkungen gelitten, in der 10. Klasse hätten diese Schüler nahezu fünf Monate lang nur in Distanz gelernt. Stoff im Selbststudium zu erarbeiten, sei in Mathematik aber sehr viel schwerer als beispielsweise in Deutsch oder einer Fremdsprache, bestätigten Experten.
Bildungsministerin Oldenburg betonte aber auch: „Wir haben ein generelles Mathematik-Problem in Mecklenburg-Vorpommern.“ Am Ende der Grundschulzeit hätten mehr als 20 Prozent der Kinder ernsthafte Schwierigkeiten in Mathematik und beim Rechnen. Auch am Ende der Sekundarstufe 1 falle es jedem fünften Schüler schwer, Standardaufgaben zu bewältigen. Coronabedingte Beschränkungen hätten das noch verstärkt. So seien „hohe Raten“ von Kita-Kindern entwicklungsgefährdet, das betreffe besonders die Basiskompetenzen Sprache und Mathematik.
Vor diesem Hintergrund kündigte Simone Oldenburg an, die Wissensvermittlung im Fach Mathematik grundlegend und von früher Kindheit an verändern zu wollen. So könnte im Rahmen einer Schulgesetzänderung ein verpflichtendes Vorschuljahr in der Kita eingeführt werden. Ab dem Schuljahr 2024/25 wird in den Grundschulen wöchentlich eine Stunde mehr Mathematik und Deutsch unterrichtet, auch in der gymnasialen Oberstufe ist eine zusätzliche Mathe-Stunde im Grundkurs geplant. Zwischen 3. und 11. Klasse soll es noch häufiger Lernstandserhebungen geben. Rahmenpläne und Prüfungsanforderungen sollen überprüft, Fortbildungen für Mathematik-Lehrkräfte intensiviert werden.
Zudem steht im Zuge der Überarbeitung der Abiturprüfungsverordnung auch die Frage im Raum, ob Mathematik überhaupt als verpflichtendes Prüfungsfach beibehalten wird. In elf anderen Bundesländern hat man sich davon bereits verabschiedet.
Während die Höherbewertung des schriftlichen Mathematik-Abiturs vom Philologenverband und vom Landeselternrat begrüßt wird, kritisierte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zumindest den Zeitpunkt dieser Entscheidung durch das Bildungsministerium. „Warum, wenn dieser Einwand berechtigt ist, wird erst jetzt reagiert? Teilweise wurden die Zeugnisse bereits übergeben, zumeist wurden sie schon gedruckt. Die Matheprüfungen sind schon seit einigen Wochen durch“, rügt Landesvorsitzender Nico Leschinski. Offen bleibe mit Hinblick auf die Begründung des Bildungsministeriums auch die Frage, was in diesem Jahr im Vergleich zum Vorjahr anders sei. Es hätte längere Einlesezeiten gegeben, die Schüler seien in Präsenz unterrichtet worden. „Ganz wie der Jahrgang 2022. Wo ist der Unterschied?“, fragt Leschinski.
Für den bildungspolitischen Sprecher der AfD-Fraktion im Landtag, Enrico Schult, greift es zu kurz, „sich nun ministeriell wiederum alles pädagogische Heil von neuen Arbeitsgruppen zu versprechen, Rahmenrichtlinien diskutieren zu wollen, sich ein Vorschuljahr zu wünschen oder gar das Mathe-Abitur in MV komplett abzuschaffen“. Es müsse generell heißen: Zurück zu den Inhalten, weg von Ideologien, so Schult.