Pragmatisch, gradlinig, willensstark Chefin der Leeraner Stadtbibliothek geht in den Ruhestand
Antje Hamer-Hümmling prägte ein Vierteljahrhundert die Leeraner Stadtbibliothek. Jetzt macht sie Platz für ihre Nachfolge und zieht Bilanz.
Leer - Wenn Antje Hamer-Hümmling über die Stadtbibliothek spricht, leuchten ihre Augen. Sie gestikuliert, spricht voller Begeisterung und sprüht vor Ideen. Davon, dass sie nur noch wenige Tage Leiterin der Leeraner Einrichtung sein wird, ist nichts zu spüren. Es ist fast so, als hätte sie vergangene Woche erst den Job angefangen. Für die 64-Jährige ist es mehr als ein Job, „es ist eine Berufung“, sagt sie und lacht. Doch nach 25 Jahren an der Spitze der Stadtbibliothek geht die Leeranerin in dieser Woche in Rente. Bisher sei sie noch beschäftigt, mit dem Tagesgeschäft und dem Ausräumen ihres Büros. Am Mittwoch wird ihr letzter Tag sein. „Ich denke, dann werde ich wehmütig“, sagt sie.
Besonders in Erinnerung werden ihr die Veranstaltungen bleiben, erzählt sie im Gespräch mit dieser Zeitung. Hochkarätige Bestseller-Autoren lasen auf ihre Einladung ebenso wie regionale Autoren. „Zwei Begegnungen haben mich dabei besonders nachhaltig beeindruckt“, sagt sie. Einerseits die Lesungen mit Roger Willemsen. Der Publizist sei zweimal in Leer gewesen. Er habe unter anderem aus seinem Buch „Afghanische Reise“ gelesen, gleichzeitig habe man bei der Lesung für die Afghanistan-Hilfe aus Leer gesammelt. Willemsen habe Hamer-Hümmling tief beeindruckt: „Er kam rein und konnte sich an die Namen der verschiedenen Akteure in Leer noch gut erinnern“, sagt sie. Eine weitere Begegnung, die ihr im Gedächtnis geblieben wäre, sei der Auftritt von Margot Friedländer in Leer. „Ihre Besuche in Schulklassen und abends im Kulturspeicher waren sehr bewegend“, sagt sie über die Holocaust-Überlebende. Hamer-Hümmling schätzt, dass sie rund 700 Veranstaltungen in ihrer Zeit als Bibliotheksleiterin organisiert habe.
Bibliothek als Ort der Begegnung
Dieser Aspekt ihrer Arbeit habe ihr nicht nur viel Spaß gemacht. Veranstaltungen unterstrichen auch den Sinn einer Bibliothek: „Hier sollen Begegnungen stattfinden“, sagt sie. Das bereichere auch die Kulturlandschaft insgesamt. Für Hamer-Hümmling ist die Stadtbibliothek eben nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern eine Herzensangelegenheit. Pragmatisch, gradlinig, willensstark und unaufgeregt versuchte sie seit 25 Jahren, die Einrichtung weiterzuentwickeln.
Einige Dinge hat sie dabei anschieben können, wie die Teilnahme in der On-Leihe, einem Gemeinschaftsprojekt mehrerer niedersächsischer Öffentlicher Bibliotheken für digitale Medien, oder die Umstellung des Ausleihprozesses ins Digitale. „Die Karteikarten wünsche ich mir nicht zurück“, sagt sie und lacht. Andere Dinge musste sie akzeptieren: „Das Regalsystem ist noch vom Tag der Eröffnung im Jahr 1978“, sagt sie. „Die Regale sind einfach unkaputtbar“, sagt sie. Sie habe sich schönere gewünscht, aber das Geld dazu war nicht da.
Lernort statt Leihort
Das Thema Geld trieb sie immer um. „Wir haben immer viel improvisieren müssen, weil das Geld knapp war“, sagt sie. Vor diesem Problem stünden die meisten Bibliotheken in Deutschland. Büchereien seien freiwillige Leistungen der Kommunen und stünden, wenn das Geld knapp werde, schnell zur Disposition. Dabei sind für Hamer-Hümmling die Bibliotheken wichtig für die politische und demokratische Bildung. „Die Skandinavier sind da weiter. Dort sind Bibliotheken anerkannte Lernorte“, sagt sie. Lesen sei reiche Beute für den Kopf, das sei ihr Motto.
Deswegen lagen ihr in 25 Jahren in Leer die jüngsten Leser auch sehr am Herzen. Die Stadtgeschichte von Leer kindgerecht erzählt, habe sie in drei Büchern in Gemeinschaftsarbeit mit dem Heimatmuseum veröffentlicht. Aber auch die Lesepiraten, Vorleseprojekte und besondere Lesungen entwickelte sie mit viel Liebe zum Detail. Noch heute glänzen ihre Augen, wenn sie von den Begegnungen mit den Kindern erzählt. „Ich sehe die Bibliothek auch als einen Raum, der Hilfestellungen bietet“, sagt sie.
Ruhe genießen
Seit 2015 ist das Programm für ältere Mitmenschen dazugekommen. In Erzählcafés gibt es Themenrunden, in denen man gemeinsam Literatur erfahren kann und es auch Zeit für den Austausch gibt. Mit den Medienboten hat Hamer-Hümmling eine Möglichkeit geschaffen, wie auch Menschen, die nicht in die Bibliothek kommen können, von ihr profitieren können.
Auf all diese Projekte – und es ist nur ein kleiner Ausschnitt – schaut die 64-Jährige mit viel Stolz zurück. „Ich habe hier die Chance gehabt, meine Vorstellung von Bibliotheksarbeit umzusetzen. Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt sie.
Trotzdem freue sie sich jetzt auf den Ruhestand. „Ich werde ehrenamtlich weiter aktiv sein“, sagt sie. Außerdem wolle sie reisen und endlich mal in Ruhe lesen. „Darauf freue ich mich.“