Probleme in Ostfriesland Medizinische Versorgung – diese Probleme sehen Kommunen
Monatelang auf einen Arzttermin in Ostfriesland warten?! Beim Notruf auf verfügbare Rettungskräfte hoffen? Wittmunds Kreisverwaltung sagt: „Wir glauben, dass es bei uns noch Fünf vor Zwölf ist.“
Ostfriesland - „Die medizinische Versorgung in der Fläche ist in allen Säulen des Gesundheitssystems akut bedroht.“ Diese Warnung stammt von keinem Patientenvertreter, sondern vom Niedersächsischen Landkreistag (NLT). Sein Aufruf vom 9. März: „Die Landkreisversammlung appelliert an alle Verantwortlichen in Bund und Land, auf die aktuellen Probleme in der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung umgehend zu reagieren und strukturelle Reformen umzusetzen.“
Die Landkreise sehen sich als „Garanten eines patientennahen Gesundheitssystems“. Der im Jahr 2020 beschriebene Reformbedarf habe sich „in den vergangenen drei Jahren drastisch zugespitzt“, heißt es in ihrer Stellungnahme. „Die Engpässe und Probleme in der medizinischen Versorgung in allen Teilen Niedersachsens werden jeden Tag von Patientinnen und Patienten sowie Akteurinnen und Akteuren erlebt.“
Die medizinische Versorgungslage in Ostfriesland
Zu diesen Aussagen passt die Vielzahl an Hinweisen, die seit Wochen von Patienten und Beschäftigten aus dem ostfriesischen Gesundheitswesen in unserer Redaktion eingehen. Hinzu kommen die täglichen Abmeldungen von Intensivstationen ostfriesischer Krankenhäuser, die im niedersächsischen Ivena-Portal zu besichtigen sind. Dort informieren sich Rettungsdienste, welche Klinik Notfall-Patienten aufnehmen kann.
Dass sich alle oder fast alle ostfriesischen Intensivstationen gleichzeitig aus der Notfallversorgung raushalten wollen beziehungsweise müssen, das gab es vor gut eineinhalb Jahren bereits – aber nicht in der Regelmäßigkeit wie in den vergangenen Wochen. Das hat unsere Redaktion bei Stichproben im Ivena-Portal festgestellt und dokumentiert.
Ostfriesische Kliniken, die das Ausmaß ihrer Probleme geheimhalten
Mit Ausnahme des kirchlich getragenen Borromäus-Hospitals in Leer gehören alle ostfriesischen Krankenhäuser den Bürgerinnen und Bürgern. Das Klinikum Leer gehört dem Landkreis Leer, das Wittmunder Krankenhaus dem Landkreis Wittmund sowie die Krankenhäuser in Aurich, Emden und Norden dem Landkreis Aurich und der Stadt Emden.
Wenn es um das Ausmaß der Kapazitätsprobleme auf den Intensivstationen geht, dann verweigern das Klinikum Leer und der Klinikverbund Aurich-Emden-Norden jedoch Auskünfte. Bürgerinnen und Bürger erfahren folglich nicht, wie schlecht es um ihre Versorgung im Notfall bestellt ist – obwohl diese Kliniken den Bürgerinnen und Bürgern gehören. Auch das Borromäus-Hospital legt die Dimension seiner Kapazitätsprobleme nicht offen. Als kirchliches Krankenhaus ist es allerdings nicht in öffentlicher Hand.
Eine Umfrage unter den ostfriesischen Kreisen und der Stadt Emden
Unsere Redaktion hat eine Anfrage an die Klinikträger zur Gesundheitsversorgung in ihrem Zuständigkeitsbereich gerichtet. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Landkreise Aurich und Wittmund sowie die Stadt Emden auch einen Rettungsdienst betreiben – und der Landkreis Leer Träger des Rettungsdienstes ist, dessen Betrieb er ans Deutsche Rote Kreuz vergeben hat.
In diesem Bericht geht es um die Antworten der Stadtverwaltung und der Kreisverwaltungen bezüglich der Defizite in der medizinischen Versorgung und deren Ursachen. In einem weiteren Bericht wird es um Vorschläge zur Problemlösung gehen – und darum, was die ostfriesischen Landkreise und die Stadt Emden bisher unternommen haben, um Verbesserungen zu erzielen.
Diese Probleme sieht die Wittmunder Kreisverwaltung
„In Krankenhäusern fehlt es allgemein sowohl im ärztlichen als auch im pflegerischen Bereich schlichtweg an Personal“, schreibt die Kreisverwaltung Wittmund. „Dadurch kommt es zu Engpässen in der Versorgung.“ Abgesehen davon, dass im Landkreis Wittmund die Hilfsfristen derzeit nur zu gut 93 Prozent erfüllt werden, „sehen wir im Bereich des Rettungsdienstes keine weiteren Defizite“, teilt die Verwaltung mit. „Die Gründe dafür, dass die Hilfsfristen nicht zu 95 Prozent eingehalten werden, liegen nach unserer Einschätzung insbesondere darin begründet, dass Rettungsmittel häufig lange An- und Rückfahrten zu/von Krankenhäusern haben.“
Aufgrund der häufig abgemeldeten Intensivstationen müssen Rettungsdienste teilweise sogar Krankenhäuser außerhalb von Ostfriesland anfahren. Durch die Schließung des Norder Krankenhauses und der dortigen Intensivstation werden die Rettungsdienst-Fahrten in einigen Notfällen noch länger – das betrifft aber den Rettungsdienst des Landkreises Aurich. Und der Landkreis Aurich hätte es als Klinikträger in der Hand gehabt, den Klinik-Standort Norden zu erhalten.
Aus Wittmund heißt es weiter: „Es fehlt aus Sicht der Kreisverwaltung in unserer Region perspektivisch an niedergelassenen Ärzten, sowohl im Bereich der Allgemeinmedizin (Hausärzte) als auch bei den Fachärzten. Patienten warten oft Monate auf einen Facharzt-Termin; Bürger bekommen keinen neuen Hausarzt, da viele Ärzte inzwischen keine neuen Patienten aufnehmen. Das beobachten wir mit Sorge.“
Zusätzlich steige die Zahl der medizinisch zu versorgenden Menschen in Ostfriesland durch die Touristen in der Urlaubszeit deutlich, merkt die Kreisverwaltung an. „Dies findet jedoch derzeit keinerlei Berücksichtigung in der Bemessung von Arztstellen, insbesondere im niedergelassenen Bereich nicht – hier wäre ein Ansatzpunkt, etwas zu verändern.“
Die Problem-Analyse der Wittmunder Kreisverwaltung
Es gebe also „vor allem einen Mangel an Medizinern und an Fachpersonal“, fasst die Wittmunder Kreisverwaltung zusammen. „Dabei glauben wir, dass es bei uns derzeit noch Fünf vor Zwölf ist.“ Darunter hätten aber viele ländliche Regionen zu leiden. „Im Umkehrschluss bedeutet dies auch, dass nicht genügend Ersatz bereit steht für Menschen, die in Rente oder Pension gehen, beziehungsweise für Ärzte, die Nachfolger für ihre Praxen suchen.“
„Es fehlen bundesweit in allen Fachbereichen Ärzte, da die Zahl der vorhandenen Studienplätze nicht den vorhandenen Bedarf deckt“, erklärt die Kreisverwaltung Wittmund. „Zusätzlich arbeiten immer mehr Ärzte nicht mehr in Vollzeit (und durch die Dienste noch darüber hinaus), sondern im Rahmen der ,Work-Life-Balance’ nur in Teilzeit, so dass eine freiwerdende Arztstelle rechnerisch durch circa 1,2 Ärzte nachbesetzt werden muss.“
Aufgrund der veränderten Lebensgestaltung gebe es auch bei der Nachwuchswerbung im Pflegebereich Probleme: „Dies wird erschwert durch eine für die ,ungünstige’ Arbeitszeit (Nacht-, Wochenend- und Feiertagsarbeit) schlechte Bezahlung. Zusätzlich ist diese Tätigkeit sowohl körperlich als auch psychisch sehr anspruchsvoll, so dass viele Mitarbeiter, gerade wenn sie älter werden, krankheitsbedingt ausfallen, insbesondere in Häusern mit ohnehin schon dünner Personaldecke.“ Soweit die Analyse der Wittmunder Kreisverwaltung.
Diese Probleme sieht die Auricher Kreisverwaltung
Die Auricher Kreisverwaltung verweist auf Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen vom Frühjahr dieses Jahres, wonach es „gerade für den ländlichen Bereich starke Tendenzen in Richtung Unterversorgung sowohl bei den Haus- als auch bei den Fachärztinnen und -ärzten“ gebe und „von einer besorgniserregenden Entwicklung“ gesprochen werden müsse.
„Gleiches gilt bekanntermaßen für den wachsenden Fachkräftemangel im pflegerischen Bereich“, ergänzt die Verwaltung. „Insgesamt lässt sich feststellen, dass viele der Probleme, die jetzt offensichtlich werden, vor 20 Jahren bereits erkennbar waren.“ Die Ursachen hierfür seien vielfältig und von den betroffenen Körperschaften selbst „kaum zu beeinflussen“.
Der Rettungsdienst des Landkreises sei „natürlich ebenfalls von einem Fachkräftemangel im pflegerischen und medizinischen Bereich betroffen“. Derzeit sei es jedoch so, „dass alle Stellen besetzt sind und der Personalzulauf als gut bezeichnet werden kann“. Dennoch werde „auch hier weiter eingestellt und akquiriert“. Die Auricher Kreisverwaltung kündigt an: „Zehn Rettungssanitäter und neun Notfallsanitäter werden in diesem Jahr ihren Dienst antreten.“
Diese Probleme sieht die Emder Stadtverwaltung
Einen Fachkräftemangel im Rettungsdienst-Bereich sieht auch die Emder Stadtverwaltung: „Unbestritten ist es, dass es keine Lösung ist, immer mehr rettungsdienstliche Fahrzeuge in Dienst zu stellen, da der Fachkräftemangel auch beim Rettungsdienst allgegenwärtig ist.“ Als einen Grund für die Herausforderungen nennt die Verwaltung den demografischen Wandel: „Der Bedarf an medizinischer Versorgung hat aufgrund der älter werdenden Bevölkerung zugenommen und der Fachkräftemangel offenbart sich immer deutlicher.“
Der Sicherstellungsauftrag für die ambulante ärztliche Versorgung liege bei der Kassenärztlichen Vereinigung, schreibt die Stadtverwaltung. „Dennoch ist selbstverständlich auch der Stadt Emden daran gelegen, vor Ort eine bestmögliche medizinische Versorgung der Emder Bevölkerung zu haben.“
Diese Probleme sieht die Leeraner Kreisverwaltung
„Im Landkreis Leer fehlen im ärztlichen Bereich vor allem Hausärzte, aber auch Fachärzte“, berichtet die Leeraner Kreisverwaltung. „Es fehlen Pflegkräfte in der ambulanten und stationären Pflege. Die Zahl der ambulant und stationär tätigen Hebammen geht zurück.“
Die Gründe für diese Entwicklung seien vielschichtig, erläutert die Kreisverwaltung. „Einen der Hauptgründe stellt der demografische Wandel dar.“ Er führe „zu einem steigenden Bedarf an medizinischer Versorgung durch eine alternde Bevölkerung bei zunehmendem Fachkräftemangel aufgrund des Ausscheidens der geburtenstarken Jahrgänge aus dem Erwerbsleben“.
Alle genannten Berufsgruppen haben laut Kreisverwaltung außerdem „gewandelte Ansprüche an ihr Berufsleben, die Work-Life-Balance spielt eine zunehmend größere Rolle und führt zu weniger zur Verfügung stehender Arbeitszeit“ pro Arbeitnehmer. Und: „In Bezug auf den Ärztemangel macht sich die seit Jahren abgebaute Anzahl an Studienplätzen jetzt deutlich bemerkbar.“ Zudem bestehe ein Stadt-Land-Gefälle, bei dem es trotz einiger gegenteiliger Tendenzen während der Corona-Pandemie nicht zu einer echten Trendumkehr gekommen ist.