Sicherheit, Zukunft, Energie  Ehemalige Gazprom-Tochter und grüne Energie von morgen?

Vera Vogt
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Von Vera Vogt
| 19.06.2023 18:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In Jemgum betreibt Astora Gasspeicher. Foto: Astora
In Jemgum betreibt Astora Gasspeicher. Foto: Astora
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Astora blickte auf ein Jahrzehnt als Betreiber eines der größten Erdgasspeicher Deutschlands zurück. Es gibt aber auch Pläne, die sich gewaschen haben.

Jemgum - Der bange Blick der Deutschen ging im Winter unter anderem nach Jemgum. Ob sie es wussten oder nicht. Denn dort gibt es einen der größten Gasspeicher Deutschlands. .

Was und warum

Darum geht es: Seit zehn Jahren betreibt Astora die Speicher in Jemgum. Nach der Verstaatlichung der Sefe-Gruppe steht nun ein Zeitenwandel an.

Vor allem interessant für: diejenigen, die sich für Energie interessieren

Deshalb berichten wir: Zum 10-Jährigen lud das Unternehmen ein.

Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de

Astora betreibt ihn seit einem Jahrzehnt. Zu diesem Anlass gab es einen Tag der offenen Tür und jede Menge Infos. Hier kommen die wichtigsten Punkte

Wieso Jemgum?

Bereits Ende der 1980er Jahre gab es Pläne zum Bau von Kavernenspeichern in Jemgum, sagt Klaus Söntgerath vom niedersächsischen Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG). Eigentlich stand dem nichts im Wege, aber das Vorhaben geriet ins Stocken. Erst in den 2000ern ging es wieder los. 2006 stand der neue Plan. Ganz optimal waren die Voraussetzungen für den Bau nicht – denn die Bekanntschaft mit den Bodenverhältnissen und dem ostfriesisch-freundlichen Wetter machten die Bauarbeiten am Gasspeicher nicht gerade zu einem Zuckerschlecken. „Der Boden war nicht tragfähig, alles wurde gepfählt“, sagt Eduard Schmitke, Geschäftsführer von Astora.

Es gab jede Menge Infos bei Astora. Foto: Markus Hibbeler/Astora
Es gab jede Menge Infos bei Astora. Foto: Markus Hibbeler/Astora

2008 liefen die Arbeiten an, 2013 war der Speicher fertig. Schlamm und Matsch zum Trotz. Aber warum dann Jemgum? Größter Vorteil sind die Kavernen: Die Hohlräume im Salz ermöglichen es, innerhalb sehr kurzer Zeit das gesamte Speichervolumen ein- oder auszulagern. „Aus dem Erdgasspeicher Jemgum können in einer einzigen Stunde bis zu einer Million Kubikmeter Gas entnommen werden, so die Betreiber. „Einer der modernsten Speicher in Deutschland“, nennt es Schmitke.

Wer ist Astora?

Astora ist – wie erwähnt, die Betreiberfirma. Eigentümer des Speichers sind die VNG Gasspeicher GmbH und Wingas, eine Gazprom-Tochter. Astora ist ebenfalls ein ehemaliges Tochterunternehmen des russischen Weltkonzerns. Die Unternehmensgruppe gehört allerdings nicht mehr einem Privatunternehmen, nämlich genauer gesagt, der Gazprom Germania, sondern der Bundesrepublik. Der Staatskonzern Gazprom hatte sich nämlich von der deutschen Tochter getrennt. Was das für die Versorgung mit Gas bedeuten sollte, war zunächst völlig unklar. Einige Tage später übernahm die Bundesregierung die Regie bei Gazprom Germania. Man wolle Energie-Infrastrukturen nicht „willkürlichen Entscheidungen des Kremls aussetzen“. Das betonte Bundesminister Robert Habeck (Grüne).

Er setzte die Bundesnetzagentur vorübergehend als Treuhänderin ein. Daraus wurde eine langfristige Lösung: Der Bund übernimmt die Gruppe Securing Energy for Europe (Sefe) – früher Gazprom Germany. Dazu zählen auch Astora und die Speicher. Auch Gashändler, Logistikunternehmen, Transportgesellschaften gehören zu Sefe, so Schmitke. Also alles, was es braucht, von der Beschaffung bis zum Verbraucher.

Was kommt jetzt?

Dadurch, dass der Bund Sefe übernommen hat, soll nicht nur der Name Programm sein: die Sicherung (S) der Energie (E) für (F) Europa (E) sicherzustellen. Mit der Übernahme hat der Bund eine Forderung formuliert. „Eines war sofort klar für unser Unternehmen: Eine Rettung gibt es nur, wenn es eine Zukunft gibt, eine Vision“, sagt Egbert Laege, er ist seit Juni 2022 CEO von Sefe.

Landrat Matthias Groote sprach beim Tag der offenen Tür. Foto: Markus Hibbeler/Astora
Landrat Matthias Groote sprach beim Tag der offenen Tür. Foto: Markus Hibbeler/Astora

Mit der Gasversorgung sollen die Schwankungen der Erneuerbaren abgepuffert, aber auch der Weg für die grüne Transformation geebnet werden. „Es ist einer der schnellsten Speicher in unserem Portfolio und mit der Nähe zur Nordsee mit der Windkraft und zu den Niederlanden eigentlich der wichtigste Speicherstandort.“ Es gebe ideale Voraussetzungen, um auf die Speicherung von grünem Wasserstoff zu wechseln. „In zehn, 20 Jahren kann diese Region zur Energiedrehscheibe der Europäischen Union werden“, zeigt sich Landrat Matthias Groote (SPD) überzeugt. Die Pipeline, die derzeit an der A28 entstehe, zeige, dass es bei Projekten auch mal schneller gehen könne, wenn es nötig sei.

Läuft alles glatt?

Wenn man das Thema Sicherheit betrachtet, auf alle Fälle. In zehn Jahren gab es keinen Störfall. „Wir prüfen die Anlagen regelmäßig und sind immer sehr zufrieden“, sagt Söntgerath vom LBEG.

Die Krise der Unternehmensgruppe und die Rettung durch den Bund war der holprige Teil der Geschichte. Aber noch etwas brennt den Jemgumern unter den Nägeln.

Jemgums Bürgermeister Hans-Peter Heikens hielt eine Rede. Foto: Markus Hibbeler/Astora
Jemgums Bürgermeister Hans-Peter Heikens hielt eine Rede. Foto: Markus Hibbeler/Astora

Seit 2018 fließt keine Gewerbesteuer mehr an die Gemeinde, weil das Unternehmen umstrukturiert wurde und im Zuge dessen eine Abmachung mit der Gemeinde aufgekündigt. Neben Jemgum gibt es auch in Rehden einen großen Gasspeicher. Beide von „enorm wichtiger energiepolitischer Bedeutung“, sagt Bürgermeister Hans-Peter Heikens. „Darauf sind wir Bürgermeister zurecht stolz, schließlich tragen die Speicher in unseren Kommunen in erheblichen Maße dazu bei, in Europa den Laden am Laufen zu halten, um es mal flapsig zu formulieren.“ Diese sollte man allerdings auch in der Gemeindekasse spüren, sagt er. Gerade jetzt, da der Bund die Unternehmensgruppe übernommen hat. Man gebe also den Kampf nicht auf, dass sich das ändere. „Den Ball spiele ich allerdings in das Feld der Politik – allen voran Minister Robert Habeck“, so Heikens.

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