Analyse zur Notfallmedizin  Ostfriesische Kliniken – Versorgungsprobleme werden nicht gelöst

Andreas Ellinger
|
Von Andreas Ellinger
| 19.06.2023 10:29 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Leere Flure auf den Intensivstationen? Wenn die Zahl der Pflegekräfte die zulässige Untergrenze unterschreitet, müssen ostfriesische Kliniken ihre Intensivstation im niedersächsischen Ivena-Portal abmelden. Das passiert seit Wochen regelmäßig. Symbolfoto: Strauch/dpa
Leere Flure auf den Intensivstationen? Wenn die Zahl der Pflegekräfte die zulässige Untergrenze unterschreitet, müssen ostfriesische Kliniken ihre Intensivstation im niedersächsischen Ivena-Portal abmelden. Das passiert seit Wochen regelmäßig. Symbolfoto: Strauch/dpa
Artikel teilen:

Ausgerechnet die ostfriesischen Notfallstufe-2-Kliniken gehen intransparent mit ihren Problemen um. Was heißt das, wenn das Klinikum Leer nicht mal auswertet, warum es seine Intensivstation abmeldet?

Ostfriesland - Die ostfriesischen Krankenhäuser haben Kapazitätsengpässe. Deshalb melden sie regelmäßig ihre Intensivstationen ab – die meisten auch für den Bereich der „Notfallversorgung“. Die Problematik ist seit gut eineinhalb Jahren öffentlich bekannt. Sie wurde aber nicht gelöst, sondern sie hat sich verschärft, wie die Vielzahl der Abmeldungen nahelegt.

Montagmorgen, 19. Juni 2023: Die Intensivstationen des UEK Aurich, des Klinikums Leer und des Krankenhauses Wittmund sind für die Notfallversorgung abgemeldet. Screenshot: OZ
Montagmorgen, 19. Juni 2023: Die Intensivstationen des UEK Aurich, des Klinikums Leer und des Krankenhauses Wittmund sind für die Notfallversorgung abgemeldet. Screenshot: OZ

Während in Wittmund meist die acht Intensivbetten voll sind, haben andere Kliniken tendenziell Personalprobleme. Auch wenn das gerade kein Krankenhaus-Unternehmen so deutlich sagt wie das Leeraner Borromäus-Hospital: „Die Abmeldungen resultieren aus dem Mangel an Pflegefachkräften.“

Welche Rolle das Personal bei den Klinik-Abmeldungen spielt

Der Klinikverbund Aurich-Emden-Norden umschreibt die Engpässe wie folgt: „Ausschlaggebend für die Meldung beim Ivena-Portal sind die tagesaktuelle Personalbesetzung und das Patientenaufkommen.“ Im niedersächsischen Ivena-Portal informieren sich Rettungsdienste, wo sie ihre Notfall-Patienten hinbringen können – welche Klinik also im entsprechenden Bereich angemeldet und damit aufnahmebereit ist. „Grundsätzlich gilt“ laut Klinikverbund: „Die Anzahl des verfügbaren Personals bestimmt die Anzahl der betreibbaren Betten.“

Montagmorgen, 19. Juni 2023: Die Emder Intensivstation war für die Notfallversorgung abgemeldet. Screenshot: OZ
Montagmorgen, 19. Juni 2023: Die Emder Intensivstation war für die Notfallversorgung abgemeldet. Screenshot: OZ

Das Klinikum Leer schreibt: „Die Gründe für eine Abmeldung der Versorgung in einem Leistungsbereich im Ivena-Portal können vielfältig sein. So kann beispielsweise eine Vollbelegung im Stationsbereich auf Normal- oder Intensivstation, ein Ausfall von medizinischem Gerät, ein kurzfristiger Personalausfall durch Erkrankung oder ein gehäufter Patientenanfall mit akutem Versorgungsbedarf Grund einer Abmeldung sein.“

Wer seine Probleme nicht analysiert, der kann sie nicht lösen

Die Antwort des Klinikums ist nicht nur vage, sie offenbart auch: „Eine Dokumentation über Abmeldegründe oder eine Auswertung wird von unserer Seite nicht durchgeführt.“ Das Klinikum hatte über Wochen hinweg fast täglich seine Intensivstation phasenweise abgemeldet, aber es kann angeblich die Abmeldegründe nicht benennen – nicht einmal, was die wiederholte Abmeldung seiner Herzkatheter-Messplätze betrifft.

Wo Kapazitätsengpässe nicht einmal erfasst und ausgewertet werden, ist es schwer vorstellbar, wie diese Versorgungsdefizite schnellstmöglich und systematisch beseitigt werden sollen. Ausgerechnet die Geschäftsführungen der drei ostfriesischen „Notfallstufe 2“-Krankenhäuser in Emden und Aurich sowie in Leer (Klinikum) gehen intransparent mit ihren Kapazitätsproblemen um. Dabei sind sie nach Auskunft von Niedersachsens Gesundheitsministerium „für eine erweiterte und qualifizierte Notfallversorgung von hoher Bedeutung“.

Ostfriesische Kliniken, die den Bürgerinnen und Bürgern gehören

Das Klinikum gehört dem Landkreis Leer, der Klinikverbund dem Landkreis Aurich und der Stadt Emden – und damit jeweils den Bürgerinnen und Bürgern. Das heißt: Wenn die Klinikführungen Pressefragen nicht beantworten, dann verweigern sie letztlich ihren Eigentümern die Auskunft – den Bürgerinnen und Bürgern. Diese werden von den Mitgliedern der Kreistage Leer und Aurich sowie des Stadtrats Emden politisch vertreten. Aber nur wenn Bürgerinnen und Bürger über die Probleme ihrer Krankenhäuser informiert sind, haben sie die Möglichkeit, politisch Druck zu machen, um auf die erforderlichen Veränderungen hinzuwirken.

Das Klinikum Leer und der Klinikverbund beteuern, dass ein Notfallpatient immer versorgt werde, wenn es darauf ankomme – also auch trotz abgemeldeter Intensivstation. Das soll beruhigen. Doch klar ist, dass dann ein anderer Notfall- oder Intensivpatient warten muss, der als weniger dringlich eingeschätzt wird – was im schlechtesten Fall aber trotzdem gesundheitsschädliche Folgen haben könnte.

Wenn die Kliniken mit ihren Problemen weiterhin intransparent umgehen, sie teilweise nicht einmal intern auswerten, dann ist zu erwarten, dass diese Probleme auch nach den nächsten eineinhalb Jahren noch bestehen. Mehr noch: Bis dahin haben sie sich womöglich noch weiter verschärft.

Ähnliche Artikel