Sydney  Mehr Batterien für E-Autos benötigt: Neuer Rohstoffboom in Australien?

Barbara Barkhausen
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Von Barbara Barkhausen
| 19.06.2023 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Eine Luftaufnahme der Lithiummine Finniss von Core Lithium im Northern Territory, Australien. Lithium ist einer der zentralen Rohstoffe für die Produktion von Batteriezellen. Foto: dpa/AAP/Fleet Space Technologies
Eine Luftaufnahme der Lithiummine Finniss von Core Lithium im Northern Territory, Australien. Lithium ist einer der zentralen Rohstoffe für die Produktion von Batteriezellen. Foto: dpa/AAP/Fleet Space Technologies
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Australiens Rohstoffwirtschaft steht vor einem Wendepunkt: Weniger Eisenerz, mehr Metalle und Seltene Erden für die Energiewende. Wie das Land versucht, sich von China zu lösen und was das für den Westen bedeuten könnte.

Dunkelgrau, rostrot, leuchtend gelb – die Gesteinsbrocken, die vor allem das Bild des Outbacks im Westen Australiens bestimmen, sind auf den ersten Blick unscheinbares Material. Doch das Eisenerz ist ein wichtiger Rohstoff: Aus ihm wird Stahl gewonnen – ein für den Bau von Hochhäusern und Infrastruktur unerlässliches Material. Australien war über Jahrzehnte Profiteur des weltweiten Eisenerzhungers, erst durch Japan, dann Korea und später durch China.

Vor allem China hat in den vergangenen Jahren enorme Mengen eingekauft, um die Modernisierung des Landes voranzutreiben. Es ist kein Zufall, dass die beiden wohlhabendsten Menschen Australiens, Andrew Forrest und Gina Rinehart, beide durch das Erz aus dem weitläufigen Westen des Landes reich geworden sind.

Doch der Boom des lange Zeit so begehrten Eisenerzes verblasst immer mehr. Die US-Investmentbank Goldman Sachs erklärte erst vor wenigen Tagen in einer Mitteilung, dass sie „anhaltende Probleme im chinesischen Immobiliensektor“ sehe, der Bereich, der bisher Unmengen an Stahl verschlungen hat. Eine schnelle Lösung sei nicht in Sicht, hieß es bei der Finanzagentur Bloomberg. Aktuell kostet eine Tonne Eisenerz nur noch um die 100 US-Dollar, Mitte 2021 waren es noch über 200 Dollar.

Australiens Wirtschaft hat es in den vergangenen Jahren ohnehin nicht leicht gehabt. Grund war weniger die Pandemie als eine diplomatische Verstimmung mit China, dem größten Handelspartner des Landes. Nach politischen Querelen zwischen den Regierungen statuierte Peking ein Exempel: Die chinesische Regierung verhängte massive Strafzölle auf australische Weine und hohe Tarife für Gerste. Kohleimporte wurden blockiert und Handelsbarrieren erschwerten das Geschäft der australischen Baumwolle-, Rindfleisch- und Hummer-Produzenten. Eisenerz und Gas blieben zwar verschont, doch die Lehre, die auch diese Produzenten aus der Misere zogen, war, sich nicht zu sehr auf die Volksrepublik zu verlassen.

An letzterer Einstellung hat sich auch nichts verändert, obwohl das chinesisch-australische Verhältnis seit dem Regierungswechsel in Canberra im Mai letzten Jahres wieder langsam auftaut und erste Barrieren fallen. Auch andere westliche Länder blicken immer kritischer in Richtung Peking, das sich nach der russischen Invasion in der Ukraine nicht vom Kreml abgewandt hat und sich selbst in Drohgebärden gegenüber Taiwan übt.

Diese „geopolitische Kältewelle“ hat mehrere Regierungen auf den Plan gerufen, Abhängigkeiten von China abzubauen. Letztere betreffen vor allem die Produktion „strategischer“ Minerale, „wo der Westen fast hoffnungslos abhängig geworden ist“, wie der Rohstoffexperte und unabhängige Berater Frank Leschhorn sagte. Durch die Energiewende und der damit verbundenen Elektrifizierung seien vor allem Kupfer, Lithium, Nickel, Kobalt, Mangan und Seltene Erden gefragt. „Während Australien und Südamerika den weltweiten Lithiumabbau beherrschen, kontrolliert China die Weiterverarbeitung zu dem stark nachgefragten hochreinen Lithium-Endprodukt“, erklärte Leschhorn.

Die gleiche Dominanz bestehe auch bei Kobalt und Nickel, die wie das Lithium wichtige Bestandteile bei der Batterieherstellung sind. Chinesische Firmen kontrollieren zahlreiche Minen in der Demokratischen Republik Kongo, wo das meiste Kobalt abgebaut wird, und sie kontrollieren die Nickelgewinnung im wichtigsten Produktionsland Indonesien.

Um sich von China zu lösen, blicken westliche Regierungen immer mehr in Richtung der Länder, die ihnen politisch näherstehen. Diese können auch auf finanzielle Unterstützung hoffen: Im Rahmen des Inflation Reduction Act erlauben die USA, dass australische Produzenten künftig mit inländischen gleichgestellt werden, was bedeutet, dass australische Unternehmen die gleichen finanziellen Anreize für den Aufbau von Produktionsstätten erhalten können wie US-amerikanische.

Damit könnte Australien ein neuer Rohstoffboom bevorstehen. Das Land verfügt über große Nickel- und Kupfervorkommen, wo Kobalt als Nebenprodukt anfällt. Außerdem verfügt der fünfte Kontinent über immense Lithiumreserven. „Für Australien besteht eine doppelte Chance: die steigende Lithiumnachfrage und die Kapazität des Landes zur Produktion von Lithiumhydroxid“, heißt es vonseiten der Unternehmensberatung McKinsey.

Vor allem der Markt für Lithiumhydroxid könnte dem Land bis 2030 zusätzliche Einnahmen in Höhe von bis zu zehn Milliarden US-Dollar pro Jahr bescheren, glauben die Experten. Lithium-Bergbauunternehmen in Australien versuchen bereits, sich am Weltmarkt zu positionieren. Sowohl das chinesische Unternehmen Tianqi wie auch die US-amerikanische Firma Albemarle haben in Raffinierungsanlagen mit australischen Joint-Venture-Partnern (IGO Limited bzw. Mineral Resources) investiert.

Auch bei den Seltenen Erden verfügt Australien über wichtige Vorräte, darunter Neodym, Praseodym, Terbium und Dysprosium. Letztere sind von besonderer strategischer Bedeutung, da China nach Angaben der Europäischen Union je nach Mineral fast bis zu 100 Prozent des weltweiten Angebots kontrolliert. Seltene Erden sind für Hochleistungsmagnete in Windenergieanlagen und Elektromotoren in E-Autos unerlässlich. Außerdem kommen sie bei der Produktion von Drohnen, Lasern und Nachtsichtbrillen zum Einsatz. Auch in jedem F-35-Kampfflugzeug würden 417 Kilogramm Seltene Erden stecken, wie es Ende Mai bei der „Australian Financial Review“ hieß, die sich dabei auf Tom O’Leary, Chef des in Perth ansässigen Produzenten Iluka Resources, bezog.

Auch Australiens Bergbaumagnaten Andrew Forrest und Gina Rinehart rüsten nicht erst seit dem Verblassen des Eisenerz-Booms um. Die Großkonzerne der beiden Milliardäre konzentrieren sich seit Jahren verstärkt auch auf andere Rohstoffe. Während Rinehart auf Seltene Erden setzt, investiert Forrest in erneuerbare Energien und glaubt an den Erfolg von Wasserstoff. Auch der Rohstoffkonzern BHP hat seine Anteile an Kupfer und Nickel ausgebaut und Konkurrent Rio Tinto hat ein großes Lithiumprojekt in Kanada in Angriff genommen.

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