Masken, Lockdown, Abstand halten Mehr Einser-Abis in der Corona-Zeit – warum ist das so?
Die Zahl der Einser-Abis ist in der Corona-Zeit sprunghaft angestiegen. Waren die Lehrer besonders wohlwollend?
Ostfriesland - Masken, Lockdown, Abstand halten – die Schrecken der Corona-Pandemie geraten langsam, aber sicher wieder in Vergessenheit. Und auch die Befürchtung, dass die Schüler, die in dieser Zeit ihr Abitur gemacht haben, die Leidtragenden sein könnten, weil ihnen im Home-Schooling die nötige Unterstützung fehlt.
Was und warum
Darum geht es: In den Corona-Jahren gab es in ganz Deutschland bessere Abiturnoten.
Vor allem interessant für: Abiturienten, Eltern, Lehrer, potenzielle Arbeitgeber
Deshalb berichten wir: Wir wollten wissen, wie man sich in Ostfriesland den Trend erklärt, dass es in der Corona-Zeit deutlich mehr Einser-Abis gab, als in den Jahren zuvor. Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de
In den Abi-Noten jedenfalls, spiegelt sich das nicht wider. Die Notenstatistik der Kultusminister-Konferenz zeigt einen deutlich höheren Anteil an Einser-Abis als vor Corona. In Niedersachsen hatten im letzten weitgehend coronafreien Schuljahr 2019/2020 „nur“ 13,2 Prozent der Abiturzeugnisse eine Eins vor dem Komma, lagen also im Notenbereich von 1,0 und 1,9. Im Jahr darauf war dieser Anteil schon auf 22,9 Prozent gestiegen und im Sommer 2022 konnten die Schulleiter 27,2 Prozent der Abiturienten ein Einser-Zeugnis überreichen.
Gleicher Unterrichtsstoff
Waren die Lehrer unter dem Eindruck der Corona-Einschränkungen großzügiger bei der Notengebung? „Nein“, sagt Rüdiger Musolf, Schulleiter des Ulricianums in Aurich. „Die Schüler haben ein absolut vollwertiges Abitur gemacht. Von einem Corona-Abitur kann überhaupt keine Rede sein. Das ist mir wichtig.“ Es sei der gleiche Unterrichtsstoff in die Prüfungen eingeflossen, wie in anderen Jahren auch. Das einzige Zugeständnis, das den Schülern gemacht wurde, sei gewesen, dass das Kultusministerium für die schriftlichen Prüfungen drei statt zwei Klausur-Vorschläge schickte. Dieser Vorteil sei aber durch die Nachteile des Home-Schoolings wettgemacht worden.
Am Ulricianum seien die Noten in den vergangenen beiden Jahren übrigens „unauffällig“ gewesen. Vor Corona habe der Durchschnitt der Abitur-Noten jeweils im Bereich von 2,4 oder 2,5 und damit auch im Landesdurchschnitt gelegen. In den Schuljahren 2020/21 und 2021/22 habe man mit 2,3 nur minimal besser gelegen: „Das sind Schwankungen, die völlig normal sind.“
Bundesland steht auch in Konkurrenz
Oliver Damm, Schulleiter des Johannes-Althusius-Gymnasiums Emden, geht davon aus, dass das Land auch ohne Corona-Einschränkungen weiterhin drei anstatt zwei Vorschläge schicken werde. „Es gibt auch eine Konkurrenz zwischen den Bundesländern“, sagt er. Wenn etwas gut für den Notenschnitt sein kann, werde es gerne eingesetzt. Auch er weist den Verdacht, in der Corona-Zeit hätten die Schüler automatisch bessere Noten bekommen, mit Nachdruck zurück. An seiner Schule habe sich der leicht bessere Schnitt im Rahmen der üblichen Schwankungen bewegt. Überhaupt würden die Noten schon seit Jahrzehnten immer besser. „Ab und zu werden wir um Abschriften von Abiturzeugnissen von vor 40 Jahren gebeten. Damals war eine Zwei vor dem Komma schon besonders gut.“
Auch Stefan Störmer, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Niedersachsen, warnt vor voreiligen Schlüssen. Theoretisch sei es denkbar, dass die Lehrkräfte aus Rücksicht wohlwollender bewertet hätten, „aber dazu haben wir keinerlei belegbare Zahlen“. Musolf hat eine andere Theorie: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Schüler besonders sorgfältig und ernsthaft gearbeitet haben und den Präsenzunterricht jetzt noch mehr schätzen. Das kann sich auch in den Noten niederschlagen.“
Normale Schwankungen
Dass die Corona-Abi-Jahrgänge dank der guten Noten nun Vorteile bei der Suche nach einem Studien- oder Arbeitsplatz haben, glaubt Störmer nicht. Der Numerus Clausus für einzelne Studiengänge sei keine feste Größe, sondern werde entsprechend der Anzahl der Bewerber festgelegt. Die Bewerber kämen aber in der Regel aus den gleichen Schuljahrgängen und hätten insofern die gleichen Voraussetzungen. Womöglich müssten sich die Universitäten in den kommenden Jahren Gedanken über andere oder zusätzliche Auswahl-Kriterien machen, sagt Damm.
Angesichts des aktuellen Fachkräftemangels seien Unternehmer froh, wenn sich auf Stellausschreibungen überhaupt gute Bewerber meldeten und hätten keine Veranlassung, alleine anhand der Abi-Noten eine Vorauswahl zu treffen, sagt Störmer. Von einem unfairen Wettbewerb um einen Arbeitsplatz sei aus seiner Sicht nicht auszugehen.