Umgang mit dem Wolf  Schutzlos ausgeliefert?

Katja Mielcarek
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Von Katja Mielcarek
| 16.06.2023 10:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Immer mehr Wölfe kommen nach Niedersachsen und damit auch nach Ostfriesland. Symbolfoto: www.wolfcenter.de/dpa
Immer mehr Wölfe kommen nach Niedersachsen und damit auch nach Ostfriesland. Symbolfoto: www.wolfcenter.de/dpa
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Immer mehr Wölfe in Ostfriesland reißen immer mehr Nutztiere. Da der Wolf in Europa streng geschützt ist, können die Tierhalter nur versuchen, ihre Tiere zu schützen.

Ostfriesland - Der lange aus Deutschland vertriebene Wolf erobert sich das Land zurück. Diese Entwicklung ist seit dem Eintreffen des ersten Rudels in Sachsen in den Jahren 2000 und 2001 zu beobachten und wird von vielen Tier- und Naturfreunden bejubelt. Der Wolf ist in Deutschland und Europa streng geschützt und darf nicht gejagt werden.

Was und warum

Darum geht es: Immer mehr Wölfe kommen nach Ostfriesland. Immer mehr Risse von Nutztieren werden verzeichnet. Der Mensch vor Ort kann nicht viel tun, aber vielleicht doch mehr als derzeit passiert.

Vor allem interessant für: Tierhalter, Menschen, die gerne in der Natur sind, und diejenigen, die sich freuen oder ärgern, dass der Wolf nach Deutschland zurückgekehrt ist

Deshalb berichten wir: Die stetig wachsende Wolfpopulation in Ostfriesland treibt vor allem Tierhalter um.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de

Längst ist der Wolf auch in Niedersachsen eingetroffen und vermehrt sich hier exponentiell. Dabei ernährt er sich nicht ausschließlich von Wildtieren, sondern bedient sich immer öfter an Schafherden. Selbst Rinder und auch Pferde wurden in den vergangenen Monaten – auch in Ostfriesland – gerissen.

Diskussionen mit Experten

Das treibt die Tierhalter, aber auch andere Bürger um. Müssen die Menschen tatenlos zuschauen, wie das Wildtier ihre Herden dezimiert? Kann von Landwirten und Schäfern verlangt werden, dass sie sich verschulden, um ihre Tiere zu schützen? Und was bedeutet die Ausbreitung des Wolfes für die ostfriesische Kulturlandschaft? Unter anderem diese Fragen wurden in den vergangenen Tagen im Landkreis Leer mit Experten diskutiert.

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Die Leeraner Kreis-CDU hatte Helmut Dammann-Tamke, den Präsidenten der Landesjägerschaft Niedersachsen, und Manfred Tannen, Präsident des Landwirtschaftlichen Hauptvereins für Ostfriesland, zu ihrem Parteitag eingeladen. Bei der Sitzung des Ausschusses für Kreisentwicklung, Umwelt, Natur, Verkehr und Klima des Leeraner Kreistags kamen Michael Gertenbach, Fachberater für Schaf-und Ziegenzucht der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, und Konstantin Knorr vom Wolfsbüro des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz zu Wort.

Überraschend schnell

Der Wolf sei viel schneller nach Niedersachsen gekommen, als erwartet worden war, sagte Dammann-Tanke. Und auch die Vorhersage von vor 20 Jahren, dass er sich vor allem von Wildschweinen und Rotwild, aber keinesfalls von Rindern oder Pferden ernähren werde, sei offensichtlich falsch gewesen. In einer Naturlandschaft sorge das Nahrungsangebot dafür, dass sich die Anzahl der Wölfe auf einem gewissen Level einpendele. In einer Kulturlandschaft wie Ostfriesland fänden die Tiere aber soviel Nahrung, dass ihre Zahl immer weiter steige.

Leidtragende seien vor allem die Tierhalter, berichtete Tannen. Die seien verpflichtet, ihre Tiere durch geeignete Schutzmaßnahmen vor dem Wolf zu schützen. Das sei allerdings für viele von ihnen wirtschaftlich und praktisch gar nicht umzusetzen. Wie, beispielsweise, wolle man einen Kilometer langen Deich gegen den Wolf abschirmen, der mittlerweile Zäune überspringe, die höher als anderthalb Meter seien?

Folgen für Ostfriesland

Das werde Folgen für die Kulturlandschaft in Ostfriesland haben, ist seine Vorhersage. Es werde immer schwieriger werden, Deichschäfer zu finden. Die aber seien elementar für den Küstenschutz. „Das, was die Schafe auf dem Deich machen, können Sie mit keiner Maschine ersetzen“, sagt Tannen. Immer mehr Rinderzüchter überlegten sich, ihre Tiere im Stall zu halten, statt sie auf der Weide der Gefahr durch den Wolf auszusetzen. „Da das auch noch wirtschaftlicher ist, ist gerade den jungen Landwirten eine Weidehaltung kaum noch schmackhaft zu machen.“

Was also ist zu tun? „Die Verantwortung muss von den Tierhaltern weg“, forderte Gertenbach. Bundesländer, Bundesregierung und EU spielten sich jeweils den Schwarzen Peter zu. Gehandelt werde nicht. Die Betriebe blieben auf sich allein gestellt.

In jedem Fall könne es keine wolfsfreien Zonen, beispielsweise auf den Deichen, geben. Das ließen die Gesetze nicht zu, sagte Knorr. Wohl aber das „Entnehmen“ von einzelnen problematischen Wölfen. Das seien beispielsweise Tiere, die den Menschen regelmäßig zu nahe kämen, aber auch solche, die gelernt hätten, auch höhere Zäune zu überwinden, oder sich regelmäßig an Schafherden am Deich bedienten. Entscheidende Behörde könne dabei die Untere Naturschutzbehörde, also das Veterinäramt des Landkreises, sein. Allerdings hört sich das unkomplizierter an als es tatsächlich ist. Eine solche Entscheidung wird nicht über Nacht getroffen, sondern durchläuft eine mehrstufige Handlungskette.