Umfrage zur Klinik-Versorgung Warum ostfriesische Intensivstationen regelmäßig abgemeldet sind
In ostfriesischen Kliniken gibt es täglich Engpässe. Sie melden beispielsweise Intensivstationen ab, so dass Rettungsdienste schauen müssen, wer ihre Notfälle aufnimmt. Was sagen die Kliniken dazu?
Ostfriesland - Für wie viele Stunden haben die sechs ostfriesischen Krankenhäuser im Mai ihre Intensivstationen für die Notfallversorgung abgemeldet – und aus welchen Gründen? Das hat unsere Redaktion – unter anderem – die Klinikunternehmen gefragt. Am 24. Mai. Mit der Bitte um Antwort bis zum 2. Juni. Als letztes hat die Trägergesellschaft der Kliniken Aurich, Emden und Norden am 14. Juni reagiert. Die Auskünfte werden thematisch untergliedert veröffentlicht.
Was und warum
Darum geht es: Was die ostfriesischen Krankenhäuser zur regelmäßigen Abmeldung ihrer Intensivstationen sagen.
Vor allem interessant für: Patienten und (Kommunal-)Politiker
Deshalb berichten wir: Weil seit Wochen an fast jedem Tag phasenweise ein Großteil der Intensivstationen der ostfriesischen Krankenhäuser abgemeldet ist. Den Autor erreichen Sie unter: a.ellinger@zgo.de
In einem Bericht wird es um die Mitarbeitersituation gehen – wie viele Überstunden sich angesammelt haben, wie viele Beschäftigte kündigen und wie viel Geld inzwischen für (teurere) Honorar-Ärzte und -Pfleger ausgegeben wird, weil keine Fachkräfte zur Festanstellung gefunden werden.
Ein weiterer Bericht wird sich den Klinik-Antworten auf diese Frage widmen: „Was müsste sich an der Krankenhaus-Finanzierung, bei der Ausbildung von pflegerischem und ärztlichem Nachwuchs oder in anderer Hinsicht ändern, damit die Kapazitätsengpässe Ihrer Unternehmen beseitigt werden könnten beziehungsweise beseitigt wären?“
Und im vorliegenden Bericht geht es um die regelmäßige Abmeldung der Intensivstationen für die „Stationäre Versorgung“ und die „Notfallversorgung“ im niedersächsischen Ivena-Portal. Dort können sich die ostfriesischen Rettungsdienste informieren, welche Krankenhaus-Fachbereiche im Zuständigkeitsbereich der Rettungsleitstellen Wittmund und Emden ihre Notfall-Patienten aufnehmen können – oder eben auch nicht. Die Fragen und Antworten dazu folgen im Überblick.
Wie viele Stunden waren die Intensivstationen Ihrer Krankenhäuser vom 1. bis zum 24. Mai im Ivena-Portal abgemeldet?
Krankenhaus Wittmund: „Im Zeitraum 1. bis 24.Mai 2023 war unsere Intensivstation für insgesamt 328 Stunden abgemeldet.“
Klinikum Leer: keine Angabe.
Klinikverbund Aurich-Emden-Norden: keine Angabe.
Borromäus-Hospital Leer: keine Angabe.
Waren Ihre Intensivstationen im Mai überdurchschnittlich oft abgemeldet oder war das in anderen Monaten dieses Jahres ähnlich?
Krankenhaus Wittmund: „Die Intensivstation war damit nicht überdurchschnittlich oft abgemeldet.“
Klinikum Leer: keine Angabe.
Klinikverbund Aurich-Emden-Norden: keine Angabe.
Borromäus-Hospital Leer: keine Angabe.
Woraus resultieren die Abmeldungen der Intensivstationen im Ivena-Portal?
Krankenhaus Wittmund: „Häufigster Abmeldegrund waren fehlende Bettenkapazitäten. Die Bettenauslastung der Intensivstation lag in diesem Jahr bei 87,8 Prozent. Dies bedeutet eine Vollauslastung, eine Steigerung ist kaum möglich.“ Das Wittmunder Krankenhaus verfügt über acht Intensivbetten.
Klinikum Leer: „Die Gründe für eine Abmeldung der Versorgung in einem Leistungsbereich im Ivena-Portal können vielfältig sein. So kann beispielsweise eine Vollbelegung im Stationsbereich auf Normal- oder Intensivstation, ein Ausfall von medizinischem Gerät, ein kurzfristiger Personalausfall durch Erkrankung oder ein gehäufter Patientenanfall mit akutem Versorgungsbedarf Grund einer Abmeldung sein. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass nur etwa fünf bis zehn Prozent der Patienten über den Rettungsdienst den Weg in die Klinik finden und lediglich 40 bis 50 Prozent der Patienten als elektiv gelten.“ Elektive Eingriffe sind geplante Eingriffe. Weiter schreibt das Klinikum: „Damit erreicht die Notaufnahmen der Kliniken zusätzlich eine erhebliche Anzahl dringend zu behandelnder Patienten, sowohl nach Besuch bei Ihrem Haus- oder Facharzt, als auch eigenständig als Notfall. Eine Dokumentation über Abmeldegründe oder eine Auswertung wird von unserer Seite nicht durchgeführt. Auch ist diese aus unserer Sicht nicht notwendig, da Notfallpatienten durch den Rettungsdienst auch bei Abmeldungen den geeigneten Klinken zugewiesen werden.“ Das heißt: „Bei Abmeldung aller geeigneten Kliniken beziehungsweise Fachbereiche im Versorgungsbereich des Rettungsdienstes, erhalten dann alle möglichen Kliniken beziehungsweise Fachbereiche im Wechsel Notfallpatienten zugewiesen. Die jeweilige Klinik muss dann im Haus eine sogenannte Triagierung vornehmen, womit die Dringlichkeit und Reihenfolge der Patientenbehandlung festgelegt wird.“ Und: „Die Abmeldung eines Leistungsbereiches erfolgt eigenständig, unter Würdigung der aktuellen medizinischen Versorgungssituation, durch den jeweils verantwortlichen Leiter, also in der Regel durch den Chefarzt oder dessen Vertreter.“
Klinikverbund Aurich-Emden-Norden: „Ausschlaggebend für die Meldung beim Ivena-Portal sind die tagesaktuelle Personalbesetzung und das Patientenaufkommen. Auch die selektive OP-Planung wirkt sich auf die Bettenbelegung der Intensivstationen aus. Sollte ein Patient nach einer größeren geplanten Operation doch kein vorgemerktes Intensivbett benötigen, weil eine weitere Versorgung auf der Intermediate-Care- oder Normalstation ausreicht, kann dieses wieder als frei gemeldet werden. Dies zeigt: Die Meldung im Ivena-System ist dynamisch und kann sich im Verlauf eines Tages mehrmals ändern. Die Abmeldung bedeutet aber nicht, dass keine Notfallpatienten mehr behandelt werden. Eine Klinik kann und wird trotz einer ,Abmeldung’ vom Rettungswagen angefahren werden, was auch regelmäßig geschieht. Akute Notfälle werden immer erstversorgt.“ Und: „Grundsätzlich gilt, die Anzahl des verfügbaren Personals bestimmt die Anzahl der betreibbaren Betten, nicht die Anzahl der aufgestellten Betten beziehungsweise deren Standort!“
Borromäus-Hospital: „Die Abmeldungen resultieren aus dem Mangel an Pflegefachkräften. Die Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung ermöglicht Häusern nicht mehr, flexibel Personal einzusetzen, da wo es dringend gebraucht wird. Vielmehr sind sie an starre Vorgaben des Bundes gebunden. Der bundesweite Fachkräftemangel ist seit längerer Zeit auch im Borromäus Hospital und in sämtlichen Krankenhäusern in Ostfriesland angekommen. Die Patientenversorgung war und ist derzeit jedoch zu keiner Zeit gefährdet.“
Gibt es weitere Fachbereiche, die Sie im Ivena-Portal relativ häufig abmelden mussten – zum Beispiel jeden Tag oder jeden zweiten Tag oder jeden dritten Tag?
Krankenhaus Wittmund: „Abmeldungen gab es auch in anderen Fachbereichen, hauptsächlich in der Inneren Medizin.“
Klinikum Leer: keine Angabe.
Klinikverbund Aurich-Emden-Norden: keine Angabe.
Borromäus-Hospital Leer: „Der Bereich der Inneren Medizin ist hier zu nennen. Dies ist auf die Pflegepersonaluntergrenzen-Versorgung zurückzuführen und auf sehr hohes Patientenaufkommen, da alle Krankenhäuser in diesem Zusammenhang überlastet sind (Abmeldungen der Notaufnahmen). Die Notfallversorgung ist jedoch sichergestellt.“
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