Ganderkesee Krebskranker Grundschüler Bosse nimmt in Ganderkesee mit Avatar am Unterricht teil
Bosse ist krank und kann deshalb langfristig nicht am Präsenzunterricht an der Grundschule Lange Straße in Ganderkesee (Landkreis Oldenburg) teilnehmen. Seit er einen kleinen Schulroboter bekommen hat, kann er endlich wieder ein aktiver Klassenkamerad sein.
Jana Baramsky geht hinter den Viertklässlern vorbei und überprüft, dass alle fleißig den Wortsalat ohne Lücken, Punkt und Komma verbessern. Mit einem Blick in die erste Reihe sieht die Klassenlehrerin ein grünes Licht und fragt: „Ja, Bosse?“ Ein weißer Roboterkopf dreht sich in ihre Richtung und spricht: „Ich habe eine Frage zur Aufgabe.“ Im Klassenraum ist niemand verwundert, denn der Avatar ist schon seit Oktober im Unterricht dabei. Und es handelt sich hier nicht um einen selbst denkenden Science-Fiction-Roboter. Nein, er ist vielmehr ein Hilfsmittel für den schwerkranken Schüler Bosse Härtel, der den Avatar von zu Hause oder vom Krankenhaus aus selbst steuern kann.
Wegen der gefährlichen Corona-Viren konnte Bosse lange nicht mehr in den Präsenzunterricht an der Grundschule Lange Straße und nahm trotz seiner Krankheit per Videoschalte und Distanzlernen am Unterricht teil. Da gab es aber immer Probleme, weil es nicht überall WLAN gab, die Verbindung öfters stockte und weil er sich nicht immer wohlfühlte, wenn seine Mitschüler ihn in seinem kranken Zustand sahen. Seine Mutter Talke Härtel sagt:
Der Zehnjährige war an pulmonaler Hypertonie erkrankt und hat im Februar 2022 ein Lungentransplantat bekommen. Doch der Leidensweg des jungen Kämpfers wurde dadurch nicht beendet, denn durch die Transplantation bekam der Ganderkeseer Krebs. Posttransplantationslymphome hat Bosse. So nennt sich die schwere Komplikation nach einer Transplantation, bei der bösartige Tumore entstehen.
Durch den Roboter ist es Bosse möglich, trotz seiner Krankheit am Schulalltag teilzunehmen. Er kann über eine bewegliche Kamera alles sehen, was im Klassenzimmer passiert. Außerdem signalisiert der Viertklässler mit einem Licht auf dem Kopf des Roboters, ob er sich meldet, heute aktiv dabei ist oder ob er einen gesundheitlich schlechten Tag hat und nur zuhören möchte. Und das alles vom iPad aus. Darauf steuert er auch, in welche Richtung der Avatar schauen möchte und kann ihn mit den Freunden in die Pause fahren lassen oder bei Gruppenarbeiten mitmachen. Der Kopf ist so drehbar, dass der Zehnjährige sogar in das Heft des Mitschülers schauen kann.
Gestellt wird der Avatar vom Verein für krebskranke Kinder in Hannover. Sie haben ihn für Bosse gekauft und übernehmen alle laufenden Kosten. „Der Verein hat keine Sekunde gezögert, um zu helfen und der Avatar war schnell da. Bosse ist, soweit ich weiß, erst der dritte Junge, der solch einen Avatar vom Verein bekommt“, betont die Mutter des Schwerkranken.
Alle Töne und Geschehnisse werden von dem Avatar aufgenommen und für den Jungen auf dem Bildschirm zu Hause ausgespielt. „Das kann bei manchen datenschutztechnisch schon für Misstrauen sorgen. Hier haben wir es relativ schnell geschafft, dass allen Eltern und Lehrkräfte die Datenschutzerklärung unterschrieben haben, damit Bosse mit dem Avatar am Unterricht teilnehmen kann“, erläutert Grundschulleiter René Jonker. Gespeichert werden die Daten laut Jonker nicht. Im nächsten Schuljahr geht es dann für Bosse an die Oberschule Ganderkesee, der Avatar darf natürlich mit.
Eine SIM-Karte im Gerät ermöglicht eine Nutzung auch außerhalb des Klassenzimmers. Bosse konnte so schon mit seinen Mitschülern zu „Heidi“ ins Weihnachtstheater in Oldenburg. Da saß der Miniroboter dann bequem auf dem Schoß von Bosses Kumpel. Auch in der Sporthalle und beim Adventssingen vor dem Rathaus kann der Junge aus sicherer Distanz mitmachen.
Der Zusammenhalt der Viertklässler sei sehr stark, auch mit Bosse. Deshalb hat die gesamte Klasse ihn schonmal vom Gartenzaun aus besucht – aus sicherem Abstand. Jonker sagt: „Ich bin überzeugt, dass der Kontakt zu seinen Klassenkameraden und Freunden Bosse hilft in dieser schweren Zeit durchzuhalten.“