Osnabrück Die Sorgen der Welt: Deutsche Ängste über alles
In keinem anderen Land herrscht größere Sorge vor der Klimakrise als in Deutschland. Gerade im globalen Süden dominieren eher Ängste vor Armut, Kriminalität und Korruption. So richtig überrascht ist unser Autor nicht.
Was bewegt die Welt? Um das zu beantworten, fragt das Meinungsforschungsinstitut Ipsos regelmäßig Menschen in 29 verschiedenen Ländern der Erde, was sie am stärksten besorgt. „What Worries the World” heißt der Report auf Basis von rund 24.000 Online-Umfragen, womit nach den üblichen Kriterien eine hinreichende Repräsentativität gegeben ist.
Gefragt wird unter anderem nach dem Zustand von Demokratie und Wirtschaft, nach den Sorgen wegen militärischer Konflikte, Pandemien, der Inflation und dem Klimawandel.
In diesen Tagen fiel mir der Bericht für den Mai in die Hände, und was soll ich sagen: Ich war ein bisschen verwundert. Dass es in die Richtung geht, hatte ich geahnt. Aber es hier schwarz auf weiß zu sehen, überraschte dann doch: In keinem einzigen Land der Welt herrscht eine größere Sorge vor dem Klimawandel als in Deutschland. Fast jeder Dritte Deutsche nannte die globale Erwärmung als eines der wichtigsten Themen.
Ok, dachte ich. Ähnlich hoch wird der Wert wohl in Schweden sein, dem Heimatland der Klima-Ikone Greta? Aber nein. Das skandinavische Land rangiert mit Platz 13 nur im Mittelfeld.
Aber auf der Südhalbkugel, da werden die Menschen doch ähnlich große Angst haben wie in Deutschland?
In Argentinien jedenfalls nicht. Dort sorgen sich nur 2 Prozent der Menschen wegen des Klimawandels. In Südafrika sind es 5 Prozent, in Chile 6 Prozent, im tropischen Indien 8 Prozent.
Immerhin, auf Deutschland mit seinen 31 Prozent folgen Singapur und Australien gleichauf mit 28 Prozent.
Der globale Mittelwert liegt bei 16 Prozent.
Was auffällt: In den drei Ländern, in denen die Sorge vor dem Klimawandel am größten ist, ist die Angst vor wirtschaftlichen Widrigkeiten extrem gering. In dieser Kategorie der Studie kehrt sich die Tabelle regelrecht um.
Zynisch betrachtet, vielleicht geschieht ja folgendes: Wenn Deutschland weiter macht mit seinem Kampf gegen den Klimawandel und den Hemmnissen für seine Wirtschaft, vermindert sich womöglich ein kleines bisschen der Anstieg der globalen Temperatur. In jedem Fall aber dürfte die Angst vor diesem Anstieg schwinden, und zwar proportional in dem Maße, wie auch der Wohlstand fällt.
Aber mal ernsthaft: Hält man sich in Deutschland an das, was immer so gerne gesagt wird, nämlich dass das Land eine globale Verantwortung habe als eine der (noch) führenden Wirtschaftsnationen, müsste man andere Dinge in den Fokus rücken, um benachteiligten Regionen zu helfen. Denn andere Sorgen rangieren global weit höher, und zwar in dieser Reihenfolge: Inflation, Armut, Kriminalität, Korruption und Arbeitslosigkeit.
Der Kampf gegen diese Dinge ist den Menschen wichtiger als die Frage, ob es wärmer wird oder nicht und welche Rolle der Mensch dabei spielt und spielen kann. Warum dieses Thema die Deutschen dennoch derart beschäftigt, ist eine spannende Frage. Vermutlich hat jeder seine eigene Theorie dazu. Dass sie ziemlich alleine dastehen, fand ich jedenfalls interessant und wollte es Sie heute im Rest der Republik kurz wissen lassen.