Osnabrück Paula Modersohn-Becker: Der kurze, schnelle Weg eines Kunstgenies
Paula: Viele Kunstfans nennen sie schlicht beim Vornamen. Denn Paula Modersohn-Becker ist Kult. Bremen zeigt jetzt, wie die Künstlerin rasant zur Könnerin reifte. Schade, dass ihr Weg so früh endete.
Mit 30 die erste Million: Es soll Menschen geben, die darin ein Ziel sehen. Paula Modersohn-Becker nahm sich fest vor, „mit dem dreißigsten Jahr etwas zu erreichen“, und meinte damit natürlich etwas grundlegend Anderes. Was hätte noch aus ihr werden können? Mit 31 Jahren stirbt sie 1907. Damals ist sie respektiert, heute eine Kultfigur der Kunst. Kaum auszudenken, Paula Modersohn-Becker hätte den Zweiten Weltkrieg überlebt, um 1961 im gesegneten Alter von 85 Jahren von uns zu gehen. Welche Figur wäre sie geworden – nach diesem fulminanten Beginn?
Egal, denn die Malerin gehört nicht nur zum Kanon einer dezidiert weiblichen Kunst wie Käthe Kollwitz oder Frida Kahlo. Viel besser: Paula, so die vertrauliche Anrede ihrer vielen Fans, wird immer noch wieder neu entdeckt.
Jetzt gibt es neuen Stoff dafür. Das ihr in der Bremer Böttcherstraße gewidmete Museum zeigt 130 Zeichnungen der vor allem als Malerin zarter Landschaften und verträumter Mädchenfiguren berühmten Künstlerin. „Die Zeichnerin Paula Modersohn-Becker“: Langweiliger geht ein Ausstellungstitel kaum. Und doch präsentiert diese scheinbar staubtrockene Archivschau nichts weniger als die Rasanz einer Hochbegabten. Paula zeichnet! Wer hätte ihr dabei nicht gern live zugeschaut. Die in Bremen präsentierten Blätter geben einem genau diesen Gedanken ein.
„Ich fühle, daß alle Menschen sich an mir erschrecken, und doch muss ich weiter. Ich darf nicht zurück“, schreibt Paula an ihre Schwester Milly am 21. September 1899. Als Frau hat sie es bei ihrer Mission doppelt, ja dreifach so schwer wie ihre männlichen Kollegen. Kunstakademien sind Frauen damals verschlossen, Künstlerinnen mit ernsthafter Berufskarriere kaum vorgesehen. Paula geht trotzdem ihren Weg. Die Kunst ihrer Zeit macht Tempo. Sie macht es auch, weil sie muss. Gerade als Frau bleibt ihr nur die Offensive.
Mögen durch die Böttcherstraße fröhlich die Touristen ziehen, in den Ausstellungsräumen über ihnen herrscht gesammelte Stille. Dafür tobt auf Paulas Blättern der Tumult. Ihr Tempo nimmt den Atem. Sicher, sie übt sich brav im Aktzeichnen, an privaten Pariser Kunstschulen wie Colarossi oder Julian, die Damen damals offenstehen. Die Frauen sitzen dort um 1900 in Reihe mit strengem Dutt und langem Rock, Block und Stift in den Händen, Paula mitten unter ihnen.
Sie will es wissen. Das spürt jeder, der ihre Zeichnungen heute sieht. Kohle und Stift, Kreiden und Rötel, die junge Künstlerin entwickelt gehörige Bandbreite beim Umgang mit ihrem Material, zugleich einen strengen Blick auf ihre Motive. In einen Kinderakt zeichnet sie das Skelett gleich mit ein, fügt auf dem Blatt gleich noch Studien von Knochen hinzu. Gefällige Oberflächen sind nicht ihre Sache.
Paula Modersohn-Becker schwimmt sich schnell frei, um ganz bei sich sein zu können. Sie hält sich nicht auf mit der Antike, blockiert ihren Schwung nicht mit falschem Pathos. Ihre nackten Frauenfiguren wirken in sich gekehrt, die männlichen Pendants beinahe desillusioniert. Jede dieser Zeichnungen avanciert zum existenziellen Gleichnis. Ihre Kunst soll groß sein, nicht staatstragend.
Deshalb zieht Paula Modersohn-Becker den Horizont ihrer Motivwelt eng zusammen. Die Pariser Straßenszenen, die auf das Papier bringt, liegen ihr erkennbar weniger. Sie sucht die Wahrheit im einzelnen Menschen. Jeder Mensch eine Welt: Ob die „Frau mit roter Bluse“ oder die „Bäuerin, eine Astgabel tragend“ – in jedem Porträt findet diese Zeichnerin worauf es ihr ankommt – das Individuum, seine Aura, sein Daseinsrecht.
Finden sich deshalb bis heute so viele Menschen in ihren Bildern wieder? Paula Modersohn-Becker hat ihn schnell, ihren Ton. Das Selbstporträt, die gefalteten Hände: Auch als Zeichnerin hat sie mit diesen Blättern ihre eigene, unverkennbare Signatur. Mit 30 hat sie viel mehr erreicht als eine Million. Ach, Paula.
Bremen, Paula Modersohn-Becker-Museum: Die Zeichnerin Paula Modersohn-Becker. Bis 20. August 2023. Di.-So., 11-18 Uhr.