Analyse zur Notfallversorgung Die meisten Intensivbetten im Kreis Leer sind nicht betriebsbereit
Ostfrieslands profitabelstes Krankenhaus hat auf der Intensivstation die größten Kapazitätsprobleme in der Region. Das Klinikum Leer meldet sich für die „Notfallversorgung“ regelmäßig ab. Warum?
Ostfriesland - 32 betriebsbereite Intensivbetten haben die Krankenhäuser im Landkreis Leer im ersten Corona-Winter gemeldet – also das Klinikum und das Borromäus-Hospital zusammen. Am 6. Juni 2023 stehen nur zwölf betriebsbereite Betten im Divi-Intensivregister. Zum Vergleich: Für den Kreis Aurich weist das Internetportal 25, für die Stadt Emden 19 und für den Kreis Wittmund 8 betriebsbereite Intensivbetten aus.
Schaut man am Morgen des 6. Juni auch ins niedersächsische Ivena-Portal, dann ist der Balken des Borromäus-Hospitals im Bereich „Notfallversorgung“ der „Internistischen Intensivstation“ durchgehend grün. Damit wissen die ostfriesischen Rettungsdienste, dass das Krankenhaus entsprechende Notfall-Patienten aufnehmen kann. Beim Klinikum Leer ist der Balken hingegen durchgehend rot – wie so oft seit Mitte Mai und vielleicht sogar noch länger.
Klinikum Leer meldet am häufigsten die Intensivstation ab
Seit Mitte Mai macht unsere Redaktion fast täglich Stichproben im Ivena-Portal. Auf dessen Internetseite ist das jeweils aktuelle Zeitfenster zu sehen, ein Zeitabschnitt von sieben Stunden. Und betrachtet man all diese Stichproben, dann ist zu sehen, dass kein ostfriesisches Krankenhaus seine Intensivstation im Bereich der „Notfallversorgung“ so oft abgemeldet hat wie das Klinikum Leer.
Zu Beginn der Corona-Pandemie, am 31. März 2020, bezeichnete das Klinikum Leer „zwölf Intensivplätze“ und dazugehörig zehn Beatmungsgeräte als „Standard“. Zusätzlich seien sechs Intensivplätze mit sechs Beatmungsgeräten „in Bereitschaft“. Hinzu kämen weitere sechs Intensivbetten mit ebensovielen Beatmungsgeräten, sobald die Technik vom Land geliefert sei.
Eine Umfrage unter den ostfriesischen Krankenhaus-Unternehmen
Im zweiten Corona-Winter, am 3. Dezember 2021, bestätigte des Klinikum: „Insgesamt verfügen wir über maximal 24 Betten auf der interdisziplinären Intensivstation und auf der Intermediate-Care Station. Diese Maximalkapazität wurde im Rahmen der Corona-Pandemie geschaffen.“ Das sind doppelt so viele Betten, wie für den Kreis Leer insgesamt gerade im Divi-Intensivregister gemeldet sind. Im Ivena-Portal für Rettungsdienste ist keine Internistische Intermediate-Care-Station (eine Art Intensivstation-light) des Klinikums zu finden – und die Intensivstation ist oft abgemeldet.
Unsere Redaktion hat dem Klinikum Leer – wie allen anderen ostfriesischen Krankenhausbetreibern auch – am 24. Mai unter anderem folgende Fragen gestellt: Wie viele Stunden waren die Intensivstationen Ihrer Krankenhäuser vom 1. bis zum 24. Mai im Ivena-Portal abgemeldet? Waren Ihre Intensivstationen im Mai überdurchschnittlich oft abgemeldet oder war das in anderen Monaten dieses Jahres ähnlich? Woraus resultieren die Abmeldungen der Intensivstationen im Ivena-Portal?
Fachkräftemangel in ostfriesischen Kliniken und Intensivstationen
Trotz einer Bitte um Beantwortung bis zum 2. Mai hat das Klinikum bisher nicht auf diese Anfrage reagiert. Das Borromäus-Hospital teilte hingegen mit: „Die Abmeldungen resultieren aus dem Mangel an Pflegefachkräften. [...] Der bundesweite Fachkräftemangel ist seit längerer Zeit auch im Borromäus Hospital und in sämtlichen Krankenhäusern in Ostfriesland angekommen.“
Auch nach den Pflegekräften hat unsere Zeitung die Krankenhäuser in der Region gefragt: Wie viele Pflegekräfte haben bei Ihnen seit dem 1. Januar 2022 gekündigt? Was ist über die Kündigungsgründe der Pflegekräfte bekannt? Wie viele Überstunden, Mehrarbeitsstunden oder ähnliches haben sich bei Ihren Pflegekräften aktuell insgesamt angesammelt? Das Borromäus-Hospital hat diese Fragen nicht beantwortet – das Klinikum Leer, wie erwähnt, gar nicht auf die Presseanfrage reagiert.
Klinikums-Auskunft per Rechtsanwalt durchgesetzt
Mit einem Rechtsanwaltsschreiben hat unsere Redaktion unterdessen durchgesetzt, dass das Klinikum Leer auf eine davor gestellte Anfrage zu Abmeldungen seines Herzkatheter-Bereichs reagiert. Dieser medizinische Bereich, der für Herzinfarktpatienten bedeutsam ist, war am 17. und 18. April jeweils für mehrere Stunden im Ivena-Portal abgemeldet. Im Corona-Winter 2021 hatte das Krankenhaus-Unternehmen des Landkreises Leer noch mitgeteilt: „Unsere Klinik für Kardiologie und Angiologie bietet eine 24-Stunden-Bereitschaft für Herzinfarktpatienten und verfügt über zwei moderne Linksherzkatheter-Messplätze. Das heißt, dass auch im Falle von Wartungsarbeiten oder Ausfällen, ein Herzkatheter-Messplatz zur Verfügung steht.“
Geschäftsführer Holger Glienke schrieb in der juristisch erwirkten Stellungnahme vom 1. Juni unter anderem: „Die Gründe für eine Abmeldung der Versorgung in einem Leistungsbereich im Ivena-Portal können vielfältig sein. So kann beispielsweise eine Vollbelegung im Stationsbereich auf Normal- oder Intensivstation, ein Ausfall von medizinischem Gerät, ein kurzfristiger Personalausfall durch Erkrankung oder ein gehäufter Patientenanfall mit akutem Versorgungsbedarf Grund einer Abmeldung sein.“ Aber: „Eine Dokumentation über Abmeldegründe erfolgt nicht, sodass eine Auswertung, wie hier angefragt in Bezug auf einzelne Tage, nicht möglich ist. Auch ist diese aus unserer Sicht nicht notwendig, da wie oben beschrieben, Notfallpatienten durch den Rettungsdienst auch bei Abmeldungen den geeigneten Kliniken zugewiesen werden.“
Triage – welche Notfälle sind dringender als andere?
Was er oben beschrieben hatte? „Bei Abmeldung aller geeigneten Kliniken beziehungsweise Fachbereiche im Versorgungsbereich des Rettungsdienstes erhalten dann alle möglichen Kliniken beziehungsweise Fachbereiche im Wechsel Notfallpatienten zugewiesen. Die jeweilige Klinik muss dann im Haus eine sogenannte Triagierung vornehmen, womit die Dringlichkeit und Reihenfolge der Patientenbehandlung festgelegt wird.“ Das heißt, dass im Extremfall ein Notfall erstmal warten muss, weil ein anderer Notfall als dringlicher bewertet wird.
Warum ausgerechnet das Klinikum Leer derartige Kapazitätsengpässe hat, ist also weiterhin unklar. Das Krankenhaus-Unternehmen ist das profitabelste in Ostfriesland. Die jüngsten Jahresbilanzen, die veröffentlicht sind, wiesen folgende Gewinne aus: 3,4 Millionen Euro (Jahr 2021), 7,2 Millionen Euro (2020), 3,7 Millionen Euro (2019).
Presseanfrage an Klinikums-Eigentümer – den Landkreis Leer
Auch der Landkreis Leer als Klinikums-Eigentümer hat am 24. Mai eine Anfrage unserer Redaktion erhalten. Sie enthält unter anderem diese Frage: Welche Defizite sehen Sie in der medizinischen Versorgung in Ihrem Zuständigkeitsbereich – sei es im Bereich der Kliniken, der Rettungsdienste, der niedergelassenen Ärzte oder darüber hinaus?
Eine Antwort war bis zum 2. Juni erbeten. Am Nachmittag des 2. Juni meldete sich die Kreisverwaltung: „Heute schaffen wir es leider doch nicht mehr, aber Ihre Anfrage ist in Arbeit.“ Auch am Montag, 5. Juni, hat es die Kreisverwaltung nicht geschafft.
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