Folgen des Heckrinder-Skandals  Verliert die Stadt Leer wichtige Ausgleichsfläche?

Tatjana Gettkowski
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Von Tatjana Gettkowski
| 05.06.2023 09:44 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der Nabu möchte das Beweidungsprojekt Thedingaer Vorwerk gerne „mit ruhigeren Tieren“ fortsetzen. Der Landkreis prüft derzeit nach eigenen Angaben, ob auf bestimmten Flächen und unter bestimmten Bedingungen alternativ zu den Heckrindern Konik-Pferde gehalten werden könnten, wie in Coldam und im Hessepark Weener. Foto: Wolters
Der Nabu möchte das Beweidungsprojekt Thedingaer Vorwerk gerne „mit ruhigeren Tieren“ fortsetzen. Der Landkreis prüft derzeit nach eigenen Angaben, ob auf bestimmten Flächen und unter bestimmten Bedingungen alternativ zu den Heckrindern Konik-Pferde gehalten werden könnten, wie in Coldam und im Hessepark Weener. Foto: Wolters
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Bis zum Jahresende muss der Nabu sein Heckrinder-Beweidungsprojekt in Leer beenden. Hat die Entscheidung des Landkreises Folgen für die Stadt Leer? Die ist Eigentümer des Geländes. Wir fragten nach.

Leer - Der Tod zweier Heckrind-Kälbchen im Nabu-Beweidungsprojekt Thedingaer Vorwerk hat viele Naturfreunde tief erschüttert. Die beiden Tiere hatten sich im vergangenen Monat auf der Weide so schwer verletzt, dass sie eingeschläfert werden mussten. Der Landkreis Leer sprach in der vergangenen Woche ein Machtwort: Bis zum Jahresende muss der Nabu das Projekt beenden. Diese Entscheidung könnte auch Folgen für die Stadt Leer haben.

Was und warum

Darum geht es: um die Frage, was es für die Kompensationsfläche der Stadt Leer bedeutet, wenn der Nabu sein Beweidungsprojekt Thedingaer Vorwerk beenden muss

Vor allem interessant für: alle, die sich für Tier- und Naturschutz interessieren und wissen wollen, wie es nach dem Skandal um die toten Heckrinder mit dem Projekt weitergeht

Deshalb berichten wir: Der Ausschuss für Energie, Klima, Umwelt und Verkehr der Stadt Leer hat sich mit dem Thema beschäftigt.

Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de

Das Gelände in Nüttermoor, das als Ausgleichsfläche für Eingriffe in die Natur durch Bauvorhaben im Stadtgebiet anerkannt ist, befindet sich im Eigentum der Stadt Leer. Daher hatte die CDU-Fraktion für die Sitzung des Ausschusses für Energie, Klima, Umwelt und Verkehr der Stadt einen Dringlichkeitsantrag gestellt und von der Verwaltung einen Sachstandsbericht zu den Vorkommnissen auf der vom Nabu genutzten Fläche gefordert.

Kompensation ohne Beweidung möglich

„Zu den Vorkommnissen in Sachen Heckrinder-Projekt befinden wir uns im Austausch mit dem Nabu“, teilte Stadtsprecher Edgar Behrendt im Nachgang der Sitzung auf Nachfrage mit. Ausschlaggebend sei, dass auf der Fläche die Kompensationsziele eingehalten werden. „Dass auf der Fläche Tiere gehalten werden, ist keine zwingende Voraussetzung. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten.“

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In der öffentlichen Diskussion kam auch immer wieder die Frage auf, warum das Veterinäramt des Landkreises Leer erst jetzt reagiert – vor allem vor dem Hintergrund, dass auf den Nabu-Flächen bereits im Winter 2007/2008 insgesamt 16 Heckrinder wegen Mangelernährung und schlechter Haltungsbedingungen verendet waren. Danach habe der NABU aber nach Auskunft des Landkreises weitreichende Maßnahmen zur Sicherstellung des Tierschutzes umgesetzt. „Hinzu kam, dass geeignete, sachkundige Personen den Tierbestand überwachten und erforderliche Maßnahmen ergriffen“, teilte Landkreissprecher Philipp Koenen auf Nachfrage mit.

Jahrelang keine nennenswerten Probleme

Der Landwirt Uwe Betten hatte 2011 beim Nabu Woldenhof als Honorarkraft die Betreuung übernommen. Sechs Jahre später war er als festangestellter landwirtschaftlicher Leiter auch für die Beweidungsprojekte zuständig. Nach Auskunft des Veterinäramtes wurden die Standorte gemeinsam mit dem Betreuer und anderen Vertretern besichtigt. Dabei habe man den Zustand der Tiere und der Flächen bewertet. „Obwohl die Haltungsbedingungen auf diesen Flächen nicht optimal waren, konnte der Betreuer die tierschutzrechtlichen und tierseuchenrechtlichen Erfordernisse umsetzen, so dass ein massives behördliches Einschreiten nicht erforderlich wurde“, teilt das Veterinäramt mit.

Inzwischen habe sich das Betreuungsmanagement „drastisch verschlechtert“. Schon seit Ende Oktober 2022 ist Uwe Betten nicht mehr im Einsatz. Nachdem er erkrankt war, zog er im Frühjahr aus gesundheitlichen Gründen die Reißleine und kündigte als landwirtschaftlicher Leiter und gab die Geschäftsführung beim Nabu ab. Grund: Arbeitsüberlastung. Sein Kollege Stefan Freese ist seit dem Frühjahr ebenfalls nicht mehr im Einsatz. Er fällt wegen einer Verletzung mehrere Monate Jahr aus.

Ob auf bestimmten Flächen und unter bestimmten Bedingungen alternativ zu den Heckrindern Konik-Pferde gehalten werden dürfen, wird nach Auskunft des Landkreises aktuell noch geprüft. „Zunächst ist der Nabu als verantwortlicher Tierhalter in der Pflicht, dem Landkreis Leer ein Konzept vorzulegen, wie er die Herde aufzulösen gedenkt“, stellt Landkreissprecher Philipp Koenen auf Nachfrage klar.