Hamburg  Youtuber Freshtorge: Worüber darf man heute noch Witze machen?

Laura-Cäcilia Wolfert
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Von Laura-Cäcilia Wolfert
| 01.06.2023 07:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Mit seinen Youtube-Clips begeistert „Freshtorge“ vorwiegend junge Menschen. Foto: picture alliance / dpa / Carsten Rehder
Mit seinen Youtube-Clips begeistert „Freshtorge“ vorwiegend junge Menschen. Foto: picture alliance / dpa / Carsten Rehder
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Torge Oelrich aka Freshtorge zählt zu den ersten Youtubern Deutschlands. Der Comedian erklärt, wie sich der Humor der Leute mit den Jahren verändert hat – und worauf er heute besonders achtet.

Man könnte sagen, er hat Youtube gemacht, bevor es YouTtube überhaupt gab: Torge Oelrich startet 2006 seinen Youtube-Kanal, der heute den Namen „Freshtorge“ trägt. Zur damaligen Zeit ist er ein Vorreiter, vor allem in Deutschland.

Zur zeitlichen Einordnung: Das erste Youtube-Video überhaupt erscheint auf der Plattform am 23. April 2005, hochgeladen von Gründer Jawed Karim. Erst drei Jahre später beginnt das US-Unternehmen auch in Deutschland, Werbung bei Videos ausgewählter „Creator“ zu schalten – das sogenannte Monetarisierungsprogramm. Dazu gehört auch Torge Oelrich. Der Youtuber hatte zu dem Zeitpunkt schon eine große Community aufgebaut, viele Videos hochgeladen – verdiente damit aber noch kein Geld.

Das ist heute anders: Mit aktuell 3,69 Millionen Abonnenten zählt sein Kanal „Freshtorge“ zu den erfolgreichsten deutschen Comedy-Angeboten im Netz. Aber was hat sich, abgesehen vom finanziellen Aspekt, in den Jahren verändert? Ist der Humor von heute ein anderer als von 2006?

Laut Oelrich sei es definitiv so, dass heute mehr darauf geachtet werde, was man sagen sollte und was nicht. „Wenn ich mir ein paar Videos von mir von früher anschaue, würde ich das heute so nicht mehr machen“, sagt der Youtuber gegenüber unserer Redaktion. „Ich habe auch schon einige Videos von mir runtergenommen, weil die nicht mehr in die Zeit passen. Das finde ich richtig, ich finde auch die Entwicklung richtig.“

Hier sehen Sie ein Video von Freshtorge in seiner Rolle als Helga:

Ein kleines „Aber“ schwinge in seiner Zustimmung trotzdem mit: „Ich bin Comedian, ein kreativer Mensch. Beim Arbeiten, beim Schreiben, bin ich aber sehr eingeschränkt“, sagt Oelrich. „Ich muss mir bei jedem Satz überlegen: Wen könnte ich damit verletzen? Von wem könnte ich eine E-Mail bekommen, wer könnte eine Initiative lostreten, sodass Hasskommentare folgen?“

Er plädiere dafür, ein gutes Mittelmaß zu finden. „Ich glaube, das entwickelt sich sonst gerade in eine Richtung, die mir persönlich zu extrem ist.“

Und wie sieht das bei Oelrich selbst aus? Für seine Clips schlüpft der Youtuber in verschiedene Rollen. Um nur wenige zu nennen: die alleinerziehende Mutter Shyenne, ihre Tochter Trisha – oder Dwaja von der Straßenumfrage, scheinbar ein Mädchen mit Migrationshintergrund aus Frankfurt. Kann man ihm vorwerfen, dass er sich über Figuren lustig macht, die der Unterschicht angehören? „Vorwerfen kann man mir das. Ob ich mir den Schuh dann anziehe, ist eine andere Sache“, sagt Oelrich.

Er schlüpfe genauso in die Rollen von Susanne und Wolfgang Nörgel, ein reiches, kinderhassendes Ehepaar. Auf seinem Kanal mache er sich über sehr viel lustig – vielleicht sogar ein bisschen über sich selbst. Der „Alman” (Anm. d. Red. Typisch deutsche Person) sei laut dem 34-jährigen Familienvater aus Wesselburen gerade das große Thema.

Hier sehen Sie Freshtorge in seiner Rolle der Dwaja“

Und was Dwaja betritfft, sagt Oelrich: „Ich habe nie gesagt, dass sie einen Migrationshintergrund hat, das hatte ich auch nie in der Idee.“ Das sei nur eine Interpretation von den Usern. „Sie hat schwarze Haare und ist stark geschminkt, hat zudem eine gewisse Sprachweise“, sagt Oelrich. „Die Zuschauer schließen daraus: Ah, das ist jetzt eine Ausländerin!“

Wahrscheinlich, so der Comedian, müssten sich eher die Zuschauer die Vorwürfe machen. Oder wie er sagt, „den Schuh anziehen“.

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