Hamburg  Interview mit HSV-Legende Manfred Kaltz: „Fußball ist eigentlich ein einfaches Spiel“

Manfred Ertel
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Von Manfred Ertel
| 27.05.2023 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Manfred Kaltz vor wenigen Tagen im Volksparkstadion. Foto: Pressefoto M.i.S., Mindelheim
Manfred Kaltz vor wenigen Tagen im Volksparkstadion. Foto: Pressefoto M.i.S., Mindelheim
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Der HSV-Rekordspieler Manfred Kaltz spricht im Interview über den größten Triumph der Rothosen, die Rückkehr nach Athen und die Erfindung der „Bananenflanke“.

Wenn Fußballer sich den nichtssagenden Ritualen des Boulevards verweigern, bekommen sie schnell einen Stempel verpasst. Der erfolgreichste Kicker des Hamburger Sport-Vereins wurde so zum „Schweiger“ erklärt. Im Gespräch mit Manfred Ertel in einem Café in Winterhude zeigt Kaltz das genaue Gegenteil: Ausgesprochen offen und erzählfreudig erinnert er sich an die erfolgreichen Zeiten seines Vereins.

Frage: Wie hat sich die Rückkehr an den Schauplatz des größten HSV-Erfolgs nach 40 Jahren angefühlt?

Antwort: Sehr gut. Wir wurden sehr herzlich empfangen und haben mit dem NDR-Team all die alten Plätze abgegrast: das Olympia-Stadion, das damalige Mannschaftshotel, in dem wir gewohnt haben, wir waren auch auf dem Golfplatz etwas außerhalb der Stadt mit Blick aufs Wasser, auf dem wir die Abschlussbesprechung vor dem Spiel hatten. Es ist alles fast noch so wie vor 40 Jahren, nur etwas älter.

Frage: Haben Sie tatsächlich noch etwas wiedererkannt oder waren Sie in der Zwischenzeit mal in Athen?

Antwort: Ich war zum ersten Mal nach 40 Jahren wieder da. Aber das Stadion, der Eingang und Zugang zum Innenraum, die Kabinen für die Mannschaften, es war eigentlich noch alles so wie früher. Zu den Olympischen Spielen ist lediglich ein Dach drauf gesetzt worden. Ich erinnerte mich sofort daran, wie wir damals eingelaufen sind, es kam an Erinnerungen alles wieder hoch. Aber sehr entspannt, wir hatten viel Spaß.

Frage: Griechische Fußballfans zeigen sich bis heute begeistert vom HSV, wenn sie Besucher als Hamburger identifizieren. Haben Sie eine Ahnung warum?

Antwort: Stimmt, das ist uns auch so gegangen. In der Altstadt beim Abendessen wurde Magath gleich freudig erkannt und ich auch als Manni Kaltz identifiziert. Das ist schon irre, wenn man 40 Jahre nicht mehr in Athen war. Aber wir hatten ja den griechischen Meister Olympiakos Piräus in der Vorrunde geschlagen, vielleicht waren deshalb so viele Griechen auf unserer Seite und haben für uns die Daumen gedrückt. Juventus war damals wohl nicht so beliebt.

Frage: Wäre der 4:0-Sieg des HSV im Achtelfinale in Athen über Olympiakos für die fanatischen griechischen Fans nicht eher ein Grund gewesen, sauer auf den HSV zu sein?

Antwort: Wir haben ja einen super Fußball gespielt. Und es gab ja auch damals schon viele Griechen in Hamburg, die auf unserer Seite waren, und familiäre Bindungen nach Griechenland hatten. Aber das Daumendrücken war natürlich sehr gemischt. Schließlich waren ja auch 20.000 Hamburger im Stadion, das darf man nicht vergessen. Die große Fan-Kurve des HSV war, wenn man rauskam auf den Platz, links, das war schon toll.

Frage: Hatten Sie sich damals wirklich eine Chance ausgerechnet, den großen Gegner Juventus Turin mit seinen vielen Weltmeistern und Stars schlagen zu können?

Antwort: Natürlich, wir waren relativ sicher, dass wir das Finale gewinnen und sehr selbstbewusst. Wir hatten ja riesige Erfahrung. Wir standen schon 1980 im Europapokalfinale gegen Nottingham Forrest und hatten 1:0 verloren. Wir waren mehrfach Meister und eine gute Truppe. Und dann hatten wir mit der Nationalmannschaft ja 1982 das WM-Finale gegen Italien verloren, der Europapokal war für uns eine kleine Revanche. Unser Selbstvertrauen war schon mit entscheidend.

Frage: Was hat die HSV-Mannschaft von ’83 so besonders gemacht?

Antwort: Wir hatten viele Spielertypen in der Mannschaft, die wollten immer gewinnen. Und beim Fußball geht es nun mal ums Gewinnen. Hrubesch und ich gehörten dazu, Uli Stein im Tor konnte auch nicht verlieren. Magath war sehr ehrgeizig. Bernd Wehmeyer war vom Außenstürmer zu einem überragenden Verteidiger geworden, der auch noch Tore schoss. Wir hatten Dietmar Jakobs hinten und eine gute Abwehr, konnten auch zu Null spielen. Ehrgeiz war genug da. Der Rest war Können. Wir hatten schließlich auch sieben Nationalspieler auf dem Platz, insofern war das ziemlich ausgeglichen. Außerdem waren wir eine Mannschaft, in der die meisten Spieler bereits sieben, acht oder zehn Jahre zusammen spielten. Alles gute Charaktere. Es hat einfach gepasst.

Frage: Früher schien das Spiel ganz einfach: Flanke Kaltz, Kopfball Hrubesch. Tor. War Fußball zu Ihrer Zeit einfacher als heute?

Antwort: Fußball ist eigentlich ein einfaches Spiel. Fußball heißt: Anbieten, freilaufen, Tore schießen. Mehr ist das nicht. Egal ob 4:3:3 oder welches System auch immer. Heute wird viel zu viel über Taktik und Ballbesitz geredet. Aber 80 Prozent Ballbesitz müsste doch heißen, dass ich 4:0 gewinne und nicht 2:1 verliere. Sonst habe ich irgendwas verkehrt gemacht.

Frage: Stoßstürmer müssen heutzutage früh „pressen“, Abwehrspieler variabel sein und keine Freistöße provozieren. Könnten Spieler wie Sie oder Hrubesch mit Ihren Qualitäten heutzutage genauso erfolgreich sein?

Antwort: Das haben wir doch auch alles gemacht. Wir haben damals schon Pressing gespielt, auch Horst Hrubesch. Das hat nur keiner mitgekriegt, weil es nur bei unserem Trainer Ernst Happel auch Pressing hieß. Wir haben schon Dreierkette gespielt, auch das hat niemand gemerkt. Fußball ist ein Zweikampfspiel. Um das erfolgreich spielen zu können, muss man im Duell Eins gegen Eins stark sein. Das sieht man aktuell beim HSV. Wenn eine Mannschaft kommt wie Darmstadt oder Heidenheim, die auch zweikampfstark ist, dann haben wir Probleme. Aber Zweikampf gehört nun mal dazu.

Frage: Sie gelten als Erfinder der „Bananenflanke“. Haben Sie die besonders geübt oder hat Ihnen der Trainer die eingebläut?

Antwort: Der Trainer kann da wenig machen. Wenn ich nicht flanken kann, kann der Trainer sagen, was er will. Flanken übt man tagtäglich im Training, in Sondereinheiten haben wir dann mit Hrubesch nur die Laufwege einstudiert. Das war dann irgendwann automatisiert und hat perfekt geklappt. Jeder Gegenspieler wusste eigentlich, was kommt, und trotzdem hat es immer wieder geklappt. Aber Hrubesch konnte sich auch durchsetzen. Und er hat nach seinem Wechsel von Rot-Weiss Essen aus der Zweiten Liga bei uns eine Riesenentwicklung gemacht. Vor allem technisch hat er zugelegt, das war überragend. Der konnte nicht nur köpfen. Zum Schluss hat er sogar mit der Hacke gespielt. Das zeigt doch: Jeder Spieler muss sich weiterentwickeln und besser werden, darum geht es. Und das ist aktuell ein Problem beim HSV. Das Stellungsspiel einiger Spieler ist eine Katastrophe, vor allem in der Abwehr.

Frage: Was begeistert Sie aktuell am HSV?

Antwort: Die größte Begeisterung rufen bei mir die Zuschauer hervor, das hatten wir früher so nicht. Wenn wir früher immer vor fast 60.000 Zuschauern gespielt hätten, in so einem Stadion, dann hätten wir fast gar kein Spiel mehr verloren (lacht). So eine Kulisse motiviert unheimlich. Das Problem ist nur, dass die gegnerischen Mannschaften, die nach Hamburg kommen, von der Kulisse auch hochmotiviert sind, egal ob Aue oder Regensburg. Darmstadt hat normalerweise 17.000 Zuschauer im eigenen Stadion. Wenn die vor 60.000 spielen können, ist das für die ein Highlight.

Frage: Hat der HSV das Format für die Bundesliga und da zu bestehen?

Antwort: Wenn HSV den Aufstieg schaffen sollte, wäre das super. Nur wird es mit dieser Mannschaft in der Bundesliga dann schwer werden, auch wenn es im ersten Jahr mit der Euphorie vielleicht noch gutgeht. Das haben wir ja bei anderen Vereinen erlebt. Die Mannschaft müsste auf jeden Fall verstärkt werden. Vor allem in der Abwehr. Fußballspiele werden hinten gewonnen.

Frage: Spüren Sie eigentlich eine gewisse Wehmut, als Rekordspieler vom HSV nie angemessen verabschiedet worden zu sein?

Antwort: Das war schon eine kleine Katastrophe. Ich hätte gern ein Abschiedsspiel gemacht, aber der damalige Präsident – wie heißt der noch gleich (lächelt), Jürgen Hunke – war ein sehr spezieller Mann und ein Abschiedsspiel unter ihm war nicht möglich, warum auch immer. Und dann sagt man in Hamburg eben „tschüs“. Das muss man verarbeiten, aber es bleibt immer was hängen.

Frage: Warum sind Sie auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere nie ins Ausland gewechselt, sondern erst am Ende und dann nur kurz?

Antwort: Das war zu meiner Zeit nur schwer möglich. In den Siebzigern durfte nur ein Ausländer in einer Mannschaft spielen, bei uns war das zum Beispiel Kevin Keagan. Der wollte irgendwann zu Juventus Turin wechseln, und ich wäre mitgegangen. Er hatte ein Angebot von Juve und ich auch, aber es durfte ja nur einer spielen. Und deshalb sind wir beide geblieben. Irgendwann waren dann zwei und später dann drei Ausländer pro Mannschaft erlaubt. Eine totale Freizügigkeit brachte erst das Bosman-Urteil Mitte der Neunziger.

Frage: Warum sind Sie als geborener Pfälzer nach der Fußballkarriere an der Elbe geblieben und haben Hamburg zu Ihrer Heimatstadt gemacht?

Antwort: Ich fahre ja jedes Jahr noch drei oder vier Mal in meine alte Heimat. Aber nach dem Fußball hatte ich hier meine Jobs. Jetzt bin ich seit über 50 Jahren in Hamburg verwurzelt und es gibt nichts Schöneres, wenn man hier lebt. Die Stadt ist natürlich teuer, aber das Flair, die Alster, das Wasser, der Stadtpark – besser geht’s nicht. Und alles erreicht man zu Fuß oder nach vier, fünf Stationen mit der U-Bahn.

Am Sonntag, 28. Mai, zeigt das NDR Fernsehen ab 23.15 Uhr in „Sportclub Story – die HSV-Helden von Athen“.

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