Berlin Klimaforscher Ottmar Edenhofer: Können das 1,5-Grad-Ziel noch schaffen!
Ottmar Edenhofer (61) ist einer der weltweit führenden Klimaforscher. Trotz Rückschlägen ist der Chef des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zuletzt zuversichtlicher geworden, dass das 1,5-Grad-Ziel noch zu schaffen ist. Im Interview erklärt er, was dafür zu tun ist.
Gespräche mit Ottmar Edenhofer haben Grusel-Faktor. So beschreibt der Professor, wie die internationale Klimapolitik in eine „hochriskante“ Phase eingetreten ist. Die Gas- und Ölstaaten versuchen, neue Technologien, etwa so genannte CO2-Staubsauger, als „Feigenblatt“ zu nutzen, um ihr fossiles Geschäft zu retten. Doch dann würde es zu heiß auf der Erde.
Noch kann der Klima-Krimi gut ausgehen. Denn die EU hat schon ein Werkzeug entwickelt, um gemeinsam mit den USA den Ausstieg aus den Fossilen erfolgreich durchzusetzen, wie Edenhofer erklärt. Für die entscheidenden Weichenstellungen blieben aber nur noch „wenige Monate“ Zeit.
Frage: Herr Professor Edenhofer, steht der Ausstieg aus den fossilen Energien auf der Kippe?
Antwort: Nein, aber der Weg zur Klimaneutralität ist kein Selbstläufer. Es geht jetzt auf die nächste Runde der internationalen Klimaverhandlungen zu, und hier ist in letzter Zeit eine gefährliche Debatte aufgekommen: Die Gas- und Ölstaaten sehen eine Möglichkeit, mit neuen Technologien ihr fossiles Geschäft fortführen zu können. Statt aus den Fossilen auszusteigen und die Emissionen zu senken, setzen sie in einem unrealistischen Ausmaß auf die Abscheidung und Speicherung von CO2-Emissionen im Nachhinein.
Frage: Die USA auch. Präsident Joe Biden will eine neue Industrie für CO2-Staubsauger hochziehen. Ist das nicht großartig?
Antwort: So einfach ist es leider nicht. An der Vermeidung von CO2-Emissionen jetzt geht kein Weg vorbei, das zeigt unsere Forschung. Der Entzug von Emissionen aus der Atmosphäre ist zwar notwendig, kann aber das Vermindern von Emissionen nicht ersetzen. Wir werden in einer zweiten Phase der Klimapolitik ab etwa 2050 auf negative Emissionstechnologien angewiesen sein, mit deren Hilfe wir die CO2-Konzentration in der Atmosphäre weiter senken können, damit wir nicht weit oder auf Dauer über das 1,5-Grad-Ziel hinausschießen. Dafür braucht es neue Technologien, um die nicht vermeidbare Restemissionen auszugleichen, etwa aus Industrieprozessen, aber auch aus der Landwirtschaft. Wir müssen aber darüber hinausgehen und in der Bilanz negative Emissionen erreichen.
Frage: Machbar ist das?
Antwort: Das ist zum Beispiel durch Direct Air Capiture möglich, verbunden mit der Einlagerung von CO2 im geologischen Untergrund (CCS). Man wird nicht das gesamte CO2 einlagern, sondern einen Teil dieses atmosphärischen CO2 werden wir für die Produktion synthetischer Kraftstoffe verwenden. Unterm Strich ist die CO2-Entnahme eine planetarische Müllabfuhr: Die muss jene Emissionen aufräumen und entsorgen, die bis Mitte des Jahrhunderts weiter in die Luft geblasen werden.
Frage: Wird die Müllabfuhr stark genug sein, um das Schlimmste zu verhindern?
Antwort: Das ist eine offene Frage. In der Theorie ja, es braucht jetzt Pilotprojekte. Und deswegen sind die Bemühungen in den USA richtig und zu begrüßen. Aber die Verfahren sind noch sehr teuer und teils extrem aufwändig.
Frage: Sollten Deutschland und Europa auch CO2-Staubsauger bauen?
Antwort: Für Deutschland wird Direct Air Capture vermutlich zu teuer. Denn es braucht dafür große Mengen an erneuerbarer Energie, die andere Länder billiger bereitstellen können. Statt selbst solche Anlagen zu bauen, könnte Deutschland in Standorte und Technologien im Ausland investieren, zum Beispiel in Afrika oder in Saudi Arabien. In Europa sehe ich insbesondere für Spanien Potenzial.
Frage: Was ist mit CCS, also dem Abscheiden von CO2 in Industrieprozessen und der Speicherung im Boden?
Antwort: Die CCS-Option ist notwendig in Verbindung mit Direct Air Capture, aber auch in Verbindung mit der Nutzung von Biomasse bei Strom- und Wärmerzeugung. Das Abscheiden von CO2 aus Kohlekraftwerken und die Einlagerung in geologischen Untergrund ist für Europa keine Option, weil es sich im Vergleich zu den anderen Optionen nicht lohnt. Für China mag das anders aussehen. Womöglich werden wir die Technologie vorübergehend zur Erzeugung von blauem Wasserstoff nutzen, der aus fossilen Energieträgern gewonnen wird. Die größte Rolle wird CCS bei Prozessemissionen in der Industrie spielen, damit nicht zu vermeidendes CO2 erst gar nicht in die Atmosphäre gelangt. Das ist also, gezielt eingesetzt, eine sehr wichtige Option für eine klimaneutrale Industrie und allen sollte klar sein: Sowohl die Abscheidung als auch die Speicherung von CO2 sind notwendig.
Frage: Dann brauchen wir neben einem Endlager für Atommüll auch riesige CO2-Endlager in Deutschland?
Antwort: Wir könnten das theoretisch auch in Deutschland angehen, CO2 im Untergrund einlagern. Die Risiken, dass CO2 aus diesen Lagern entweicht, ist beherrschbar. Aber die größten CO2-Speicher werden wohl in Norwegen entstehen, denn vor den norwegischen Küsten gibt es ideale Speichermöglichkeiten.
Frage: Werden uns die neuen Technologien am Ende retten?
Antwort: Um die Erderwärmung zu stoppen, brauchen wir mehr als „nur“ eine vollständig erneuerbare Energieversorgung. Wir brauchen ein Management des gesamten Kohlenstoffkreislaufs, das wird auf globaler Ebene die große Aufgabe des 21. Jahrhunderts. Das betrifft nicht nur neuen Technologien, sondern auch natürliche CO2-Senken, also die Vernässung von Mooren, Aufforstung von Wäldern und so weiter. Nur so erreichen wir eine treibhausgasneutrale Zukunft.
Frage: Damit das gelingt, müssten die globalen Emissionen aber endlich sinken. Stattdessen steigen sie.
Antwort: Die Welt ist leider noch nicht aus Kurs zur Klimaneutralität. Aber es ist schiere Illusion zu glauben, die neuen Technologien könnten uns von der Pflicht entbinden, die Emissionen in den kommenden 10 Jahren drastisch zu reduzieren. Deswegen ist die beim Petersberger Dialog aufgekommene Debatte hoch riskant. Statt über ein entweder oder zu streiten, gilt es jetzt die Zeit zu nutzen, um Emissionen herunterzudrücken. In den kommenden Monaten bis zum nächsten UN-Klimagipfel muss es gelingen, den Kurs weltweit Richtung Ausstieg aus den Fossilen zu setzen.
Frage: Weil das in Europa eingesparte CO2 sonst in anderen Teilen der Welt rausgeblasen wird?
Antwort: Einen weiteren Anstieg der Emissionen zu vermeiden, ist eine riesige Herausforderung. Und deswegen sind die Ansagen der Golfstaaten, so lange wie möglich Gas und Öl verkaufen zu wollen, beunruhigend. Aber es gibt einen Ausweg, und auf den begibt sich die EU bereits.
Frage: Welchen?
Antwort: Die EU kann auf den weltweiten Märkten als Nachfragekartell auftreten und so die Preise für die fossilen Energieträger oder fossile Erzeugnisse nach oben treiben. Das wird verhindern, dass der Nachfragerückgang nach Gas, Öl und Kohle in Europa den Verbrauch in anderen Teilen der Erde billiger macht und befördert.
Frage: Wie soll das klappen?
Antwort: Die EU und die USA müssten sich gemeinsam an den Märkten aufstellen, damit die Gas- und Öl-Exporteure die neuen Technologien nicht als Feigenblatt für ein Weiter-so nutzen können. Das wurde bereits erfolgreich erprobt, als in der Ukraine-Krise ein Höchstpreis für Gas vereinbart wurde. Genauso können Importe von Produkten, die fossil erzeugt werden, höher besteuert werden. Eine solche Preissetzung würde es für die Staaten immer unattraktiver machen, an den Fossilen festzuhalten. Gleichzeitig können Länder mit CO2-Bepreisung so Einnahmen für sich generieren. Der Emissionshandel für Gebäude und Verkehr, der in der EU beschlossene Sache ist, bietet die Blaupause. Damit wird die EU praktisch zu einem Nachfragekartell, weil es für die In-Verkehr-Bringer von Öl und Gas teurer wird. Die EU muss jetzt noch lernen, dieses Potenzial auszuspielen.
Frage: Stellt sich die EU nicht ins Abseits?
Antwort: Nein, das sehe ich nicht. Auch die USA haben ein Interesse, die fossilen Rohstoffe teurer zu machen. Nicht nur, weil es ihre eigenen Ressourcen aufwertet, sondern weil es auf Ihr Ziel einzahlt, bis 2050 C02-neutral zu werden. Die USA und die EU sind zwei mächtige Player.
Frage: Bei der CO2-Bepreisung machen die USA aber nicht mit…
Antwort: Noch nicht. In der EU ist die CO2-Bepreisung das Kernelement der Klimaschutzpolitik, zusammen mit Technologiestandards und Subventionen. Die USA setzen dagegen auf Standards und Subventionen, also auf die Karotte, scheuen aber bislang den Stock. Aber auch die USA werden irgendwann eine CO2-Bepreisung einführen, das könnte schrittweise geschehen: Zunächst werden Technologiestandards etwa im Verkehrssektor eingeführt, die dann handelbar gemacht werden und schließlich können sie in ein CO2 Preissystem überführt werden. In Kalifornien gibt es dieses System bereits.
Frage: Ohne Stock geht es nicht?
Antwort: Auch die USA werden lernen, dass sie einen CO2-Preis brauchen, denn mit Subventionen in neue Technologien allein lassen sich die Emissionen nicht senken. Die bringen zwar neue Technologien in den Markt, drängen fossile Energieträger jedoch nicht aus dem Markt heraus. Das haben wir mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz in Deutschland von A bis Z durchexerziert und gelernt. Trotz Förderung der Erneuerbaren sind zum Beispiel seit Fukushima zehn neue Kohlekraftwerke gebaut worden.
Frage: Was ist mit Verboten?
Antwort: Durch Verbote bei Verbrenner-Neuzulassungen werden zwar irgendwann keine neuen Diesel oder Benziner mehr neu auf die Straße kommen, aber der Fahrzeugbestand bleibt ein Problem: Werden Benzin und Diesel nicht durch höhere CO2-Preise deutlich teurer, werden die alten Wagen auch erstmal lange weitergefahren - die Emissionen sinken also nicht. Weniger CO2 im Verkehrsbereich kommen nur durch eine Verteuerung des Sprits zustande, das zeigen Studien. Dieses Lehrgeld werden auch die USA bezahlen müssen, um bis Mitte des Jahrhunderts Treibhausgas-Neutralität zu erreichen.
Frage: Wie sollte ein US-Präsident das politisch überstehen?
Antwort: Vor anderthalb Jahren hätte auch niemand damit gerechnet, dass Joe Biden mit dem Inflation Reduction Act IRA ein gigantisches Programm für die Transformation in eine grüne Wirtschaft auflegen wird! Das ist ein politisches Meisterwerk, mit dem sich der Präsident ein wichtiges Kapitel in der Geschichte der Vereinigten Staaten sichern wird. Donald Trump zum Trotz sind die USA klimapolitisch nicht nur zurück auf dem Spielfeld der Klimapolitik, sondern bei der Förderung grüner Technologien sogar an der Spitze.
Frage: Vor anderthalb Jahren haben Sie uns gesagt, die Erde steuere nicht auf 1,5 Grad Erwärmung zu, sondern auf 4 Grad. Gilt das noch?
Antwort: Wie gesagt: Die Welt ist noch nicht auf Kurs zur Klimaneutralität, doch bei allen beschriebenen Risiken hat sich doch auch einiges getan. Die EU hat mit dem Green Deal das ehrgeizigste klimapolitische Programm der Welt beschlossen, das im globalen Maßstab seinesgleichen sucht. Joe Biden hat den IRA durchgesetzt und einen weltweiten Wettlauf um grüne Technologien gestartet. Beides ist bemerkenswert und wertvoll im Kampf gegen die Erderwärmung. Und es gibt weitere positive Entwicklungen. Es werden immer mehr geplante Kohlekraftwerke aus der Pipeline genommen. China erwägt, Investitionen in Kohlekraftwerke außerhalb des Landes zu stoppen. Indien denkt über den Kohleausstieg nach und beschäftigt sich mit Plänen für einen nationalen Emissionshandel…
Frage: Dann sind trotz allem die 1,5 Grad noch zu schaffen?
Antwort: Es ist einiges in Bewegung geraten. Und deshalb bin ich heute etwas zuversichtlicher als vor anderthalb Jahren, auch wenn wir weiterhin einen sehr langen Weg vor uns haben.