Kolumne „Intern“ Was darf man eigentlich noch alles sagen – und was besser nicht?
Zwei Dialoge mit Lesern haben mich in dieser Woche intensiv beschäftigt. Beide Male ging es um die Frage, was man schreiben darf und was nicht. Und: Ob es Meinungsfreiheit überhaupt noch gibt?
Das stellt zumindest Leser V. in Frage, ein kritischer Geist mit exponierten Ansichten. Wir diskutieren öfter. Diesmal ging er mir indes zu weit. Er stellte die Berichterstattung über den „Christopher Street Day“ am Wochenende mit dem Hinweis in Frage, dass den „Befindlichkeiten von sexuell Anomalen“ zu viel Platz eingeräumt wurde.
Über Letzteres lässt sich sicher streiten, denn ob unsere Berichterstattung zu groß oder zu klein ausfällt, liegt immer im Auge des Betrachters. Die Formulierung „sexuell Anomale“ kritisierte ich in meiner Antwort aber als homophob. Leser V. nannte es dagegen eine „normale Meinungsäußerung“. Und dann das Totschlagargument: „Der Meinungskorridor (ist) sehr eng geworden und Meinungsfreiheit (wird) immer mehr ausgehöhlt.“
Ach ja? Ehrlich gesagt, kann ich das nicht mehr hören beziehungsweise lesen. Tatsache ist: Jeder darf in diesem Land alles sagen - so lang nicht jemand beleidigt wird oder sonstige strafrechtliche Grenzen überschritten werden. Genau da endet Meinungsfreiheit - und das zu Recht. (V. ist übrigens Jurist, er weiß das.) Alles sagen zu dürfen, heißt aber nicht, dass es darauf keine Reaktionen gibt. Auch die sind Teil der Meinungsfreiheit.
Leser T. ärgerte sich dagegen über den Demo-Aufruf eines Ostrhauderfehner Wolfsfreund, der sich selber als Antifaschist bezeichnet. „Sind im Umkehrschluss alle Demonstranten, die gegen die Ausbreitung des Wolfes in Ostfriesland sind, Faschisten?“, will der Leser wissen und kritisiert uns, dass wir „Plattform für einen Mann (sind), dem es nur darum geht, Unfrieden und am besten Chaos zu verbreiten“. Vielleicht ist das dessen Motiv, vielleicht auch nicht. Wir Journalisten beurteilen das nicht, wir versuchen nur das ganze Spektrum der Meinungen in unserer Gesellschaft abzubilden. Egal, ob sie uns gefallen oder nicht.
Das Internet hat die Höflichkeit getötet
Rangliste der Pressefreiheit – Deutschland rutscht auf Platz 21 ab