Essen Erdogan-Hochburg: Warum wählen in Essen fast 80 Prozent den amtierenden Präsidenten?
Deutschland ist eine Erdogan-Hochburg. Das hat sich bei der vergangenen Türkei-Wahl am 14. Mai erneut gezeigt. Den größten Rückhalt hat der türkische Präsident in Essen. Dort haben ihn knapp 80 Prozent der wahlberechtigten Türkeistämmigen gewählt. Wie ist die Stimmung vor der entscheidenden Stichwahl? Ein Ortsbesuch.
Im Minutentakt halten Autos und Busse vor der Grugahalle in Essen, um Wähler abzusetzen oder einzusammeln. Eine Gruppe Frauen aus Dortmund wartet darauf, abgeholt zu werden. Sie falten ihre Türkeifahne zusammen und sprechen über die Wahl. Auf die Frage, wen sie gewählt haben, gibt es eine einhellige Antwort: „Natürlich Erdogan. Er ist der beste Mann für die Türkei“, sagt eine Frau.
Bei der Frage nach der desaströsen wirtschaftlichen Lage der Türkei mit einer Inflation von zeitweise über 70 Prozent und dem Umgang mit Oppositionellen wird aus dem Gespräch eine hitzige Debatte. Das sei alles Lüge, sagt ein Mann, der zur Gruppe gerufen wird. In der Türkei sei die Inflation niedriger als in Deutschland. „Wir haben es satt, uns diktieren zu lassen, wen wir mögen und wählen sollen“, sagt er lautstark. Die Runde der Frauen nickt und schweigt. Die Deutschen könnten einfach nicht verstehen, wie großartig Erdogan sei, sagt eine der Frauen, bevor sie in den Bus steigt.
Breite Unterstützung für Recep Tayip Erdogan ist in Deutschland alles andere als besonders. Der amtierende türkische Präsident kann sich auf eine treue Wählerschaft verlassen. Knapp 65 Prozent der wahlberechtigten Türken in Deutschland stimmten für Erdogan. In Essen waren es sogar mehr als 77 Prozent.
Zum Vergleich: In der Türkei verpasste er mit 49,5 Prozent die absolute Mehrheit und muss daher in der ersten Stichwahl in der Geschichte der Türkei am 28. Mai gegen den Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu antreten.
Die Interpretation, dass fast zwei Drittel der Türkeistämmigen in Deutschland Erdogan unterstützt, ist trotz des eindeutigen Wahlergebnisses falsch. Schaut man sich die Zahlen genau an, wird klar, wie klein die Gruppe eigentlich ist: Insgesamt leben rund drei Millionen Menschen mit Wurzeln in der Türkei in Deutschland, davon sind nur etwa 1,4 Millionen Menschen wahlberechtigt. Von diesem Recht hat in der ersten Runde der Wahlen nicht einmal die Hälfte Gebrauch gemacht. Im ersten Wahlgang stimmten 475.593 Türkeistämmige in Deutschland für Erdogan – das ist nicht mal jeder dritte Wahlberechtigte.
Dass zur entscheidenden Stichwahl möglichst viele Erdogan-Anhänger zur Urne kommen, dafür scheint auch die Erdogans Partei AKP in Essen zu sorgen. In den sozialen Netzwerken wirbt die AKP mit kostenlosen Fahrten zum Wahllokal. Auf dem Vorplatz der Grugahalle dirigiert ein Mann in Anzug und mit Türkeiflagge als Anstecknadel die Busse, holt Rollstuhle für betagte Wähler und versorgt wartende Menschen mit Wasser und Süßigkeiten. Für wen er hier sei, wolle er nicht sagen. Aber er organisiere.
Die Stimme abzugeben – so scheint es in Essen – ist kein bürokratischer Akt, sondern ein Ereignis, das man mit Familien und Freunden feiert. Viele nutzen die Wartezeit für ein Selfie mit der Türkeiflagge.
Einige zeigen den sogenannten Rabia-Gruß – eine Solidaritätsbekundung zu Erdogan. Der Präsident grüßt mit dieser Geste, die auf die ägyptische Muslimbruderschaft zurückgeht, immer wieder seine Anhänger.
Wer in Deutschland Erdogan wählt, weiß der Migrationsforscher Ruud Koopmans. Vor allem Türkeistämmige aus dem traditionellen, ländlichen Anatolien unterstützten Erdogan. „Aber die Menschen in Deutschland wählen noch konservativer als die Menschen in der Herkunftsregion“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Das sei ein Zeichen gescheiterter Integration. „Erdogans Popularität fußt auf einer Mischung aus Nationalismus und Islamismus und damit ist er offenbar in Deutschland erfolgreich. Zwei Drittel der türkischstämmigen Wähler in Deutschland unterstützt einen Islamofaschisten“, sagt Koopmans.
Der grüne Landwirtschaftsminister Cem Özdemir, dessen Eltern aus der Türkei stammen, sieht auch Versäumnisse der deutschen Politik. „Wenn man Leuten lange genug erzählt, ihr gehört nicht dazu, dann benehmen sie sich irgendwann auch so“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Nach den rassistischen Anschlägen Anfang der 1990er Jahre und den NSU-Morden sähen viele Deutsch-Türken in Erdogan einen Beschützer.
Warum gerade in Essen so viele Menschen Erdogan wählen, liege an dem Mobilisierungsaufwand der AKP, sagt Inci Öykü Yener-Roderburg, Politikwissenschaftlerin an der Universität Dortmund, der Nachrichtenagentur AFP. Wähler seien in Bussen zu den Wahllokalen gefahren worden. Bei der Mobilisierung sei der Moscheeverband Ditib von zentraler Bedeutung. Wegen der hohen Bevölkerungsdichte und geringer Entfernungen in Deutschland ließen sich die Wahlberechtigten zudem „besser mobilisieren und zur Teilnahme an der Wahl bewegen“, sagt Yunus Ulusoy vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen.
Bei zwei junge Frauen hat diese Mobilisierung erst im zweiten Anlauf gefruchtet. Beim ersten Wahlgang seien sie zu Hause geblieben. „Aber jetzt müssen wir wählen“, sagen sie. Denn es dürfe niemand anders als Erdogan gewinnen. Ihren Namen möchten sie, wie die meisten anderen, nicht in der Zeitung oder im Internet lesen. Viele lehnen ein Gespräch komplett ab.
Wenn doch ein Gespräch entsteht, ist der Verlauf ähnlich. Freundlich, aber bestimmt erklären die Menschen, dass Erdogan der Beste sei. Man könne gar nicht erklären, was er alles schon für die Türkei getan hätte. Er habe keine Journalisten verhaften lassen, sondern Terroristen gefangen genommen. Und in der Wirtschaft gebe es immer mal wieder Auf und Abs, alles ganz normal und nicht Erdogans Schuld. Man wisse das aus erster Hand aus Urlaubsbesuchen.
Eine Frau, die allein auf den öffentlichen Bus wartet, sieht das anders. Flüsternd sagt sie: „Ich habe Kilicdaroglu gewählt. Ich bin Kurdin, ich könnte niemals Erdogan wählen. Er bringt die Türkei an den Abgrund”, sagt sie. Vor der Essener Grugahalle ist sie mit dieser Meinung ziemlich allein.
Das türkische Generalkonsulat in Essen teilte auf Twitter mit, dass in vier Tagen insgesamt mehr als 90.000 Wähler ihre Stimme abgegeben haben. Das ist deutlich mehr als im ersten Wahlgang. Es scheint, als habe die Mobilisierung gewirkt. Die Ergebnisse sollen am späten Sonntagabend verkündet werden.
Dann werden die Türkeiflaggen schon längst vom Essener Messegelände verschwunden sein. Die Wähler in Deutschland werden das Ergebnis im Fernsehen anschauen. „Ich habe zwar Nachtschicht, aber ich gucke das auf jeden Fall nebenbei“, sagt ein Mann. Er rechnet mit einer spontanen Party in der Ruhrmetropole. „Erdogan wird auf jeden Fall gewinnen und das müssen wir feiern – auch wenn ich arbeite“, sagt er.