Osnabrück Polizeiruf 110 „Paranoia“: Bärenstarker Abgang für Verena Altenberger
„Paranoia“ ist am Sonntagabend der sechste Polizeiruf 110 aus München für Verena Altenberger. Ein bärenstarker Abgang. Ihre Nachfolgerin steht schon fest.
Es gab eine Zeit Ende des vergangenen Jahrhunderts, da traten Schauspieler bei Tatort und Polizeiruf 110 ihre Kommissarsstelle an, um den Posten über Jahrzehnte und bis über die Pensionsgrenze für Polizisten hinaus zu bekleiden. Ulrike Folkerts, Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl, Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär sind die wohl bekanntesten Vertreter dieser Generation.
Die heutige ist anders. Als Verena Altenberger 2019 als gerade mal 31-Jährige beim Polizeiruf 110 aus München in die überaus großen Fußstapfen eines Matthias Brandt trat, war die Östereicherin für die meisten Zuschauer ein unbeschriebenes Blatt, nur wenige kannten sie aus dem Theater oder anderen Filmen. Entsprechend groß war die Skepsis derjenigen, denen alle(s) Neue(n) erst einmal suspekt sind.
Sie sollten sich täuschen. Fünf Auftritte als Münchner Polizistin Elisabeth „Bessie“ Eyckhoff haben mehr als ausgereicht, um Verena Altenberger bei Publikum und Kritikern gleichermaßen als eine Frau zu etablieren, die einem Krimi eine andere Farbe geben kann. „Jeder ihrer Auftritte war ein Aufschrei gegen die Sonntagabend-Routine“ titelte „Spiegel online“ als bekannt geworden war, dass der sechste Auftritt auch ihr letzter sein wird. Und monierte: „Das ging zu schnell. Viel zu schnell.“
An diesem Sonntag gibt Bessie Eyckhoff, die als Streifenpolizistin begann und dann erst zur Mordermittlerin aufstieg, also schon wieder ihren Ausstand. Auf eine Weise, wie das Publikum des Sonntagskrimis sie mittlerweile schätzt – mit einem bärenstarken Film.
Die Rettungssanitäterin Sarah Kant, großartig gespielt von Marta Kizyma, wird zusammen mit ihrem Kollegen und Ex-Freund Carlo Melchior (Timoein Ziegler) zu einem Notfall gerufen. In einer Dachgeschosswohnung stoßen sie auf eine schwer verletzte junge Frau mit zahlreichen Stich- und Schnittwunden. Es gelingt den beiden, sie zu stabilisieren und in eine Klinik zu bringen. Doch als sich Sarah Kant am nächsten Morgen nach dem Zustand des Opfers erkundigen will, muss sie feststellen, dass die Frau gar nicht als Patientin erfasst und ihre Einsatzfahrt vom Vorabend unter „falscher Alarm” verbucht worden ist.
Zeitgleich mit dem Rettungseinsatz der beiden Sanitäter werden Bessie Eyckhoff und ihr Kollege Dennis Eden (Stephan Zimmer) zu einem Mordfall gerufen: Vor einem Schnellimbiss liegt ein toter Mann mit zahlreichen Stich- und Schnittwunden. Doch nicht nur die Art der Verletzungen gleicht sich – an beiden Tatorten ist auch ein Unbekannter gesehen worden, der Schuhe mit roten Schnürsenkeln trug.
Das ist die Ausgangssituation für einen Krimi, der über 90 Minuten mit hohem Tempo durch den Sonntagabend fliegt. Dabei war die Entstehungsgeschichte keine einfache. Denn die erste Drehbuchfassung hatte noch Krimiautor Claus Cornelius Fischer geschrieben, der dann aber an Corona starb. Sein Kollege Martin Maurer übernahm und schuf zusammen mit Regisseur Tobias Ineichen einen bemerkenswerten Krimi.
„Paranoia” ist außergewöhnlich, vielschichtig, wendungsreich, spannend, ziemlich blutig und von einem feinen, wunderbar skurrilen Humor durchzogen. Viel mehr kann man sich von einem Krimi eigentlich gar nicht wünschen. Nach 73 Minuten schwant es Bessie Eyckhoff dann zum ersten Mal: „Manchmal könnte ich mir noch ganz was Anderes vorstellen, berufsmäßig.“ Dafür bedurfte es dann aber schon eines tiefen Messerstichs in ihren Oberschenkel.
Für das Presseheft des Bayerischen Rundfunks hat Verena Altenberger noch einen Abschiedsbrief an ihre „Liebe Bessie” geschrieben: „Bessie, du wirst mir fehlen. Du bist so herrlich sonderbar, du denkst in interessanten Bahnen und du nimmst dir die Zeit, die du brauchst. Du bist freundlich zu den Menschen, du bist interessiert an all diesen Lebensentwürfen da draußen und du fühlst ehrlich mit den Menschen. Den Guten und den Bösen (...) Danke, dass ich dich kennenlernen durfte. Danke, dass ich mir – wie du – die Zeit nehmen durfte, die ich brauche. Um mich in ein Format einzufinden, um so viele Menschen kennen und schätzen zu lernen und um im richtigen Moment wieder weiterzuziehen. Der richtige Moment, das heißt für mich und für dich wahrscheinlich auch, wenn etwas noch nicht zu Ende ist, wenn etwas noch nicht auserzählt ist, wenn grundsätzlich noch viel möglich gewesen wäre. Danke, Bessie, für alles und adieu, du bedeutest mir sehr viel.” So ist sie, diese neue Generation.
Stephan Zinner wird als Dennis Eden dem Münchner Polizeiruf erhalten bleiben – für Verena Altenberger kommt nun Johanna Wokalek, die als Kriminalhauptkommissarin Cris Blohm einsteigt.
Wieder sind es große Fußstapfen, in die sie tritt, aber die sind im Münchner Polizeiruf längst die Regel. Edgar Selge, Matthias Brandt und nun Verena Altenberger haben nun mal über viele Jahre eines der besten Krimiformate am Sonntagabend geprägt. Und so manchen Zuschauer zu der Erkenntnis gebracht, dass der Polizeiruf vielleicht doch der bessere Tatort sein könnte.
Polizeiruf 110: Paranoia. Das Erste, Sonntag, 11. Juni, 20.15 Uhr.
Wertung: 6 von 6 Sternen