Hamburg/Osnabrück.  Cem Özdemir über Anschlag in Solingen: Mein Vater kontrollierte den Feuerlöscher

Marion Trimborn, Dirk Fisser
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Von Marion Trimborn, Dirk Fisser
| 25.05.2023 02:22 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
30 Jahre nach dem rassistischen Brandanschlag von Solingen mit fünf Toten erinnert sich Grünen-Politiker Cem Özdemir zurück an die Zeit und die Angst in der deutsch-türkischen Gemeinschaft: „Das waren Zustände, die man sich gar nicht vorstellen kann.“ Foto: dpa
30 Jahre nach dem rassistischen Brandanschlag von Solingen mit fünf Toten erinnert sich Grünen-Politiker Cem Özdemir zurück an die Zeit und die Angst in der deutsch-türkischen Gemeinschaft: „Das waren Zustände, die man sich gar nicht vorstellen kann.“ Foto: dpa
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. Vor 30 Jahren erschütterte eine Reihe ausländerfeindlicher Anschläge die Republik, Tiefpunkt: Der tödliche Brandanschlag auf das Wohnhaus der Familie Genç. Im Interview erinnert sich Cem Özdemir zurück, wie sein aus der Türkei eingewanderter Vater den Feuerlöscher zuhause kontrollierte.

In der Nacht zum 29. Mai 1993 geht in Solingen das Wohnhaus der Familie Genç in Flammen auf – ein rechtsextremistisch motivierter Brandanschlag. Fünf Mitglieder der ursprünglich aus der Türkei stammenden Familie sterben. Der Mord ist der erschütternde Tiefpunkt einer ganzen Reihe rassistischer Anschläge vor gut 30 Jahren in Deutschland: Hoyerswerda, Mölln, Rostock-Lichtenhagen und zuletzt Solingen.

Im Interview erinnert sich Grünen-Politiker Cem Özdemir an diese dunkle Zeit. Wie wirkte das Verbrechen auf die deutsch-türkische Gemeinschaft in Deutschland? Wie reagierten die Eltern des heutigen Bundeslandwirtschaftsministers, die selbst in den 60er-Jahren nach Deutschland eingewandert waren? Und ist Deutschland seit damals in Sachen Rassismus ein besseres Land geworden?

Lesen Sie hier den Wortlaut:

Frage: Der furchtbare Brandanschlag von Solingen jährt sich Ende Mai zum 30. Mal. Bei dem Attentat auf das Haus der Familie Genç kamen 1993 fünf Menschen ums Leben. Inwiefern hat dieser Anschlag die türkische Gemeinschaft in Deutschland verändert?

Antwort: Es war eine große Zäsur, weil das nicht der erste schreckliche Anlass dieser Art war. Davor hatte es schon eine Menge rechtsradikaler Anschläge gegeben, etwa in Hoyerswerda, Lichtenhagen, Mölln und schließlich in Solingen. Meine Eltern wollten danach, dass ich mich öffentlich zurückhalte, damit ich nicht selber zur Zielscheibe werde. Sie haben sich überlegt, ob man sich eine Strickleiter zulegt. Mein Vater hat immer geguckt, ob der Feuerlöscher noch funktioniert. Das waren Zustände, die man sich gar nicht vorstellen kann.

Frage: Waren die Türken enttäuscht von Deutschland?

Antwort: Die Lichterketten waren wahnsinnig wichtig als Signal, dass es eine klare Mehrheit in Deutschland gibt, die das verurteilt. Die nicht wartet, bis die damalige Bundesregierung aufwacht und Maßnahmen ergreift. Es gab eine große Enttäuschung gegenüber Berlin, als die Bundesregierung Kohl von Beileidstourismus sprach und der Kanzler nicht an der Trauerfeier teilnahm. Zum Glück hat sich das später geändert.

Frage: Was hat sich seitdem in Deutschland verbessert?

Antwort: Sie sehen beispielsweise einen Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft der Bundesrepublik Deutschland vor sich, dessen Vorfahren nicht schon in der Schlacht am Teutoburger Wald gegen die Römer gekämpft haben, sondern woanders herkommen. In der Politik machen heute nicht mehr Migranten Migrationspolitik, sondern kümmern sich um Klimapolitik, um Sozialpolitik oder eben um Ernährung und Landwirtschaft und Politikerinnen und Politiker ohne Migrationsgeschichte um Migrationsthemen. Das ist genau das, worum es mir immer ging. Die Mehrheit der Migrantinnen und Migranten hat ein großes Zutrauen in den Rechtsstaat und weiß, dass die Mehrheit in diesem Land nichts mit Rechtsradikalismus am Hut hat.

Frage: Was muss sich aus Ihrer Sicht ändern, damit Integration heute besser gelingt?

Antwort: Das Wichtigste wäre, dass die Gesellschaft durchlässiger wird. Es ist leider immer noch so, dass das Schicksal in der Schule durch das Elternhaus vorherbestimmt ist – das gilt nicht nur für Migrantenkinder, sondern auch für Arbeiterkinder ohne Migrationshintergrund. Wenn deine Eltern keine Akademiker sind, ist die Wahrscheinlichkeit in Deutschland besonders hoch, dass du es auch nicht zur Akademikerin schaffst. Das ist nicht nur unter humanitären Gesichtspunkten irrsinnig, sondern auch volkswirtschaftlich. Jedes Kind – egal aus welchem Land und aus welcher Herkunftsfamilie – sollte sein Potenzial maximal ausschöpfen können. 

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