Schwerin  Bei gleicher Qualifizierung bevorzugt abzulehnen?

Michael Seidel
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Von Michael Seidel
| 21.05.2023 17:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Literatur Kunst Kultur 11.05.2023 Potsdam Pfingstkirche Nauener Vorstadt Prof Dirk Oschmann: Der Osten: eine westdeutsch Foto: IMAGO/Eberhard Thonfeld
Literatur Kunst Kultur 11.05.2023 Potsdam Pfingstkirche Nauener Vorstadt Prof Dirk Oschmann: Der Osten: eine westdeutsch Foto: IMAGO/Eberhard Thonfeld
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Mehrere westdeutsche Arbeitsgerichte haben in Diskriminierungsverfahren bestritten, dass Ostdeutsche eine Minderheit darstellten. Das führt zu absurder Stigmatisierung etwa bei der Besetzung von Führungspositionen.

Es war schon im Jahr 2010, da sollte ein Stuttgarter Arbeitsgericht über die Klage einer ostdeutschen Frau entscheiden, die sich aufgrund ihrer „ethnischen Herkunft“ bei einer Stellenbesetzung benachteiligt sah. Der „arme Richter“, schrieb seinerzeit das Magazin „Stern“, habe in seiner Not auf eine Definition für „Ethnie“ aus dem 18. Jahrhundert zurückgegriffen. Und der Frau diesen Status abgesprochen. Wer keine besondere Ethnie und auch keine definierte Minderheit (wie Süddäne oder Sorbe) darstellt, kann auch nicht ihretwegen diskriminiert werden. Soweit klar?

Der nicht ganz unmaßgebliche Ethnologe Thomas Bierschenk von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz bezeichnete das damals als „eklatante Fehlentscheidung“. Hätte das Stuttgarter Gericht zur aktuellen Definition einer Ethnie gegriffen, hätte die Frau Recht bekommen müssen, sagte Bierschenk. „Natürlich sind Ossis eine Ethnie. Das Wir-Gefühl kann durch das Gefühl der Diskriminierung verstärkt werden.“

Nun dürfte mancher Ossi sich dagegen verwahren, kollektiv in eine Ecke gestellt zu werden, schließlich werden die ostdeutschen Lande von höchst verschiedenen Menschenschlägen bevölkert - von Sachsen, Thüringern, Brandenburgern, Mecklenburgern und Vorpommern. Doch wenn es um Benachteiligung geht, mag man um diese Art der „Zwangskollektivierung“ nicht umhin kommen.

Nun gibt es in jüngster Zeit diverse Untersuchungen, die strukturelle Benachteiligungen Ostdeutscher belegen. Unter anderem habe nach dem Mauerfall ein geschichtlich beispiellos radikaler Elitenaustausch auf allen gesellschaftlichen Ebenen stattgefunden, in der Justiz, in den Medien, in der Bundeswehr, an Hochschulen und Universitäten.

Da Eliten sich erwiesenermaßen aus sich selbst rekrutieren, ziehen westdeutsch geprägte Hochschulleitungen instinktiv Kohorten aus ihren Netzwerken nach. Welch‘ absurde Ausprägung das haben kann, beschreibt Dirk Oschmann in seinem Zornesbuch „Der Osten - eine westdeutsche Erfindung“: Zwei gleich gut qualifizierte Ostdeutsche bewarben sich auf einen Lehrstuhl an der Universität Leipzig. Die Berufungskommission entschied sich bei ausdrücklich gleich exzellenter Eignung für den westdeutsch sozialisierten Bewerber. Warum?

Dabei war sich eine Professorin des Fehlers sehr wohl bewusst: Wenn hier zwischen Mann und Frau zu entscheiden wäre, ließ sie wissen, wäre die Wahl unstrittig auf die Frau gefallen, weil die ja bei gleicher Qualifikation bevorzugt werden müsse - oder sich unter Berufung auf das Gleichstellungsgesetz darauf einklagen könnte.

Der Leipziger Medienwissenschaftler Lutz Mükke hatte schon in seiner Studie für die Otto-Brenner-Stiftung „30 Jahre mediale Spaltung“ dafür geworben, analog eine „Ost-Quote“ einzuführen, um wenigstens in Zukunft eine angemessene Vertretung Ostdeutscher zumindest in ostdeutschen Führungspositionen zu erreichen. Der Umweg dauert länger: Über westliche Berufserfahrung vermögen Aufstiegswillige ihre ostdeutsche Sozialisation vielleicht zu „überdecken“. Wenn man also seine Herkunft beschweigt, haben Ossis eine Chance auf Karriere. Wollen wir mal nicht jammern.

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