Wegen Personalnot  So oft sind ostfriesische Rettungswagen nicht mehr pünktlich

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 21.05.2023 15:35 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Es reicht nicht, wenn ein Rettungswagen bereitsteht – auch ausreichend qualifiziertes Personal muss einsatzfähig sein. Symbolfoto: Philipp von Ditfurth/dpa
Es reicht nicht, wenn ein Rettungswagen bereitsteht – auch ausreichend qualifiziertes Personal muss einsatzfähig sein. Symbolfoto: Philipp von Ditfurth/dpa
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Die Personalnöte ostfriesischer Rettungsdienste haben Folgen. In mindestens einem Landkreis konnte zuletzt die Hilfsfrist nicht mehr in ausreichendem Maße eingehalten werden.

Ostfriesland - Ostfriesische Rettungsdienste müssen aus Personalnot Fahrzeuge abmelden – obwohl Sanitäter Zusatzschichten fahren. Und Sanitäter müssen wohlgemerkt schon regulär rund 200 Stunden pro Monat arbeiten, wie aus der Antwort von Emdens Stadtrat Volker Grendel hervorgeht. Im Landkreis Wittmund konnte der Rettungsdienst zuletzt sogar die Hilfsfrist nicht mehr ausreichend häufig einhalten.

Bereits im vergangenen Jahr gab es Personalengpässe in ostfriesischen Rettungsdiensten, die zu Fahrzeugabmeldungen führten. Unserer Redaktion ist ein Notfall im September bekanntgeworden, in dem der erste Rettungswagen wieder abgezogen wurde – um zu einem Notfall zu fahren, der von der Rettungsleitstelle als noch dringlicher eingestuft wurde. Die stark aus der Nase blutende Frau – ihre Hals-Nasen-Ohren-Ärztin ging von einer Schlagader-Blutung aus – musste letztlich 103 Minuten warten, bis ein Rettungswagen kam, der sie mitnehmen konnte. Die Patientin, die in der Vornacht im Norder Krankenhaus versorgt aber wieder heimgeschickt wurde, verlor nach Angaben ihrer Fachärztin und ihres Hausarztes rund ein Drittel ihres Bluts.

Umfrage unter Rettungsdienstträgern und -betreibern

In den vergangenen Wochen erreichten unsere Redaktion erneut Überlastungsanzeigen von Sanitätern. Das war Anlass für eine Umfrage unter Rettungsdienstträgern und -betreibern. Die Leeraner Kreisverwaltung und die Auricher Kreisverwaltung haben die Fragen vom 11. Mai noch nicht beantwortet. Geantwortet haben die Stadtverwaltung Emden und die Kreisverwaltung Wittmund, die Rettungsdienstträger und -betreiber sind, sowie der DRK-Rettungsdienst im Kreis Leer.

Eine Frage zielte auf den Stand der Überstunden ab. Die Kreisverwaltung Wittmund antwortete am 17. Mai: „Es haben sich, seit Diensteintritt des jeweiligen Mitarbeiters, in etwa 1000 Überstunden (Stand heute) für alle Mitarbeiter der Rettungsdienste im Landkreis aufgebaut.“

408 Mehrarbeitsstunden für den Emder Rettungsdienst haben nicht gereicht

Emdens Stadtrat Volker Grendel erklärte, dass Überstunden, die von Sanis nicht abgelehnt werden könnten, „in den letzten Jahren nicht angefallen“ seien. Aber Mehrarbeit. Grendel: „Mehrarbeitsstunden sind Stunden, die Mitarbeitende freiwillig zusätzlich […] wahrnehmen und die durch Bezahlung oder Freizeitausgleich abgegolten werden.“ Im Januar seien 180 Mehrarbeitsstunden angefallen, im Februar 144 Stunden und im März 84 Stunden. Grendel: „Bei 30 Mitarbeitenden sind das pro Mitarbeitendem bezogen auf die monatliche (sich aus Voll- und Bereitschaftsarbeitszeit zusammensetzende) Regelarbeitszeit von circa 200 Stunden im Januar 6 Stunden, im Februar 4,8 Stunden, im März 2,8 Stunden.“

Die 408 Mehrarbeitsstunden reichten für den Emder Rettungsdienst aber nicht, um durch das erste Quartal zu kommen. Grendel berichtete zudem von 432 Stunden, die Bedarfsmitarbeiter abdecken mussten, und 72 Stunden, die an der Rettungsdienst-Börse eingekauft worden seien.

Im Kreis Wittmund kommt die Rettung in zu vielen Notfällen zu spät

Zum April, in dem der Emder Rettungsdienst laut Stadtverwaltung wiederholt Fahrzeuge abmelden musste, nannte Grendel keine Zahlen. Am 21. April waren in der Tagschicht sogar zwei Mehrzweckfahrzeuge (MZF) ausgefallen, die als Rettungs- und Krankentransportwagen eingesetzt werden. Die zwei MZF wurden laut Stadtverwaltung durch einen Notfall-Krankentransportwagen ersetzt, der mit geringer qualifiziertem Personal fahren kann.

Auch die Kreisverwaltung Wittmund und der DRK-Rettungsdienst im Kreis Leer berichten von Fahrzeugabmeldungen. Bezüglich der Überstunden-Zahl verweigerte DRK-Rettungsdienst-Geschäftsführer Markus Wucherpfennig die Auskunft. Auf die Frage, in welchem Maße die Hilfsfrist eingehalten wird, verwies er an die Leeraner Kreisverwaltung – die noch nicht geantwortet hat.

Die Kreisverwaltung Wittmund schreibt bezüglich der Hilfsfrist von 15 Minuten, bezogen auf dieses Jahr: „Die Hilfsfristen wurden in 93,23 Prozent der Einsätze erfüllt.“ Das ist zu wenig. In Niedersachsen sollen in mindestens 95 Prozent der Fälle die Sanis oder der Notarzt vor Ort sein. In Emden gelang das laut Stadtverwaltung zu 96,34 Prozent.

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