Hamburg Lacht Sie das halbe Internet aus, ohne dass Sie es wissen?
Fotos für Instagram, Videos für Tiktok: Überall wird fotografiert, gefilmt und sogar live gestreamt. Was bedeutet das für das Recht am eigenen Bild?
Kennen Sie eigentlich die Videos von mir im Parlamentarium, dem Besucherzentrum des Europäischen Parlaments in Brüssel? Die Szene, in der ich Probleme mit meinem Audioguide habe, oder wie ich im nachgebauten Mini-Parlament die 360-Grad-Installation bestaune? Kennen Sie nicht? Ich auch nicht – und doch weiß ich, dass es diese Aufnahmen irgendwo gibt. Denn ich habe gesehen, wie sie aufgenommen wurden: von den Teilnehmern einer Reisegruppe politisch interessierter Jugendlicher aus der Ukraine. Mit den Smartphones im Anschlag filmten sie einander, die Exponate – und zwangsläufig auch mich; außer der Gruppe und mir war es recht ausgestorben und ich saß nun mal in der „Kulisse“ wie ein spontan zwangsrekrutierter Statist.
Doch genau das ist es, was mich seitdem nachdenklich macht. Es tut mir leid, aber wann ist unsere Welt zur Kulisse für Tiktok-Videos geworden? Eine Kulisse, in der das Recht am eigenen Bild kein Gewicht hat und jeder zum unfreiwilligen Internetphänomen werden kann, der durch das Verlassen der Wohnung als Statist volontiert?
Das Phänomen, ungefragt der dümmlich dreinblickende Unbekannte auf einem Urlaubsschnappschuss zu sein, ist nichts Neues. Nur war der Schaden früher vernachlässigbar, als Fotos als sorgsam eingeklebte Unikate vor sich hin staubten. Heute werden von jedem Donut, jedem Ausflug zum Tulpenfeld oder jedem Dorffest mehr Fotos aufgenommen, als früher auf einen Kamerafilm gepasst hätte. Wie schön, dass die Demokratisierung des Fotografierens durch das Smartphone unser aller Handyspeicher mit Erinnerungen an schöne Momente füllt.
Nur bleiben eben manche Fotos nicht im internen Speicher, sondern werden für ein paar Sekunden Anerkennung auf Social Media hochgeladen: Und was einmal online ist, bleibt erstmal online. Bekannte kann man bitten, einen Post zu löschen (obgleich beispielsweise Instagram sich bis dahin die Rechte sichert, Inhalte zu „verbreiten, modifizieren, kopieren, öffentlich vorzuführen“, nur so zur Info). Doch was, wenn man ungefragt fotografiert oder gefilmt wurde? Dann bekommt man es unter Umständen erst mit, wenn man zur Internetwitzfigur (Meme) wurde.
Nun hat nicht jedes Foto Meme-Potential und nicht jeder Inhalt erreicht Millionen User. Könnte man nicht einfach sagen: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß, warum also überhaupt darüber nachdenken? Weil das Internet eben nicht mehr die lustige Spaßwelt ist, deren Blödeleien keinen Einfluss auf das Offline-Leben haben. Ich möchte jedenfalls nicht, dass Fotos oder Videos von mir beim Feiern oder im Bikini am Strand im Internet auffindbar sind, nur weil ich neben einem filmwütigen Möchtegerninfluencer stand oder saß.
Während es auf der Foto-App Instagram langsam anzukommen scheint, dass man nicht einfach Bilder mit fremden Menschen darauf posten kann, vermisse ich diese Selbsterkenntnis, wenn es um Videoaufnahmen für Tiktok geht. Da wird in Clubs beim Partymachen gefilmt, im Spa, Restaurant oder im Park. Vielleicht braucht es ein paar Abmahnwellen gegen „Content Creator“, vielleicht eine konsequentere Durchsetzung gegen Verletzungen des Rechts am eigenen Bild im digitalen Raum, vielleicht Upload-Filter für Social Media Apps.
Falls Sie übrigens das Video von mir im Museum finden, wäre ich über eine Mail dankbar!