Osnabrück Warum es Deutschland nicht gelingt, eine effektive Zuwanderungspolitik umzusetzen
Rund 630.000 Arbeitsstellen können laut dem Bundesministerium für Wirtschaft aktuell nicht besetzt werden. Kann dieser Misere mit mehr Zuwanderung entgegengesteuert werden? Unsere Experten sind skeptisch.
Unsere Experten zur Annahme, Zuwanderung löse den Fachkräftemangel: Für Professor Matthias Lücke vom Kieler Institut für Weltwirtschaft ist diese Rechnung zu einfach. „Wir haben ja in den letzten zehn Jahren durchschnittlich eine Zuwanderung von einer halbe Million Menschen pro Jahr gehabt, aber das Problem nicht gelöst“, so Lücke. Nicht jeder Migrant bringe die erforderlichen Qualifikationen für Fachberufe mit. Viel eher gelte es, gezielt Menschen mit spezifischen Berufskenntnissen anzuwerben und in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
...zum Vorwurf, es gebe vor allem eine Zuwanderung in die Sozialsysteme: Migrationsforscher Professor Jochen Oltmer von der Universität Osnabrück merkt an, dass es für viele Migranten bürokratische Hürden gebe, sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren. So würden viele unfreiwillig in den Sozialsystemen landen. „Wir sind ein wahres Zeugnis-Land. Wer nicht über die entsprechenden Nachweise seiner Kenntnisse verfügt, hat es schwer, hier Fuß zu fassen. Auch wenn man in seinem Heimatland lange in der entsprechenden Branche tätig war“, sagt Oltmer.
...zur Entwicklung des Arbeitsmarktes seit 2015: Wie Reporterin Marion Trimborn in Bezug auf Zahlen des Statistischen Bundesamts anführt, gehen derzeit nur 50 Prozent der seit 2015 nach Deutschland Geflüchteten einer beruflichen Tätigkeit nach. Souad Lamroubal, Autorin verschiedener Bücher zum Thema Migration, plädiert für einen differenzierten Blick auf die Zahlen: „Viele dieser Menschen möchten gerne arbeiten, aber dies wird ihnen aufgrund eines unsicheren Aufenthaltsstatus verwehrt.“ Derartige Zahlen sollte man deshalb mit Vorbehalt betrachten.
...zu der Entwicklung legaler Migration in den Arbeitsmarkt: Auf die Frage von Moderator Michael Clasen, ob es in absehbarer Zeit gelinge, die legale Migration zu erhöhen, reagiert Jochen Oltmer skeptisch: „Unsere Nachbarländer leiden ja auch an Fachkräftemangel, siehe Frankreich oder die Schweiz. Deshalb gibt es natürlich auch eine erhebliche Konkurrenz.“ Zudem mangele es weltweit an gut ausgebildeten Fachkräften, beispielsweise in der Pflege, sodass man nicht auf unendliche Ressourcen zurückgreifen könne. Eine kurzfristige Lösung sieht Oltmer deshalb in weiter Ferne.
...zur Attraktivität Deutschlands für gut ausgebildete Migranten: Auf dem globalen Markt habe Deutschland nach Matthias Lücke einen großen Nachteil: die Sprache. „In Ländern wie den USA, Großbritannien oder Irland wird bekanntermaßen Englisch gesprochen. Das macht sie für viele Einwanderer attraktiver als Deutschland, wo in der Arbeitswelt weiterhin primär Deutsch gesprochen wird.“
Ein weiterer Grund für Deutschlands unattraktiven Status bei Einwanderern ist laut Souad Lamroubal auch die Angst vor rassistischer Diskriminierung. „In den vergangenen Jahren wurde immer öfter über strukturellen Rassismus debattiert, das kriegen die Menschen im Ausland mit und entscheiden sich vielleicht auch deswegen gegen eine Einreise“, so die Autorin.
...zur Integration von Asylbewerbern in den Arbeitsmarkt: Viele Menschen, die in Deutschland einen Schutzstatus besäßen, werde es nach Aussage von Jochen Oltmer erschwert, hier einer Arbeit nachzugehen: „Wir sprechen über Asyl- und Arbeitsmarktpolitik immer getrennt. Wir müssen jedoch mehr darüber nachdenken, ob wir asylberechtigte Menschen nicht auch gezielt in den Arbeitsmarkt überführen, statt sie als temporäre Zuwanderer betrachten.“
Marion Trimborn führt dies darauf zurück, dass die gesamte Thematik Migration und Asyl sehr emotional besetzt sei. „Wir müssen da deutlichere Worte finden. Was sind unsere Ziele? Wer soll nach Deutschland kommen und wie viele Menschen? Wenn wir darauf eindeutige Antworten bekommen, würde die Debatte deutlich sachlicher verlaufen.“
So würden unsere Experten Deutschland als Einwanderungsland benoten: Würde Deutschland die Schule für Einwanderungsländer besuchen, so würde es wohl gerade noch versetzt werden. Von Marion Trimborn gibt es eine gnädige Drei. Jochen Oltmer neigt ebenfalls zu einer Drei, jedoch mit leichter Tendenz nach unten. Eine Ansicht, die Matthias Lücke teilt, der sich auf eine Drei Minus festlegt.
Von Souad Lamroubal gibt es mit einer Vier Minus die schlechteste Note. „Wir sind irgendwie bisher immer noch so gerade durchgekommen. Langfristig gesehen kann ein solches Niveau jedoch nicht unser Anspruch sein“, so Lamroubal.