Hannover  Schulleiterin Silke Müller: „Kein Smartphone, bevor die Kinder 16 sind“

Lars Laue
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Von Lars Laue
| 26.05.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 12 Minuten
Silke Müller, Leiterin der Waldschule Hatten im Landkreis Oldenburg und Autorin, steht im Klassenzimmer. Mit ihrem Sachbuch „Wir verlieren unsere Kinder“ will die Pädagogin nach eigenen Angaben Eltern, Lehrer und die Politik wachrütteln. Foto: Sina Schuldt/dpa
Silke Müller, Leiterin der Waldschule Hatten im Landkreis Oldenburg und Autorin, steht im Klassenzimmer. Mit ihrem Sachbuch „Wir verlieren unsere Kinder“ will die Pädagogin nach eigenen Angaben Eltern, Lehrer und die Politik wachrütteln. Foto: Sina Schuldt/dpa
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Silke Müller leitet eine Schule im Landkreis Oldenburg. Jetzt hat die Pädagogin ein Buch veröffentlicht mit dem provokanten Titel „Wir verlieren unsere Kinder“. Es geht um Gefahren im Internet. Was sie im Interview schildert, verschlägt einem den Atem.

Die Pädagogin und Buchautorin Silke Müller erhebt im Kampf gegen Hass, Gewalt und Pornografie in sozialen Netzwerken eine radikale Forderung: „Bitte kein Smartphone, bevor die Kinder 16 Jahre alt sind.“ Müller, die kürzlich ihr Sachbuch „Wir verlieren unsere Kinder: Gewalt, Missbrauch, Rassismus – Der verstörende Alltag im Klassen-Chat“ vorgelegt hat, begründet ihre harte Haltung im Interview mit unserer Redaktion damit, dass sich für Kinder und Jugendliche, die ihre Smartphones ohne Beschränkungen nutzen könnten, „das Haifischbecken in voller Gänze“ öffne.

„Und das Schlimme ist, dass die meisten Menschen nicht den Hauch einer Ahnung davon haben, welchen Bildern, Videos und Gefahren unsere Kinder im Netz ausgesetzt sind“, ergänzt die Leiterin der Waldschule Hatten (Landkreis Oldenburg).

Betroffenen Eltern rät die Lehrerin, „dass sie sich schleunigst fit machen im Umgang mit sozialen Netzwerken und sich selbst mal mit den Augen eines Kindes auf Spurensuche im Netz begeben, damit sie wissen, was da los ist“.

Es sei zudem wichtig, den Kindern dabei zu helfen, bestimmte Bilder wieder aus dem Kopf zu bekommen. „Bei Nacktbildern beispielsweise trauen die Kinder sich häufig nicht, mit uns zu sprechen, weil sie peinlich berührt sind, und sie tragen diesen Gedanken der Scham und der Angst dann teilweise über Monate mit sich herum“, beklagt Müller. Es komme daher darauf an, eine Atmosphäre zu schaffen, „in der die Kinder sich an ihre Eltern wenden, wenn sie im Internet oder in sozialen Netzwerken auf Dinge stoßen, die sie schockieren“.

Die Verantwortung dafür, dass Kinder immer früher über eigene Smartphones verfügen, sieht Müller bei den Erziehungsberechtigten. „Irgendwann haben wir Erwachsene begonnen, unseren Kindern Handys zu kaufen. Die sind ja nicht alleine losgezogen und mit einem Smartphone wiedergekommen. Ich weiß schon, dass Kinder ohne Handy heutzutage schnell Außenseiter sind. Aber nicht die Kinder machen sie dazu, sondern schuld sind wir Erwachsenen, die ihnen die Handys immer früher gegeben haben“, sagt Müller im Gespräch mit unserer Redaktion.

Sie fügt hinzu: „Ich glaube, wir sind an einem Punkt, an dem wir diese Entwicklung nicht nur aufhalten, sondern auch wieder zurückdrehen müssen. Dann muss es eben mal eine Generation von Kindern aushalten, dass es nicht mit zwölf Jahren schon ein Smartphone zur unbegrenzten Nutzung gibt. Ich weiß, dass das ein Kampf wäre, aber ich weiß auch, dass er sich auszahlen würde.“

Lesen Sie hier das komplette Interview im Wortlaut:

Frage: Frau Müller, in Ihrem gerade veröffentlichten Buch „Wir verlieren unsere Kinder: Gewalt, Missbrauch, Rassismus – Der verstörende Alltag im Klassen-Chat“ schlagen Sie Alarm und beklagen eine zunehmende Verrohung. Was spielt sich auf den Handys unserer Kinder und Jugendlichen tatsächlich ab?

Antwort: Wir sehen tagtäglich über soziale Netzwerke wie TikTok, Snapchat und mittlerweile auch Twitter die gesamte Bandbreite. Diese reicht von pornografischen Darstellungen über Gewaltexzesse und Hassvideos bis hin zu Demütigungen und verfassungsfeindlichen Beiträgen. Alles Inhalte, bei denen man denkt: Das sollte kein Mensch sehen und Kinder erst recht nicht. Hinzu kommt: Die Inhalte werden immer krasser, es ist unfassbar, was man da sieht.

Frage: Nennen Sie doch mal ein Beispiel, das sie besonders schockiert hat.

Antwort: Ich habe die Kastration eines Mannes gesehen und dachte immer, mich kann nichts mehr schocken. Doch da habe ich mich geirrt: Kürzlich sah ich ein Video, bei dem eine Babykatze bei lebendigem Leib von Kindern in einen Mixer gesteckt wird, der dann angeschaltet wird.

Frage: Was macht das mit Ihnen?

Antwort: Es macht mich wirklich fassungslos, dass Menschen zu solchen Grausamkeiten in der Lage sind und die Verbreitung derartiger Dinge durch technische Regulierungen nicht aufgehalten werden kann. Sicher gab es auch vor digitalen Verbreitungswegen Hass, Gewalt und eine gewisse Faszination des Grausamen. Diese leichte Zugänglichkeit aber ist mir vollkommen unverständlich. Auch Pornografie gibt es wohl seit Menschengedenken. Allerdings sehen die Kinder oft auch in diesem Bereich in meinen Augen desaströse Darstellungen von Demütigung, Herabwürdigung und eben auch sexueller Gewalt. Wenn das erste Begegnungen mit Sexualität bereits für Kinder im Alter von zehn oder elf Jahren sind, stockt mir der Atem.

Frage: Wie haben Sie Einblicke in die Chats erhalten? Für gewöhnlich hütet ja jeder sein Gerät.

Antwort: Schon lange vor der Pandemie haben wir an unserer Schule festgestellt, dass die Kinder auf ihren Geräten Inhalte haben, die uns große Sorgen bereiten. Es ist durchaus schon sieben bis acht Jahre her, dass wir uns selbst auf den Weg gemacht haben, um zu recherchieren, was sich auf den Geräten so alles abspielt. Es ging ganz klassisch los mit Ärger in WhatsApp-Gruppen oder über abgefilmte Szenen auf unserem Schulhof – Fotos von Kindern in despektierlichen Situationen, gefakte Instagramprofile und solche Dinge. Über Eltern sind die Vorfälle halt auch immer wieder bei uns als Schule gelandet. Und das war auch gut so, denn so haben wir überhaupt erst Kenntnis davon erlangt. Mit dem Aufstieg von TikTok sind wir so ab 2018 dann strategisch vorgegangen und haben uns aufgemacht in die Welt, in der die Kinder unterwegs sind.

Frage: Aber wenn Sie sich da anmelden, kommen Sie nicht an die Videos, die den Kindern da gezeigt werden.

Antwort: Richtig, da kommen für mich höchstens Schmink- und Haartutorials und vielleicht ein paar nette Tierchen und das war es dann auch. Ich bediene natürlich nicht den Algorithmus der Kinder und komme nicht in deren „Playlist“. Daher haben wir Avatare angelegt, um mal zu schauen, was da so los ist bei TikTok, Snapchat, Instagram und so. Wir haben auch unsere eigenen Schülerinnen und Schüler ins Boot geholt und um Hilfe gebeten. Nicht um das Ganze zu verteufeln oder Verbote auszusprechen, sondern um eine Tür in diese Welt geöffnet zu bekommen und offen mit den Kindern darüber sprechen zu können. Daraus hat sich dann unsere Social-Media-Sprechstunde entwickelt, mit dem Ergebnis, dass sich unter den Kindern plötzlich eine große Offenheit und Gesprächsbereitschaft entwickelte, weil sie gemerkt haben, dass wir ihnen auf Augenhöhe begegnen. Es hört sich trivial an, aber es ist so wichtig: Wir müssen zuhören und die Kinder zum Gespräch zu uns einladen. Daraus hat sich dann nach und nach ein Gesamtbild entwickelt.

Frage: An Ihrer Schule dürfen private Smartphones nicht benutzt werden. Wie ist es Ihnen gelungen, dieses Verbot bei Kindern und Jugendlichen zwischen zehn und 16 Jahren überhaupt durchzusetzen?

Antwort: Das ist eine spannende Frage, weil ich selbst eigentlich immer sage, dass ein Handyverbot eigentlich nicht die Lösung bringt.

Frage: Okay, wie passt das dann mit Ihrer Schulregel zu Handys zusammen?

Antwort: Ich bin ja auch Digitalbotschafterin des Landes Niedersachsen und stehe für den Fortschritt und für die Digitalisierung von Prozessen in Schulen. Aber Schule hat eben auch eine Vorbildfunktion. Und durch unser Verbot, das natürlich nicht immer eingehalten wird, das weiß ich auch, wollen wir Anreize geben, sich in den Pausen miteinander so ganz traditionell in echt zu unterhalten und nicht mit gesenktem Kopf aufs Handy zu starren. Wir zwingen die Kinder gewissermaßen in die analoge und emotionale Kommunikation und dazu, auch mal wieder auf Bäume zu klettern. Es geht also nicht ums Verteufeln von Handys, sondern darum, mal Abstand von den Geräten zu gewinnen und zu spüren, wie gut sich das anfühlt, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Frage: Nach der Schule aber laufen die Handys wieder heiß.

Antwort: Das ist so. Sobald die Kinder ihre Smartphones ohne Beschränkungen nutzen können, öffnet sich das Haifischbecken in voller Gänze. Und das Schlimme ist, dass die meisten Menschen nicht den Hauch einer Ahnung davon haben, welchen Bildern, Videos und Gefahren unsere Kinder im Netz ausgesetzt sind.

Frage: Also TikTok auf dem Handy verbieten und fertig?

Antwort: Wenn es so einfach wäre. Dann haben die Freunde TikTok und verschicken Videos oder die Kinder löschen die App zu Hause runter und laden sie unterwegs halt wieder drauf. Wir Erwachsene dürfen da nicht so naiv sein.

Frage: Sondern?

Antwort: Wir müssen mit unseren Kindern sprechen. Ihnen klarmachen, dass ihnen da im Netz ganz viel Mist begegnen kann. Es sollte eine Atmosphäre entstehen, in der die Kinder sich an ihre Eltern wenden, wenn sie im Internet oder in sozialen Netzwerke auf Dinge stoßen, die sie schockieren. Es ist auch wichtig, den Kindern dabei zu helfen, diese Bilder wieder aus dem Kopf zu bekommen. Bei Nacktbildern beispielsweise trauen die Kinder sich häufig nicht, mit uns zu sprechen, weil sie peinlich berührt sind und sie tragen diesen Gedanken der Scham und der Angst dann teilweise über Monate mit sich herum.

Frage: Was raten Sie Eltern?

Antwort: Dass sie sich schleunigst fit machen im Umgang mit sozialen Netzwerken und sich selbst mal mit den Augen eines Kindes auf Spurensuche im Netz begeben, damit sie wissen, was da los ist. Wichtig ist auch, den Kindern immer wieder das Gespräch anzubieten nach dem Motto „ich weiß, was Du siehst, aber ich bin Dein Partner und an Deiner Seite und ich bin nicht Dein Gegner“.

Frage: Wie sieht’s mit Smartphones abends im Kinderzimmer vor dem Schlafengehen aus?

Antwort: Niemals! Da sehe ich rot. Genau in diesen Zeiten, abends und in der Nacht, passiert der größte Mist.

Frage: Wie lange funktionieren diese Regeln? Sollen Eltern etwa noch ihren 16- oder 17-jährigen Kindern sagen, dass sie abends das Handy rauslegen müssen?

Antwort: Das ist tatsächlich etwas schwierig, aber ich neige manchmal auch zu Provokationen, um Debatten anzustoßen und zum Nachdenken anzuregen. So sage ich auch: Bitte kein Smartphone, bevor die Kinder 16 Jahre alt sind.

Frage: Ihr Ernst?

Antwort: Warum nicht? Irgendwann haben wir Erwachsene begonnen, unseren Kindern Handys zu kaufen. Die sind ja nicht alleine losgezogen und mit einem Smartphone wiedergekommen. Ich weiß schon, dass Kinder ohne Handy heutzutage schnell Außenseiter sind. Aber nicht die Kinder machen sie dazu, sondern schuld sind wir Erwachsenen, die ihnen die Handys immer früher gegeben haben. Ich glaube, wir sind an einem Punkt, an dem wir diese Entwicklung nicht nur aufhalten, sondern auch wieder zurückdrehen müssen. Dann muss es eben mal eine Generation von Kindern aushalten, dass es nicht mit zwölf Jahren schon ein Smartphone zur unbegrenzten Nutzung gibt. Ich weiß, dass das ein Kampf wäre, aber ich weiß auch, dass er sich auszahlen würde. Zumindest die Diskussion darüber würde sich lohnen.

Frage: Durch Ihre Buchveröffentlichung sind Sie selbst zu einer öffentlichen Person geworden, die in Talkshows zu sehen ist und über die in den Medien umfangreich berichtet wird. Haben Sie in diesem Zuge auch schon unschöne Erfahrungen gemacht und sind beispielsweise angefeindet worden?

Antwort: Anfeindungen gab es bisher nicht, aber mit Blick auf das Buch schon Hinweise auf den etwas reißerischen Titel „Wir verlieren unsere Kinder“. Diesen Titel habe ich aber gewählt, weil ich ihn belegen kann und dieses an verschiedenen Stellen im Buch auch tue. Und natürlich war es mein Ziel, mit dem Buch eine Debatte anzustoßen.

Frage: Das ist Ihnen wahrlich gelungen.

Antwort: Ja, dass das Buch Reaktionen hervorrufen würde, war mir klar, aber dass es auf eine derart große Resonanz stößt, hätte ich nicht gedacht. Aber wie dem auch sei: Ich bin dankbar dafür, denn mein Ziel war es, mit diesem Buch ein Bewusstsein zu schaffen nach dem Motto „Leute, wacht auf und guckt hin, was da auf den Handys unserer Kinder los ist“.

Frage: Was war der Auslöser für Ihr Buch? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Antwort: Es war tatsächlich ein Anruf der Schriftstelleragentur, bei der ich jetzt unter Vertrag bin. Der Agent Dr. Stefan Meyer rief mich an, nachdem er einen Gastbeitrag von mir in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gelesen hatte. Darin ging es um meine Erkenntnisse über soziale Netzwerke. Der Agent meinte, das Thema sei so spannend, dass ich darüber ein Buch schreiben solle.

Frage: Genau genommen haben Sie den ganzen Hass, die Hetze, die Gewalt, die psychischen und sexuellen Übergriffe – all das also, was tagtäglich aus dem Internet auf Kinderseelen einprasselt – in einem Buch zusammengefasst. Eigentlich ist das aber ja nicht ganz neu. Wie erklären Sie sich den Erfolg des Buches?

Antwort: Da muss ich ein bisschen widersprechen. Pornografie, Gewalt, Rassismus – häufig bleibt es doch bei diesen allgemeinen Oberbegriffen, ohne genau zu wissen, was sich dahinter verbirgt. Deswegen waren mir die detaillierten Fallschilderungen in dem Buch auch ganz wichtig. Viele wissen eben nicht, was sich an Gräueln hinter diesen Schlagwörtern versteckt und bekommen durch das Buch die Augen geöffnet. Gleichzeitig erleben wir einen breiten Diskurs über das Thema und das finde ich großartig.

Frage: So großartig, dass Sie schon einer Fortsetzung Ihres Sachbuches arbeiten?

Antwort: Ich würde gern, aber momentan habe ich keine Zeit dazu. Wobei seit November – da hatte ich das Manuskript aus den Händen gegeben – schon wieder so viel passiert ist, dass ich gut schon mit dem zweiten Teil beginnen könnte. Ich hoffe aber erstmal, dass das jetzige Buch nachhaltig Niederschlag findet und eine gesellschaftliche Debatte anstößt. Ein zweiter Teil irgendwann ist aber nicht ausgeschlossen. Die Idee dazu wächst in meinem Kopf.

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