Personaldecke stark ausgedünnt  Läuft die Heckrind-Beweidung des Nabu aus dem Ruder?

Tatjana Gettkowski
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Von Tatjana Gettkowski
| 19.05.2023 12:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Nabu-Mitarbeiter Britta Redeker, Stefan Freese und Uwe Betten haben oft im Team zusammengearbeitet. Jetzt ist die Personaldecke stark ausgedünnt: Betten hat gekündigt, Freese fällt verletzungsbedingt mehrere Monate aus. Archivfoto: Gettkowski
Die Nabu-Mitarbeiter Britta Redeker, Stefan Freese und Uwe Betten haben oft im Team zusammengearbeitet. Jetzt ist die Personaldecke stark ausgedünnt: Betten hat gekündigt, Freese fällt verletzungsbedingt mehrere Monate aus. Archivfoto: Gettkowski
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2007 verendeten in Coldam auf den Weiden des Nabu 16 Heckrinder an den Folgen schlechter Haltung und Mangelernährung. Steuert der Nabu wieder auf Katastrophe zu? Tierfreunde sind offenbar alarmiert.

Coldam - Seit 2017 war Uwe Betten unter anderem für die Heckrinder und Konik-Pferde der Nabu-Weideprojekte in Ostfriesland verantwortlich. In diesem Frühjahr hat er die Geschäftsführung beim Nabu abgegeben und kurz darauf auch als landwirtschaftlicher Leiter seine Kündigung eingereicht. Grund: Arbeitsüberlastung. Ein Nachfolger ist immer noch nicht gefunden. Und es kommt noch schlimmer. Sein Kollege Stefan Freese fällt verletzungsbedingt mehrere Monate aus. Viele Anwohner sind daher besorgt und fragen sich, wie die Versorgung der Tiere sichergestellt wird.

Was und warum

Darum geht es: um die Frage, ob die Betreuung der Tiere in den Nabu-Weideprojekten angesichts personeller Engpässe sichergestellt ist.

Vor allem interessant für: Naturfreunde

Deshalb berichten wir: Der Nabu hat nach eigenen Angaben in letzter Zeit zahlreiche Anfragen besorgter Tierfreunde bezüglich der Tierbestände in den Beweidungsprojekten bekommen.

Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de

Der Hintergrund: Die Nabu-Beweidungsprojekte werden von vielen Naturfreunden kritisch verfolgt, nachdem 2007 in Coldam insgesamt 16 Heckrinder an den Folgen schlechter Haltung und Mangelernährung verendeten. Die bundesweiten Negativschlagzeilen von damals hängen dem Nabu immer noch nach. „Aufgrund von Anfragen bezüglich seiner Tierbestände in den extensiven Weideprojekten“ sah sich der Nabu Niedersachsen jetzt veranlasst, die Öffentlichkeit in einer Pressemitteilung über den Zustand der Tiere und die aktuellen Abläufe im landwirtschaftlichen Betrieb zu informieren.

Geschäftsführung gesucht

Die Stelle von Uwe Betten ist vakant, räumt Dr. Holger Buschmann, Vorsitzender des Nabu Niedersachsen, ein. Im Frühjahr hatte er sich der Nabu-Vorsitzende noch optimistisch geäußert, die Stelle zeitnah wiederbesetzen zu können. Offenbar stellt sich die Suche aber schwieriger dar als erwartet. Die Verantwortung ist groß. „Die Geschäftsführung wäre für den gesamten Betrieb und eine landwirtschaftliche Leitung für den gesamten Bereich des landwirtschaftlichen Betriebes zuständig“, erklärt Buschmann. Eine bereits gewonnene landwirtschaftliche Kraft beginne aber schon im kommenden Monat und werde dann auch bei der Tierbetreuung miteinsteigen.

Das Gelände Thedinga Vorwerk ist weitläufig. Die Entnahme der jährlich notwendigen Blutproben ist eine Herausforderung und steht in diesem Jahr noch an. Foto: Wolters
Das Gelände Thedinga Vorwerk ist weitläufig. Die Entnahme der jährlich notwendigen Blutproben ist eine Herausforderung und steht in diesem Jahr noch an. Foto: Wolters

Nach Informationen dieser Zeitung soll es nach dem Tod von Hermann Busemann für die Bereiche Coldam und Thedinga Vorwerk keine Flächenbetreuung mehr geben. „Der derzeitige Tierbestand auf den Flächen Uhlsmeer, Thedingaer Vorwerk sowie Coldam wird von Mitarbeitenden des Woldenhofes regelmäßig kontrolliert“, teilt dagegen Matthias Freter, Pressesprecher des Nabu Niedersachsen, mit. Die Tierhaltung werde nach dem Konzept einer „Wilden Weide“ betrieben. Die Rinder und Wildpferde lebten somit ganzjährig frei auf den Flächen und würden nicht in Stallungen untergebracht. „Bei Bedarf, insbesondere im Winter, wird jedoch zugefüttert und Medikamente werden zwar nicht prophylaktisch, aber im Bedarfsfall verabreicht“, heißt es in der Pressemitteilung.

Wilde Heckrinder

Dennoch sei die Weidetierhaltung eine Herausforderung. Bislang hätten die einmal jährlich vorgeschriebenen Blutproben nicht genommen werden können. Ein Problem sei laut Freter nicht nur die Größe der Herde, sondern auch „die bisher feuchte Witterung mit Überflutungen der Weidefläche“. Ein weiterer Grund liege „in der Natur der frei lebenden Tiere“. Im Klartext: Die Rinder sind so wild, dass die Entnahme der Blutproben recht schwierig ist und nicht immer auf Anhieb gelingt. Auch das Blut der etwa 20 Rinder in Coldam muss noch untersucht werden.

Die Heckrinder in Coldam haben wieder reichlich Nachwuchs bekommen. Foto: Wolters
Die Heckrinder in Coldam haben wieder reichlich Nachwuchs bekommen. Foto: Wolters

Aber auch das Herdenmanagement ist offenbar schwierig. Im Thedingaer Vorwerk hätten sich die Tiere so stark vermehrt, dass zugefüttert werden musste. „Der Nabu strebt daher mit hoher Priorität eine Reduzierung dieser Herde durch die zeitnahe Entnahme der männlichen Tiere an“, heißt es in der Pressemitteilung. Das Problem: Für einen Transport zu einem Schlachthof sind die Tiere zu wild. Sie werden direkt auf der Weide geschossen und in einem speziell ausgestatteten Schlachtwagen vor Ort verarbeitet. „Voraussetzung ist nach neuer EU-Gesetzgebung seit diesem Jahr ein Konzept für die Weideschlachtung und die EU-Zertifizierung des Schlachtmobils des Fleischers. Beides ist in Arbeit“, so Freter. Solange die Bullen auf der Weide sind, werden sie sich fortpflanzen, und die Zahl der Rinder wächst weiter. Das gilt auch für die beiden Weideflächen am Uhlsmeer und in Coldam.

Bewährte Beweidungsprojekte

Grundsätzlich hält der Nabu an den Projekten fest. „In Betracht gezogen werden müssen aber auch die deutlich steigenden Kosten aufgrund von steigenden formalen Auflagen, steigendem Personalaufwand und den steigenden Kosten aufgrund der Inflation“, macht Nabu-Sprecher Freter auf Nachfrage deutlich. Eine Fortführung dieser Projekte werde auch davon abhängen, wie stark der Nabu von der öffentlichen Hand unterstützt werde.

Für den Landesvorsitzenden des Nabu Niedersachsen, hat die extensive Beweidung ihre Berechtigung. „Sie ist ein bewährtes und absolut notwendiges Mittel für den Naturschutz. Nachweislich haben auf den Flächen Arten- und Blütenreichtum deutlich zugenommen“, so Dr. Holger Buschmann. „Ganz abgesehen davon leistet diese Beweidungsform einen Beitrag für den Klimaschutz, da auf den Flächen Kohlenstoff eingelagert wird und sie damit zusammen mit wachsenden Mooren und Naturwäldern zu unseren größten CO2-Senken zählen.“

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