Neumünster Warum ältere Menschen oft Opfer von Betrug und Abzocke sind – und was dagegen hilft
Eine 87-Jährige übergibt am Bahnhof 60.000 Euro an Betrüger. Falsche Polizeibeamte ergattern 30.000 Euro für die angebliche Freilassung der Tochter einer Rentnerin. Die Liste solcher Fälle ist lang. Wieso sind Senioren so anfällig für Enkeltricks? Und was passiert dabei im Gehirn?
Eine 87-jährige Rentnerin aus Schleswig-Holstein ist Opfer eines Betrugs geworden: 60.000 Euro hat sie verloren. Eine Woche zuvor hatte es bereits eine andere Seniorin erwischt, die durch Betrüger um 30.000 Euro ärmer wurde.
Die Betrugsmaschen sind oft bekannt, trotzdem fallen immer wieder vor allem ältere Menschen darauf rein. Woran liegt das?
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„Diese Methode ist eine emotionale und große Stresssituation. Es wird Druck aufgebaut, zum Beispiel durch lautes Schreien. Dieser Schockmoment blockiert das rationale Denken“, weiß Nils Oldekop. Er ist Einrichtungsleiter des DRK Neumünster und unter anderem zuständig für die ambulante Pflege von Senioren.
Die psychologische Psychotherapeutin Christine Dickenhorst-Grittner aus Neumünster vermutet: „Beim Enkeltrick übernimmt das autonome Nervensystem die Führung. Betroffene erleben neben dem hohen Stresslevel eine große Angst.“
Das Stress- und Gefühlszentrum fährt in einer solchen Situation hoch, wie es bei Bedrohungen immer reagiert, damit wir schnell handeln können. Es verfolgt dabei die gute Absicht und das Überleben. „In einem Betrugsfall kann allerdings unser Fronthirn mit seinen exekutiven Funktionen – planen, überlegen, rational handeln – nicht arbeiten. Erst muss die vermeintliche Gefahr beseitigt werden“, erklärt die Psychotherapeutin.
Dickenhorst-Grittner vergleicht eine solche Lage mit einer Prüfungssituation: „Die Aufgabe wird nicht bewältigt. Das sorgt für Stress und die Bedrohung und Anspannung steigt immer höher. Es kommt zum Blackout und der Zugriff auf das Fronthirn ist eingeschränkt.“
Doch warum sind unter den Opfern von Enkeltricks immer wieder Senioren, die schon große Lebenserfahrung haben? „Das ist ein normaler Alterungsprozess, der auch zu einem verlangsamten Denken führt“, sagt Oldekop, weist aber auch darauf hin, dass das nicht bei allen Senioren so ist.
„Ältere Menschen fühlen sich im Leben nicht mehr so sicher, das macht sie vermutlich stressanfälliger“, sagt Dickenhorst-Grittner, „Frauen gelten als beziehungsorientiert. Männer als rationaler, daher könnten Frauen anfälliger sein. Die innere Sicherheit gegenüber Anforderungen nimmt im Alter ab, unabhängig vom Geschlecht.“
Oldekop ist sich sicher: „Es ist ein schambehaftetes Thema. Die Dunkelziffer ist sicherlich viel größer.“ Und auch Dickenhorst-Grittner animiert Betroffene, sich nicht zu verstecken: „Da denkt man danach immer: ‚Wie blöd kann man sein?‘ und zugleich ist es zutiefst menschlich.“
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Wie können sich potenzielle Opfer aber gegen Betrugsmaschen schützen? Nils Oldekop rät dazu, wachsam zu bleiben, darüber zu sprechen, auch wenn es passiert ist, jemanden zu Rate zu ziehen und die Polizei zu alarmieren – und vor allem: Ruhe bewahren.
„Die Stresshormone sind in der Regel nach 24 Stunden wieder weg.“ Damit es nicht noch mehr solcher Betrugsfälle gibt, leistet das DRK Aufklärungsarbeit. „Wir wünschen uns auch Wachsamkeit der Bankangestellten, wenn Kunden hohe Beträge abheben wollen“, so Oldekop.