Nur über Kontakte  Kampf um Kindergartenplätze in Leer

Katja Mielcarek
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Von Katja Mielcarek
| 14.05.2023 11:03 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Sie lächeln für die Kamera, aber in ihrem Innern brodelt es: Mütter, die befürchten müssen, dass sie im nächsten Kindergartenjahr keinen Betreuungsplatz für ihre Kinder bekommen. Foto: Ortgies
Sie lächeln für die Kamera, aber in ihrem Innern brodelt es: Mütter, die befürchten müssen, dass sie im nächsten Kindergartenjahr keinen Betreuungsplatz für ihre Kinder bekommen. Foto: Ortgies
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Laut Landkreis Leer fehlen in Leer rund 200 Kita-Plätze. Eine Situation, die für viele Familien verheerend ist. Einige von ihnen erzählen von ihrer Situation und warum das Vergabesystem ungerecht ist.

Leer - Es sind fünf Frauen, die zum Gespräch mit der Zeitung gekommen sind, es könnten aber noch viel mehr sein, versichern sie und zählen diverse Namen auf, deren Träger aus den verschiedensten Gründen verhindert seien. Sie alle eint: Sie müssen davon ausgehen, dass sie ab August keinen Kindergartenplatz für ihre Kinder bekommen. Es gebe auch Frauen, die nicht gekommen sind, weil sie sich nicht den Unmut der Verantwortlichen zuziehen und damit die letzte Chance verbauen wollen, vielleicht doch noch einen der letzten noch freiwerdenden Plätze zu ergattern.

Was und warum

Darum geht es: Bei den Eltern, die im kommenden Jahr wohl keinen Kindergartenplatz für ihre Kinder bekommen werden, steigen Verzweiflung und Wut. Kritisiert wird vor allem das Vergabesystem.

Vor allem interessant für: Eltern von Kindergartenkinder und solche, die es bald werden wollen

Deshalb berichten wir: Eltern hatten uns kontaktiert.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de

Um die 200 Betreuungsplätze fehlten in der Stadt Leer derzeit, hatte der Landkreis vor einigen Wochen mitgeteilt. Viele Eltern, die nach dem vorläufigen Ende des Vergabeverfahrens leer ausgegangen sind, sind sauer, einige regelrecht verzweifelt. Die Mieten stiegen, die Kosten für die Nebenkosten und für Lebensmittel auch, deshalb müsste sie dringend arbeiten, um nicht in finanzielle Nöte zu kommen, sagt Yasmin Teke. Ohne Kindergartenplatz gehe das aber nicht.

Angst um Arbeitsplätze

Sarah Röhlinger ist noch im Mutterschutz. Der sollte im August enden. Wenn ihre Töchter aber nicht versorgt sind, wird es damit nichts werden. „Irgendwann macht das mein Arbeitgeber auch nicht mehr mit“, befürchtet sie. Und Maike Klausing hat ernsthaft Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, wenn sich für ihre Kinder nicht doch noch ein Betreuungsplatz auftut. Wie es dann finanziell mit ihrer Familie weitergehen würde, weiß sie noch nicht.

Marleen Perseke ist erst vor zwei Jahren nach Leer gezogen – wegen der Arbeit. Familienangehörige, die als Betreuung einspringen könnten, hat sie nicht in der Nähe. „Ohne Kindergartenplatz müsste ich aufhören zu arbeiten.“ Sie ist aber noch gut dran: Ihr Sohn, eigentlich ein Vorschulkind, ist so fit, dass sie es verantworten kann, ihn schon jetzt einzuschulen.

Mit Rückstand in die Schule

Das sieht bei Hevin Matuso anders aus. Ihr Sohn droht, schon das dritten Jahr hintereinander leer auszugehen. „Er wird dann wohl in die Schule kommen, ohne je im Kindergarten gewesen zu sein“, sagt sie. Sie macht sich Sorgen, denn sie befürchtet, dass ihr Sohn damit automatisch Schwierigkeiten haben wird, zumal er zu Hause entsprechend der Nationalitäten seiner Eltern vor allem irakisch und syrisch und eher wenig deutsch spricht.

Hat sie das Gefühl, dass sie als nichtdeutsche Mitbürgerin schlechtere Chancen auf einen Kindergartenplatz hat? „Irgendwie schon“, sagt sie. Und Perseke ergänzt, dass es offensichtlich generell für Auswärtige schwieriger sei: „Wenn man hier kein Netzwerk hat, ist man definitiv benachteiligt. Das läuft nur über Kontakte.“

Kritik am Vergabesystem

In der Kritik am Vergabesystem sind sich die Frauen einig. „Das ist gut, wenn genügend Kindergartenplätze da sind“, sagt Sarah Röhlinger, „aber in einer Situation wie jetzt ist es völlig undurchsichtig und ungeeignet.“ Bisher geben die Eltern bei der Bewerbung um einen Kindergartenplatz einen Erst-, einen Zweit- und einen Drittwunsch an. In der ersten Runde werden die Erstwünsche vergeben. Wer da nicht zum Zuge kam, kann hoffen, dass in seiner Zweit- oder in der dritten Runde in der Drittwunsch-Kita noch Plätze frei sind. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist allerdings nicht hoch.

Welche Kinder jeweils aufgenommen werden, entscheiden die Kitas selber. Sie sind dabei an keine Vorgabe gebunden, außer, dass sie nicht diskriminieren dürfen. Sie müssen auch vorher nicht angeben, anhand welcher Kriterien sie aussuchen. So bevorzugt die eine Kita Geschwisterkinder, die andere nicht. Eine achtet vor allem darauf, dass alleinerziehende Eltern bedacht werden, eine andere nicht. Die eine übernimmt die Kinder, die aus der Krippe in den Kindergarten aufrücken, sicher, die andere nicht.

Andere Kommunen machten das viel durchsichtige, findet Perseke. „Da gibt es ein ganz klares und vorher kommuniziertes Punktesystem und die Eltern müssen ihre Angaben mit Unterlagen belegen. Damit sind die Entscheidungen nachvollziehbar.“ Sie überlegt mittlerweile ernsthaft, ob sie Leer wieder verlassen soll. „Das Ganze macht Leer für junge Familien unattraktiv“, sagt sie.

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