Köln  Psychische Gewalt im Sport: „Erwachsene nehmen Kinder häufig nicht ernst“

Mona Alker
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Von Mona Alker
| 12.05.2023 15:46 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Laut Studien sind auch im Breitensport zahlreiche Sportlerinnen und Sportler von psychischer Gewalt betroffen (Symbolbild). Foto: imago/Vukovic
Laut Studien sind auch im Breitensport zahlreiche Sportlerinnen und Sportler von psychischer Gewalt betroffen (Symbolbild). Foto: imago/Vukovic
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Egal ob die Handballerinnen in Dortmund oder die Turnerinnen in Chemnitz: Psychische Gewalt im Sport ist kein Einzelfall. Welche schwerwiegenden Konsequenzen drohen und was Eltern tun können, erklärt Jeannine Ohlert von der Sporthochschule Köln im Interview.

Frage: Frau Ohlert, im vergangenen Jahr haben zahlreiche Handballerinnen BVB-Trainer André Fuhr psychische Gewalt vorgeworfen. Inwiefern ist die Thematik relevanter denn je?

Antwort: Psychische Gewalt im Sport war schon immer relevant. Früher hat vielleicht niemand was dagegen gesagt – aber das heißt nicht, dass es das früher nicht gab. Die SafeSport-Studie zeigt, dass 80 bis 90 Prozent der von uns befragten Leistungssportler mindestens ein Mal psychische Gewalt erlebt haben. Im Breitensport sind es bis zu zwei Drittel, also zwei von drei Sportlern! Das ist viel zu viel. Eine respektvolle Umgangsweise ist leider noch zu wenig in den Köpfen der Leute.

Frage: Was versteht man denn eigentlich unter psychischer Gewalt?

Antwort: Nach unserer Definition beginnt psychische Gewalt dort, wo Kommentare und Kritik nichts mehr mit der Sache zu tun haben – weil es darum geht, eine Person klein zu machen, sie zu beschämen oder lächerlich zu machen.

Frage: Haben Sie ein Beispiel?

Antwort: Wenn jemand sagt: „Du hast das nicht gut gemacht“, dann ist das keine psychische Gewalt. Wenn aber jemand sagt: „Du bist ein Vollidiot“, dann geht es gegen die Person und hat mit der Sache nichts mehr zu tun. Dann sprechen wir von Gewalt. Dazu zählt übrigens auch übermäßiges Anschreien und Kritisieren – alles, was dazu dient, die eigene Macht zu demonstrieren.

Frage: Um es überspitzt zu formulieren: Warum ist das ein Problem? Es gibt immer wieder Stimmen, die sagen: Wenn man im Sport etwas erreichen möchte, muss man auch einstecken können.

Antwort: Das höre ich öfter. Ich frage dann immer: Warum? Es ist nicht notwendig, dass man so etwas einstecken kann. Wir sehen, dass psychische Gewalt gravierende Folgen für die Betroffenen hat. Das reicht von Depressionen über Essstörungen bis hin zu Suizid. Psychische Gewalt macht etwas mit den Menschen. Die Auswirkungen sind teilweise schlimmer als bei körperlicher oder sexualisierter Gewalt.

Frage: Wenn der Verdacht psychischer Gewalt besteht, was ist dann zu tun?

Antwort: Bisher gibt es leider relativ wenig Hilfsangebote. Es gibt zwar Hotlines, beispielsweise von Athleten Deutschland, aber die beziehen sich nur auf den Leistungssport. Eine Anlaufstelle für den Breitensport ist im Aufbau durch das Bundesinnenministerium. Was man im Kleinen tun kann, ist: Das Gespräch suchen. Psychische Gewalt gibt es zwar auch unter den Sportlern, aber häufig hat sie etwas mit einem bestimmten Führungsstil zu tun, den die Trainer verwenden – weil sie glauben, das sei die richtige Art, um ihre Sportler zu motivieren. Da ist es hilfreich, wenn man ins Gespräch kommt und sagt: „Pass auf, das ist ein Führungsstil, der ist heute nicht mehr zeitgemäß. Der macht was mit den Menschen.“ Das Ziel ist nicht, Trainer in die Pfanne zu hauen. Sondern sie in Sachen Führungsstil und Umgangsformen zu unterstützen. Wichtig dabei: Es sind die Erwachsenen, die in der Verantwortung stehen.

Frage: Inwiefern?

Antwort: Sportler, vor allem Minderjährige, stehen immer in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Trainer. Deswegen muss der Verein vorarbeiten. Es braucht zum Beispiel eine Ansprechperson für solche Fälle, die allen Kindern und Jugendlichen bekannt ist, und alle müssen gemeinsam hinschauen.

Frage: Viele Vereine haben eine solche Ansprechperson vielleicht noch gar nicht – wem vertrauen sich die Kinder Ihrer Erfahrung nach an?

Antwort: Wie unsere Studien zeigen, wird leider überwiegend gar nicht oder nur mit den Freunden gesprochen. Einfach, weil Kinder sehr unsicher sind, mit wem sie darüber reden dürfen und ob sie überhaupt gehört werden, wenn sie Beschwerden haben. Leider ist es auch immer noch so, dass Erwachsene Kinder häufig nicht ernst nehmen, wenn sie mit solchen Berichten kommen.

Frage: Wie können Eltern denn sicherstellen, dass ihre Kinder im Verein gut aufgehoben sind?

Antwort: Wenn Eltern ihr Kind in einen Verein geben, können sie sich in erster Linie erkundigen: Hat dieser Verein ein Kinderschutzkonzept und was bedeutet das konkret? So etwas macht tatsächlich viel aus. Wenn es so ein Konzept nicht gibt, kann man schauen, dass man eine Arbeitsgruppe zusammenbekommt, die sich mit dem Thema befasst. Und was immer hilft: Hinschauen. Wenn jemandem auffällt, dass ein Verhalten nicht in Ordnung ist, sollte man das ansprechen.

Frage: Wie kann man denn unterscheiden, ob tatsächlich psychische Gewalt vorliegt – oder eine Person einfach sensibler reagiert als andere?

Antwort: Grundsätzlich gehen wir immer vom subjektiven Empfinden der betroffenen Person aus. Das heißt: Wenn ein bestimmtes Verhalten eine Person verletzt, dann ist dieses Verhalten nicht angemessen. Bei einer gewaltfreien Umgebung geht es immer darum, gegenseitige Grenzen zu respektieren. Und diese Grenzen können eben unterschiedlich sein.

Frage: Gibt es bestimmte Konstellationen, die psychische Gewalt begünstigen?

Antwort: Ja, auf jeden Fall. Die Gefahr für Gewalt ist zum Beispiel deutlich höher, wenn wir starke Hierarchien haben - also wenn es einzelne Personen gibt, die sehr viel Macht haben. Oft trauen sich die anderen dann nicht, etwas dagegen zu sagen.

Frage: Also sollte Verantwortung besser aufgeteilt werden?

Antwort: Genau. Es geht darum, dass Trainer zum Beispiel die Meinung der Athleten wertschätzen, ihre Rückmeldungen ernst nehmen und sie altersgerecht in Entscheidungen mit einbinden. Auch Kinder und Jugendliche sollten mit ihrer Stimme respektiert werden – ohne, dass sie plötzlich alles alleine entscheiden.

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