Kolumne „Intern“ Das Internet hat die Höflichkeit getötet
Haben Sie schon mal einem Fremden auf der Straße gesagt, dass er ein Idiot sei? Bestimmt nicht. Im Internet hingegen ist das völlig normal. Da kennen viele Leute keine Hemmungen.
Kommunikation hat sich in digitalen Zeiten völlig verändert. Wer sich aufregt über den Text eines Journalisten, der musste früher in der Redaktion anrufen (sehr selten), warten, dass er den Autor auf der Straße trifft (noch unwahrscheinlicher) oder einen Leserbrief schreiben (dauerte Tage). Heute gibt‘s sofort einen saftigen Post auf Facebook, einen nicht minder unfreundlichen Kommentar auf der Webseite oder eine schnelle E-Mail, gerne mal mit dem Hinweis, dass der Journalist wie üblich keine Ahnung hat.
Zur Person
Joachim Braun (57) ist Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung, des General-Anzeigers und der Borkumer Zeitung. Davor leitete er die Redaktionen der Frankfurter Neuen Presse und des Nordbayerischen Kurier in Bayreuth. 2012 wurde er von einer Fachjury zu Deutschlands „Regional-Chefredakteur des Jahres“ gewählt.
Von Angesicht zu Angesicht würde der Leser dem Redakteur nie das sagen, was er mal so eben schreibt. Schnelligkeit versus gute Manieren. In einem Podcast, den ich gerade höre, erzählt Österreichs bekanntester Journalist, ORF-Nachrichtenmoderator Armin Wolf, dass er erst von drei Leuten auf der Straße beschimpft wurde. Einer davon war betrunken, der zweite hatte ihn verwechselt. Ich kenne das auch so. Und auch wenn Leser, die mich auf der Straße ansprechen, durchaus kritisch sind, höflich bleiben sie immer.
Das gilt sogar innerhalb unserer Redaktion. Da wir an verschiedenen Standorten arbeiten, nutzen wir Teams, ein Kommunikationswerkzeug, das Unterhaltungen abbildet, zu zweit, ressortweise oder für die gesamte Redaktion.
Eine junge Kollegin erwähnte gestern im Teams-Kanal „Themenideen“ voller Euphorie eine Geschichte über „7vs Wild“. Ganz unschuldig fragte ich nach, was das denn sei - und fiel buchstäblich unter die Wölfe. Wie unbedarft ich doch sei, dass ich nicht wisse, dass das eine erfolgreiche Videoreihe auf Youtube sei. Mein Hinweis, die Reaktionen würden mich aufgrund fortgeschrittenen Alters diskriminieren, wurden damit gekontert, das sei jetzt „schon fast #okBoomer“. Was das heißt, musste ich auch erst googeln: abschätziges Verhalten von Angehörigen der Baby-Boomer-Generation (bis Jahrgang 1965) gegenüber jüngeren Leuten. Wenn ich den Kollegen treffe, der das geschrieben hat, kann der sich was anhören von mir. Versprochen!
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