London  Hat die BBC ihre Unabhängigkeit von Regierung und Krone aufgegeben?

Susanne Ebner
|
Von Susanne Ebner
| 11.05.2023 16:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wie geht es mit der BBC weiter? Foto: dpa/Jordan Pettitt
Wie geht es mit der BBC weiter? Foto: dpa/Jordan Pettitt
Artikel teilen:

Es werden Vorwürfe laut, dass die Rundfunkanstalt ihre Berichterstattung über die Krönung mit dem Palast abgesprochen hat. Und auch sonst wirkt nicht mehr alles so überparteilich, wie es sein sollte.

„Pa, wir alle sind so stolz auf dich“, sagte Prinz William beim Krönungskonzert in Windsor. Mit diesen Worten würdigte der Thronfolger auf der Bühne seinen Vater, König Charles III. Veranstaltet und ausgestrahlt wurde das Event am Sonntag von der BBC, jener öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt, die von Briten auch liebevoll „Auntie Beeb“ genannt wird.

Am Samstag wird der Sender auch das Finale des „Eurovision Song Contest“ in Liverpool zeigen. Die BBC ist die älteste und weltweit berühmteste Rundfunkanstalt. Wie die Monarchie oder das Parlament gilt sie als Pfeiler des Vereinigten Königreichs. Schließlich berichtete sie über wichtige Ereignisse, vom Zweiten Weltkrieg, über die Krönung von Königin Elizabeth II. bis zu jener von Charles III. am vergangenen Wochenende.

Zuletzt geriet die BBC jedoch vor allem wegen einer ganzen Reihe von Skandalen in den Fokus der Öffentlichkeit. Ein Problem, mit dem sich die Sendeanstalt konfrontiert sieht, sind etwa die anhaltenden Diskussionen zur Ausgewogenheit und Unabhängigkeit der Berichterstattung. Fragen zur Unparteilichkeit des nationalen Senders kamen in den vergangenen Tagen auch anlässlich der Krönung von König Charles auf, weil die BBC dem Buckingham-Palast laut dem „Guardian“ Mitspracherecht bezüglich des Filmmaterials einräumte.

Weil Tory-Abgeordnete der BBC seit dem Brexit vorwerfen, dass dort nur linkslastige Journalisten arbeiteten und überdies mit der Abschaffung der Gebühren drohten, zensiere sich der Sender auch selbst im Hinblick auf die politische Berichterstattung, kritisierte die frühere BBC-Moderatorin Emily Maitlis. Der BBC-Veteran Andrew Marr wechselte Ende 2021 zum Radiosender LBC, weil er in dem, was er sagte, freier sein wollte. Zahlreiche weitere Star-Moderatoren verließen die britische Rundfunkanstalt. Maitlis, die im Jahr 2019 ein Interview mit Prinz Andrew geführt hatte, produzierte kürzlich eine Dokumentation über den umstrittenen Royal für den Sender „Channel 4“ – als „alternative“ Berichterstattung zur Krönung, wie es hieß.

Für Negativ-Schlagzeilen sorgte die BBC überdies als die bekannteste Fußballsendung Großbritanniens „Match of the Day“ im März von einem Tag auf den anderen keinen Moderator mehr hatte. Die britische Rundfunkanstalt hatte den berühmten Ex-Fußballer Gary Lineker suspendiert, weil dieser mit einem regierungskritischen Kommentar auf Twitter gegen redaktionelle Richtlinien verstoßen habe. Womit die BBC jedoch nicht gerechnet hatte, war der Sturm der Entrüstung, der daraufhin losbrach. Linekers Kollegen bei der Sendung kündigten an, ebenfalls nicht mehr zu moderieren, aus Solidarität mit ihm. Immer mehr Mitarbeiter schlossen sich der Rebellion an. Es drohte ein Generalstreik. Schließlich holte BBC-Chef Tim Davie den Nationalhelden wieder zurück.

Zu der Diskussion gehört auch, dass Davie einst eine Karriere in der konservativen Partei anstrebte und der BBC-Vorsitzende Richard Sharp den Tories viel Geld spendete. Dieser verschaffte Ex-Premier Boris Johnson überdies einen Privatkredit in Höhe von umgerechnet etwa 900.000 Euro, ohne dies als Interessenkonflikt anzugeben. Der Verdacht von Vetternwirtschaft belastete den Sender. Nachdem ein unabhängiger Bericht Ende April bestätigte, dass Sharp im Zusammenhang mit dem Darlehen gegen die Regeln für öffentliche Ämter verstoßen hatte, gab dieser schließlich auf und kündigte an, im Juni von seinem Posten zurückzutreten. Die Frage, die im Königreich seitdem erneut heiß diskutiert wird, ist: Wie viel Einfluss hat die konservative Regierung auf die BBC?

Der aktuelle Premierminister Rishi Sunak betonte zwar, dass Sharp im Jahr 2021 durch „ein strenges, unabhängiges und seit Langem etabliertes Verfahren“ zu diesem Posten gekommen sei. Das Problem ist aus Sicht vieler Experten aber, dass die Ernennung des BBC-Vorsitzenden letztlich vom Regierungschef genehmigt wird. Tatsächlich empfiehlt dieser gemäß der „Royal Charter“ dem Monarchen, also König Charles III., wer den Job erhalten soll. Die „Royal Charter“ ist die mit dem königlichen Siegel versehene rechtliche Grundlage der BBC. Die Rufe nach einem Ende dieser Praxis werden jedoch lauter. Die Tageszeitung „i News“ bezeichnete das Verfahren als „veraltet“. Die Regierung lehnt es bislang jedoch ab, die Charta vor der nächsten Überprüfung im Jahr 2027 zu ändern.

Ein weiteres Problem, mit dem sich die Sendeanstalt konfrontiert sieht, sind die anhaltenden Diskussionen um die Finanzierung. Insbesondere die Rundfunkgebühr in Höhe von umgerechnet über 180 Euro jährlich ist höchst umstritten. Die Mehrheit der Briten spricht sich laut Umfragen dagegen aus. Die konservative Regierung fror die Finanzierung für die Dauer von zwei Jahren ein. Somit müssten mit den 3,8 Milliarden Pfund pro Jahr, die die Gebühren einbrächten, unter anderem alle Fernseh-, Radiosender und Online-Produkte unterhalten werden, sagte der frühere BBC-Nachrichtendirektor Tony Hall. Er bezeichnete diese Situation angesichts der Inflation als „große Herausforderung“.

Ähnliche Artikel