Die Schwächsten behüten Große Offensive – Kinder vor Gewalt schützen
Alle Kitas müssen bis zum Sommer ein Konzept dazu ausarbeiten, wie sie Gewalt verhindern. Wir durften in eines schon jetzt reinschauen.
Rheiderland - Wenn Kindern früh etwas Schlimmes widerfährt, hat das Folgen. „Traumata beeinflussen die Gesundheit eines Menschen ihr ganzes Leben lang, das Risikoverhalten bis hin zu einem früheren Tod“, so zitierte Harm-Markus van Vügt von der Verwaltung im Bunder Ausschuss die große ACE-Studie (Adverse Childhood Experiences, 1998, 2009), in der mehr als 17.000 Erwachsene befragt worden sind. In dieser und vielen anderen Studien konnten immer wieder Zusammenhänge zwischen belastenden Kindheitserlebnissen und schädlichen Verhaltensweisen nachgewiesen werden.
Was und warum
Darum geht es: Jede Kita muss im Sommer ein Gewaltschutz-Konzept abliefern. Wir durften schon jetzt erfahren, worum es in denen geht.
Vor allem interessant für: diejenigen, die Kinder haben
Deshalb berichten wir: In Bunde gaben Kitaleiterinnen einen Einblick in die Arbeit an dem Konzept. Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de
Ein großer Teil passiert im Elternhaus, aber auch Institutionen können zum „Tatort“ werden. Im Jahr 2022 sind insgesamt 393 Meldungen beim Landesjugendamt eingegangen. 2021 waren es noch 330. Welche davon aus dem Kreis Leer kamen, werde nicht aufgeschlüsselt, so Mareike Wellmeier, Sprecherin des Regionalen Landesamtes für Schule und Bildung. Fest steht: Es gab auch Fälle in der Region. Ein Mitarbeiter der Filius-Krippe in Weener hat zum Jahreswechsel 21/22 ein Kind stolpern lassen, ein anderes mit einem Spielzeug geschlagen. Es habe sich nicht um schwere oder gar sexuelle Gewalt gehandelt. „Dennoch darf so etwas nicht passieren. Wir haben den Mitarbeiter sofort aus der Einrichtung abgezogen“, wurde Heiko Höfelmann, Bereichsleiter Kinder und Jugend Lebenshilfe Leer, in einer Mitteilung der Stadt Weener zitiert. Die Fälle sind dem Landesjugendamt gemeldet worden. Mit der Reaktion des Trägers und dessen Kinderschutzkonzept zeigten sich Eltern und Landesjugendamt einst zufrieden. Nun muss jede Einrichtung ein neues Konzept zum Schutz vor Gewalt erarbeiten.
Wieso jetzt?
Das Gesetz zur Stärkung von Kindern und Jugendlichen ist 2021 verabschiedet worden. Damit ist „eine umfangreiche Reform“ in Kraft getreten, „die alle Kinder und Jugendlichen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern, sie vor Gefahr für ihr Wohl schützen und ihnen eine umfassende Teilhabe ermöglichen soll“, erklärt Wellmeier. Als einen zentralen Baustein eines wirksamen Kinderschutzes hat der Gesetzgeber nun für alle Einrichtungen – auch Kindertageseinrichtungen – ein Konzept zum Schutz vor Gewalt vorgeschrieben. Die Konzepte müssen dem Landesjugendamt spätestens bis zum 31. Juli vorgelegt werden.
Wer schreibt die Konzepte?
Die Arbeit an so einem Konzept werde „in der Praxis ein dauerhafter (Team-)Prozess sein“, so Wellmeier. Damit hat sie Recht. Schon jetzt, da noch an den Konzepten gefeilt wird. Bei den beiden Kindertagesstätten Dollart und Wymeer arbeiten die jeweiligen Teams an den Konzepten.
Die Leiterinnen Birgitt Boekhoff (Wymeer) und Bettina Müseler (Dollart) haben vorgestellt, wie das funktioniert und wie weit sie sind. Schnell wird klar: So ein Konzept braucht jede Menge Arbeit, Teamtage und Fortbildungen. In der Ausschusssitzung wird das Inhaltsverzeichnis des Konzeptes an die Wand geworfen. Unzählige Unterpunkte, verschiedene Faktoren gehören rein.
Wie sehen die aus?
„Zunächst haben wir uns mit den gesetzlichen Grundlagen auseinandergesetzt“, erklärt Boekhoff. „Die Fragen sind da: Was fällt unter seelische, körperliche Gewalt, Vernachlässigung, Verletzung der Aufsichtspflicht“, zählt sie auf. Man gehe allerdings auch auf die Gründe ein, die zu Gewalt in den Einrichtungen führen könnten. „Die sind sehr unterschiedlich. Angefangen bei der eigenen belastenden Biografie eines Mitarbeiters, Probleme im privaten Bereich wie eine Trennung, ein hoher Krankenstand in der Kita. Das alles kann zu einer Überforderung führen“, sagt sie.
Ein weiterer wichtiger Teil sei die Risikoanalyse: „Das ist dann für jede Kita ganz speziell“, sagt Boekhoff. „Welche baulichen Umstände könnten Fehlverhalten begünstigen, ist da die Frage. Oder in welchen Situationen braucht es einen Leitfaden“, nennt sie als Beispiele. 19 dieser kniffeligeren Situationen habe ihr Team bereits zusammengetragen. „Wir haben einen Verhaltenskodex für fast alle von ihnen in zwei Treffen erarbeitet, aber wir sind noch dabei“, sagt sie. Es nehme Zeit in Anspruch, herauszuarbeiten, wie man einen grenzwahrenden Umgang mit den Kindern sicherstellen könne. Wie man ein gutes Verhältnis zwischen Nähe und Distanz behalten könne.
Was ist neu?
Ein weiterer großer Punkt im Konzept sei das Beschwerde-Management. „Da gibt es nicht viel Neues, es gibt zum Beispiel eine App“, sagt sie. „Wir wollen die Eltern aber ermuntern, die Beschwerden auch wirklich vorzutragen. Nur so können wir etwas anpassen oder auch erklären, warum wir es so machen, wie wir es tun“, so Boekhoff. „Manchmal ist da viel Zurückhaltung, weil die Eltern fürchten, es könne auf die Kinder zurückfallen.“ Die Sorge wolle man ausräumen.
Nicht nur für die Eltern, auch für die Kinder soll in dem Konzept festgeschrieben sein, wie sie sich einbringen können. „Die Kinder sollen unter anderem die Möglichkeiten der Selbstvertretung und der Beschwerde erhalten“, sagt Wellmeier.