Artikel 1, GG  Mache ich mich nicht kleiner, als ich bin?

Canan Topçu
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Eine Kolumne von Canan Topçu
| 10.05.2023 09:08 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Canan Topçu
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Unsere Kolumnistin versteht die Debatte um das N-Wort nicht mehr. Sie stellt sich die Frage, was herablassende Worte mit uns machen und wie wir darauf reagieren können.

Vermutlich ist es im Norden nicht angekommen: Es blieb nicht bei Attacken gegen Boris Palmer, weil er auf der Frankfurter Migrationskonferenz unter anderem das „N-Wort“ aussprach; scharf angegangen wird auch die Organisatorin Professorin Susanne Schröter, gegen sie gibt es eine Unterschriftenaktion – eine Hetzkampagne.

Kontrovers geführte Debatten über Thema X, Y oder Z sind gar nicht beabsichtigt, es geht ums Rechtbehalten und das Durchsetzen der eigenen Position. Die unsäglichen Streitereien und Pöbeleien um das eine Wort sind nur eines der Beispiele.

Warum vehement gegen jegliche Verwendung dieses Wortes – unabhängig vom Kontext – gestritten wird, kann ich nicht mehr nachvollziehen. Dass ein Wort allein traumatisiert und verletzt und „Rassismus reproduziert“, egal wie und wann es verwendet wird, leuchtet mir nicht mehr ein. Das Beharren darauf, dieses eine Wort aus dem Sprachschatz zu tilgen, ignoriert meines Erachtens, dass das Benennen erforderlich ist, um sich mit Rassismus in Geschichte und heute auseinanderzusetzen.

Ich denke bei den inzwischen in Eskalationen endenden Streitereien an die zum feststehenden Begriff gewordene Abkürzung „KZ“, Konzentrationslager: ist ebenfalls mit unbeschreiblich viel Leid für eine nicht unerhebliche Personengruppe verbunden. Wie ist es für Juden beim Hören und Lesen von „KZ“?

Vielleicht ist der Vergleich voll daneben. Die Frage ist nicht rhetorisch gestellt, sie beschäftigt mich wirklich.

Auch andere Fragen wimmeln in meinem Kopf: Würde ich mich von einem Wort verletzt fühlen, wenn ich um die negative Intention weiß? Würde nicht erst mein Reagieren auf das herablassend verwendete Wort mich schwächen? Mache ich mich nicht kleiner, hilfloser und schwächer, als ich bin, wenn ich mich von diesem Wort gemeint fühle? Gestehe ich nicht erst dadurch dem, der das Wort ausspricht und es auch an mich adressiert, Macht zu?

Kontakt: kolumne@zgo.de

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