Traditionsklub in Abstiegsgefahr  Zum 108. Geburtstag droht Germania Leer die Kreisliga

| | 09.05.2023 13:44 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Für Germania Leer ist es fünf vor zwölf. Das wissen auch Trainer Arndt Watzema (von links), der mächtige 2. Vorsitzende Ferhat Özdemir und Co-Trainer und Spielerberater Rüdiger Schult. Foto: Doden/Emden
Für Germania Leer ist es fünf vor zwölf. Das wissen auch Trainer Arndt Watzema (von links), der mächtige 2. Vorsitzende Ferhat Özdemir und Co-Trainer und Spielerberater Rüdiger Schult. Foto: Doden/Emden
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Nach dem historischen 1:8 hat sich die Lage für den VfL im Tabellenkeller zugespitzt. Der Dreikampf, die Relegation zu verhindern, geht Mittwoch weiter. Die Ausgangslage für Germania ist bedenklich.

Leer - Germania Leer in der Kreisliga: Diese Vorstellung konnte bis vor kurzem als April-Scherz durchgehen. Doch im Mai 2023 ist das Unvorstellbare vorstellbar. Die Lage ist alles andere als witzig. Der Traditionsverein befindet sich nicht erst seit dem historischen 1:8-Debakel beim TV Bunde im Abstiegskampf der Fußball-Bezirksliga.

Doch das vergangene Wochenende mit der Klatsche im Rheiderland und den Siegen der beiden Konkurrenten SV Jheringsfehn/Stikelkamp/Timmel und SpVg Aurich hat die Situation und Stimmung nochmals verschlechtert. Aus dem Kellertrio werden am Ende zwei Teams die Klasse halten, eine Mannschaft muss in die Relegation gegen den Ostfrieslandliga-Dritten gehen. Dass das Germania Leer sein könnte, ist möglicher denn je.

Eine bittere Rückserie erlebt der VfL Germania Leer. In zehn Spielen gab es noch keinen Sieg. Foto: Doden/Emden
Eine bittere Rückserie erlebt der VfL Germania Leer. In zehn Spielen gab es noch keinen Sieg. Foto: Doden/Emden

Schon Mittwochabend geht der Dreikampf mit Nachholspielen weiter. Jheringsfehn erwartet Wallinghausen (19 Uhr), Aurich den SV Holtland (20 Uhr) und Leer tritt beim TuS Strudden (20 Uhr) an. „Vor der Klatsche in Bunde stimmte die Leistung. Ich hoffe, dass wir in Strudden punkten können“, sagt Rüdiger Schult. Der Ex-Profi und Berater von ausländischen Amateurkickern, die auch bei Vereinen im Nordwesten unterkommen, ist offiziell seit Ende Februar Co-Trainer. Auch das sagt viel über Germania im Jahr 2023 aus.

Hinserie war noch ordentlich

Er ist kein Assistent, der sich am Spielfeldrand im Hintergrund aufhält. Bei der höchsten Germania-Niederlage seit 20 Jahren am Sonntag vertrat er als Haupttrainer Arndt Watzema, der am Donnerstag aus dem schon lange geplanten Urlaub zurückkehrt. Dann verabschiedet sich wiederum Schult in eine mehrwöchige Zwangspause. Also ist Schult auch nochmal in Strudden verantwortlich. Am Donnerstag bekommt er dann eine neue Hüfte. „Danach geht es direkt in die Reha. Ich hoffe, dass ich noch bei einigen Spielen dabei sein kann.“

Im Tabellenkeller geht es auch mal emotional zu. Der SV Jheringsfehn (links) hat die inzwischen die bessere Ausgangslage als Germania (rechts). Foto: Doden/Emden
Im Tabellenkeller geht es auch mal emotional zu. Der SV Jheringsfehn (links) hat die inzwischen die bessere Ausgangslage als Germania (rechts). Foto: Doden/Emden

24 Punkte holte der Landesliga-Absteiger in den ersten 18 Saisonspielen vor der Winterpause. Es war eine gute Bilanz für eine völlig neu zusammengestellte Mannschaft nach dem Chaos-Sommer 2022, in dem fast alle Spieler den VfL verließen. Das Mixed-Team bestand aus Germanen, Niederländern und Akademie-Spielern. Im Winter verließen die stärksten beiden Niederländer Leer Richtung SV Wilhelmshaven, leistungsstarke „Amis“ gingen ebenfalls aus unterschiedlichsten Gründen – auch Trainer Frank Bajen trat aus persönlichen Gründen Anfang Januar zurück.

Fehleinschätzung im Winter

Die Vereinsführung schätzte die Lage dabei offensichtlich falsch ein. Dann kam es nach der Wechselfrist im März auch noch zur Trennung vom nach mehr Macht strebenden Co-Trainer George Goguadze, in dessen Schlepptau wiederum noch niederländische Spieler hingen. Sie waren nun auch nicht mehr da. Aufgefüllt wurde der Mini-Kader auch mit Akademie-Spielern aus Schüttorf. „Das sind aber junge Leute, die sich eigentlich noch entwickeln müssen“, sagt Schult. Gestandenere Akteure waren längst woanders „untergekommen“.

Restprogramm der Kellerkinder

SV Jheringsfehn (27 Spiele/ 28 Punkte)

SV Wallinghausen (H)

SV Hage (A)

SF Larrelt (H)

TuS Esens (H)

TuS Middels (H)

Ostfrisia Moordorf (A)

SpVg Aurich (H/ letzter Spieltag)

Germania Leer (28 Spiele/ 27 Punkte)

TuS Strudden (A)

SV Großefehn (H)

SV Holtland (A)

SV Wallinghausen (H)

SV Hage (H)

TuS Pewsum (A/ letzter Spieltag)

SpVg Aurich (28 Spiele/ 26 Punkte)

SV Holtland (H)

FC Norden (A)

SV Hage (H)

TuS Esens (A)

SF Larrel (A)

SV Jheringsfehn (A/ letzter Spieltag)

Die sportliche Bilanz in 2023 ist erschreckend: Sieben Niederlagen, drei Remis. Dabei holte man aus den direkten Kellerduellen gegen die Absteiger Suurhusen (3:3) und Moordorf (0:1) und Partien gegen Jheringsfehn (0:1) und in Aurich (0:0) nur zwei von zwölf möglichen Punkten. Der Vorsprung auf den Relegationsplatz ist vor den letzten sechs Germania-Spielen auf einen Zähler geschmolzen, das Selbstvertrauen natürlich gesunken. Das Restprogramm spricht vor allem für Jheringsfehn (siehe Tabelle).

Potenzielle Zugänge warten ab

„Es ist für uns alle eine schwierige Situation“, sagt Harry Janssen. Er wurde im März als neuer Sportlicher Leiter vorgestellt, der sich vor allem um den Neuanfang ab Sommer mit dem neuen Trainer Erhan Colak (TuRa 07 Westrhauderfehn) kümmern soll. Sonntag unterstützte er wegen der Watzema-Abwesenheit Schult aus dem Hintergrund. Doch das soll eine Ausnahme gewesen sein. Die Kader-Gespräche für die neue Saison sind derzeit schwierig – die potenziellen Neuzugänge können auch die Tabelle deuten.

Die SpVg Aurich (links) und Germania Leer haben das schwerere Restprogramm als der SV Jheringsfehn. Foto: Doden/Emden
Die SpVg Aurich (links) und Germania Leer haben das schwerere Restprogramm als der SV Jheringsfehn. Foto: Doden/Emden

Die Kreisliga ist für Germania nämlich längst nichts Unvorstellbares mehr. Die SpVg Aurich stieg 2011 zum 100. Klubgeburtstag das erste und einzige Mal in die Kreisliga ab. Germania, Jahrzehnte in ganz anderen Ligen unterwegs, droht dieser Worst Case im 108. Jahr des Bestehens. Sechs Spiele und gegenbenenfalls noch die Relegation hat man Zeit, dies zu verhindern.

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